Herbstprognose mit Vorbehalt Wirtschaft wächst wieder – aber die Skepsis bleibt

Die Bundesregierung hebt ihre Wachstumsprognose für 2026 auf 1,3 Prozent an – nach nur 0,5 Prozent im April. Handwerkspräsident Dittrich sieht darin keinen Grund zur Entwarnung. Wie weit Optimismus und Ernüchterung auseinanderliegen.

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) stellt die Herbstprojektion der Bundesregierung im Haus der Bundespressekonferenz vor. - © picture alliance/dpa | Kay Nietfeld

Die Bundesregierung blickt mit mehr Zuversicht auf die wirtschaftliche Lage in Deutschland. "Wir haben die Talsohle hinter uns gelassen, die deutsche Wirtschaft wächst wieder", sagte Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) bei der Vorstellung der Herbstprognose. Die Regierung gehe nun von einem Wirtschaftswachstum von 1,3 Prozent in diesem Jahr aus. Im April hatte sie noch ihre Erwartungen zurückgeschraubt und nur mit einem Plus von 0,5 Prozent gerechnet.

Warum die Lage besser ist als befürchtet

Wie das Wirtschaftsministerium mitteilte, hatten die Folgen des Iran-Kriegs und die stark gestiegenen Energiepreise die Konjunktur zunächst deutlich belastet. Die deutsche Wirtschaft habe sich aber als widerstandsfähiger erwiesen als erwartet. Als Gründe für das Wachstum werden vor allem Exporte sowie staatliche Investitionen und höhere Verteidigungsausgaben genannt.

Handwerkspräsident: Reformen bleiben weiter nötig

Für Handwerkspräsident Jörg Dittrich dürfen die besseren Wachstumsprognosen kein Grund zur Beruhigung sein. "Für dauerhaftes Wachstum fehlen weiter die nötigen strukturellen Voraussetzungen. Gerade jetzt kommt es darauf an, die wirtschaftliche Erholung durch die notwendigen Reformen zu verstetigen", sagte er. "Die Reformarbeit ist nicht erledigt. Sie duldet keinen weiteren Aufschub", betonte er.

Dittrich vom Ausgang des Koalitionsausschusses enttäuscht

Enttäuscht zeigte sich Dittrich darüber, dass auch nach dem Spitzentreffen der Koalitionäre am Vorabend kein "überzeugender Reformzeitplan" erkennbar sei. "Statt voranzukommen, rückt die Umsetzung wichtiger Vorhaben immer weiter in die Ferne und wird nun für große Teile der Reformvorhaben erst für das Frühjahr kommenden Jahres in Aussicht gestellt", sagte er etwa mit Blick auf die Aussagen von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) zur Umsetzung der Rentenreform.

Weitere Entwicklung hängt stark von der Geopolitik ab

Für 2027 rechnet die Regierung mit einem Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent. Bislang war sie von einem Plus von 0,9 Prozent ausgegangen. Für 2028 prognostiziert sie ein Wachstum von nur 0,6 Prozent. Allerdings hänge die weitere Entwicklung wesentlich vom Verlauf der geopolitischen Konflikte im Nahen Osten und der Ukraine ab. Schon jetzt hat der Nahost-Krieg viele Verbraucher über die Energiepreise belastet. Mit Blick auf die Inflation rechnet die Regierung für 2026 mit einer Teuerungsrate von durchschnittlich 2,7 Prozent, für 2027 mit 3,0 Prozent und für 2028 mit 2,2 Prozent.

Reiche mahnt ebenfalls Reformen an

Auch Reiche mahnte Reformen an, um das Wachstum zu sichern. "Ohne selbsttragendes Wachstum schaffen wir es nicht zurück an die Spitze, und ohne Wachstum werden die Verteilungskämpfe stärker." Nur mit gutem Wirtschaftswachstum könne ein leistungsfähiger Sozialstaat erhalten bleiben. Als notwendige Maßnahmen nannte sie Bürokratieabbau, schnellere Unternehmensgründungen, Sozialreformen und niedrigere Energiepreise.

Sinkende Zuwanderung: Fachkräfte fehlen

Auch der Arbeitsmarkt bleibt ein Problem. Die Erwerbstätigkeit dürfte in den kommenden Jahren zurückgehen. "Bisher haben zusätzliche ausländische Beschäftigte den Rückgang der deutschen Beschäftigten aufgefangen. Das ist derzeit nicht mehr der Fall", sagte Reiche. Zugleich müsse das vorhandene Arbeitskräftepotenzial besser ausgeschöpft werden. "Neben Kapital braucht Wachstum Talente und Arbeitskraft", sagte die Ministerin.

Mit Inhalten der dpa