Der Anteil von Frauen im Handwerk wächst – und mit ihm die Nachfrage nach Berufskleidung, die wirklich passt. Denn Unisex-Schnitte stoßen im Arbeitsalltag an Grenzen: Falsch sitzende Sicherheitsschuhe erhöhen das Unfallrisiko, im schlimmsten Fall werden sie gar nicht getragen. Was Hersteller wie Baak, Mewa und Gore-Tex jetzt entwickeln – und warum passende Arbeitskleidung zum Mittel der Mitarbeiterbindung wird.
Der Anteil von Frauen im Handwerk ist noch immer gering. Aber zumindest wächst die Zahl der Frauen mit Meisterbrief. Laut IW Köln stieg deren Anteil 2024 im Vergleich zu 2013 von rund 13 auf 17 Prozent. In männerdominierten Gewerken wie dem Hoch- und Tiefbau hat sich die Zahl der Meisterinnen sogar mehr als verdoppelt. Auch deshalb rücken die Hersteller von Berufskleidung die weibliche Zielgruppe verstärkt in den Fokus – wobei es um weit mehr geht als um modische Vorlieben.
Denn Frauen sind anders gebaut als Männer und brauchen deshalb häufig andere Passformen und eine eigene Ergonomie – schließlich muss sich die Berufskleidung im harten Arbeitsalltag bewähren. "Frauen haben im Durchschnitt andere Körperproportionen und eine andere Fußgeometrie als Männer. Wird das bei der Entwicklung nicht berücksichtigt, kann die Ausrüstung drücken, scheuern oder die Bewegungsfreiheit einschränken", sagt Frank Sasse, Teamleiter bei der Marke Gore-Tex. "Gerade im Handwerk macht das einen Unterschied. Deshalb wird die Passform zunehmend als Teil der Gesamtleistung eines Produkts betrachtet – und nicht nur als Komfortmerkmal."
Auf schlankerem Fuß unterwegs
Sonja Arians entwickelt seit acht Jahren die Sicherheitsschuhe des Schuhherstellers Baak. Die gelernte Schuhmodelleurin mit vielen Jahrzehnten Erfahrung in der Branche präzisiert die anatomischen Unterschiede: "Frauen haben eine andere Körperhaltung und aufgrund ihres breiteren Beckens eine andere Gewichtsverteilung auf dem Fuß sowie eine andere Bewegungsmechanik. Auch sind ihre Füße und Fersen meist schlanker, Frauen brauchen daher bei ihrem Arbeitsschuhwerk einen anderen Fersenhalt."
Hinzu kommt, dass Details wie plakative Brusttaschen an Jacken oder Oberteilen bei Männern optisch und praktisch gut ankommen mögen, an Frauen aber oft unvorteilhaft wirken. "In solchen Fällen gestalten wir bei Damenmodellen die Taschen dezenter", berichtet Silvia Mertens, Leiterin des Produktmanagements bei Mewa. Die gelernte Bekleidungsnäherin hat Bekleidungsfertigung und Betriebswirtschaft studiert und ist seit über 30 Jahren im Unternehmen. "Zudem gilt es, darauf zu achten, bei allen Anpassungen die spezifischen Funktionen der Berufskleidung wie etwa spezielle Taschen für das Werkzeug sowie die Werkzeugschlaufen bei den jeweiligen Ausprägungen für Männer und Frauen gleichermaßen umzusetzen."
Nachfrage nach Damenmodellen steigt deutlich
Mewa bietet im Workwear-Bereich in allen Hauptkollektionen Damenmodelle an – etwa in Dynamic Industry, Dynamic Construct, Peak, Bodyforce sowie der neuesten Eigenentwicklung Dynamic Works. Farblich passende Damen-Basics wie T-Shirts und Polos ergänzen die Kollektionen. Im Bereich Sicherheitsschuhe gehören Damen-Versionen ebenfalls zum Angebot. "Frauen wählen häufiger Halbschuhe, Männer eher Schnürstiefel", so Mertens. "Das Sortiment für Frauen ist daher schwerpunktmäßig auf Halbschuhe ausgelegt. Zudem gibt es Modelle, die das Thema Hallux bedienen, das bei Männern zwar auch vorkommen kann, bei Frauen allerdings deutlich ausgeprägter ist."
Bei der Berufskleidung für Frauen hat die Leiterin des Mewa-Produktmanagements in den vergangenen 15 Jahren einen klaren Trend beobachtet: weg von Kitteln und Kasacks, hin zu Hosen, Shirts und funktionellen Jacken. "Die Nachfrage hat in den letzten drei Jahren im Bereich Damen-Workwear generell stark angezogen", sagt Mertens. "Das liegt nicht nur an der Zunahme der Frauen in der Branche, sondern in Zeiten von Fachkräftemangel auch an der Wertschätzung, die man mit komfortabler, perfekt sitzender und gutaussehender Arbeitskleidung als Arbeitgeber zum Ausdruck bringen kann. Die Kleidung ist ein Mittel zur Mitarbeiterbindung." Auch bei weiterer Persönlicher Schutzausrüstung (PSA) steigt nach ihrer Einschätzung die Nachfrage, daher entwickelt Mewa inzwischen – über die Sicherheitsschuhe hinaus – verschiedene PSA-Bekleidungskollektionen für Damen.
10 Prozent Damenmodelle
Bei Baak liegt der Anteil der Damenmodelle an der Gesamtkollektion derzeit bei zehn Prozent, Tendenz steigend. Vor eineinhalb Jahren begann der Schuhhersteller, eigene Damenmodelle zu entwickeln. Ausschlaggebend dafür waren die Nachfrage von Kundinnen – insbesondere auf dem niederländischen Markt – sowie eine interne Analyse. "Begonnen hat es mit Damenmodellen in der Street-Serie. Die Modelle Alea und Alessia – ein Halbschuh und ein Stiefel aus unserer Bestseller-Serie Adventure – sind zudem seit April erhältlich, das neue Hallux-Damen-Modell Sol seit Juli", berichtet Arians.
Glückliche Augen beim Test
"Wir haben dafür spezielle Leisten mit einer anderen Spannhöhe und einem flacheren Rist entwickelt", erklärt Sonja Arians. "Die Schnittführung bei Damenmodellen ist etwas schlanker und kontrollierter, so können Druckstellen, Blasen, Schmerzen und eine eingeschränkte Beweglichkeit vermieden werden." Bei einer falschen Passform steigt laut Arians das Unfallrisiko – im schlimmsten Fall werde der Sicherheitsschuh dann gar nicht erst getragen, weil die Beschäftigten ihn nicht akzeptieren. Für Alea und Alessia hat Arians schon während der Konzeption einen großen Tragetest mit potenziellen Trägerinnen durchgeführt. "Ich erinnere mich an glückliche Augen, die Frauen waren froh über den passenden Schuh. Insgesamt konnten wir – auch dank des Feedbacks der Frauen – den Halt am Fuß verbessern, es gab weniger Druckstellen, ein optimales Abrollverhalten sowie ein geringeres Verletzungsrisiko."

Vorteile von Unisex
Bei allen Vorteilen geschlechtsspezifischer Hosen, Shirts und Schuhe: Unisex-Modelle gehören bei vielen Herstellern nach wie vor zum Portfolio – so auch bei Baak und Mewa. "Es ist wichtig, dass es eine Auswahl gibt, und die hatten Frauen früher nicht", sagt Arians von Baak. "Die Unisex-Modelle bei Baak können für all diejenigen die richtigen sein, für die weder die Damen- noch die Herren-Passform optimal ist." Auch Mewa setzt auf Unisex. "Bei Outdoorartikeln wie Wetterjacken oder Hoodies kommen anatomische Unterschiede nicht zum Tragen, weil diese Artikel meist über anderer Bekleidung getragen werden", sagt Mertens. "Da ist ein weiter Schnitt teilweise sogar vorteilhafter."
Und auch bei der Marke Gore-Tex erkennt man die Vorzüge von Unisex-Angeboten. "Sobald Beschäftigte ihre Ausrüstung jedoch viele Stunden tragen und dabei körperlich arbeiten, zeigen sich die Grenzen solcher Konzepte", gibt Sasse zu bedenken. "Aus Gesprächen mit Herstellern und Anwendern wissen wir, dass viele Frauen speziell entwickelte Modelle bevorzugen. Klassische Unisex-Produkte basieren häufig auf männlichen Passformen. Das kann dazu führen, dass Bekleidung an den Hüften zu eng und am Oberkörper zu weit sitzt oder die Sicherheitsschuhe nicht den erforderlichen Halt bieten."


