Schreiner-Weltmeister Tobias Kelz "Ich würde es wieder machen – aber kein zweites Mal"

Arbeiten im Betrieb, trainieren nach Feierabend, kaum noch Freizeit: Schreiner-Weltmeister Tobias Kelz erzählt, wie viel ihn die Vorbereitung auf die WorldSkills gekostet hat, wann er ans Aufhören dachte – und was er aus der WM der Berufe mitnimmt.

Tobias klz läuft mit den anderen Medaillengewinnern ein.
Tobias Kelz setzt sich mit nur einem Punkt Vorsprung durch und holt sich damit den Weltmeistertitel der Möbelschreiner. - © WorldSkills International

Du hast dein Stück buchstäblich in letzter Sekunde fertiggestellt – und am Ende mit nur einem Punkt Vorsprung gewonnen. Hattest du nach dem Wettkampf überhaupt das Gefühl, dass es für eine Medaille reichen könnte?

Tobias Kelz: Mein Trainer und ich, wir waren uns beide einig, dass das niemals reicht für Gold. Geschweige denn überhaupt für eine Medaille. Aber bei den anderen hat es wohl noch mehr Fehler und Probleme gegeben. Mein Trainer war nach der Siegerehrung auch komplett von den Socken.

Wann hast du realisiert, dass du Gold gewonnen hast?

Ich glaube, das ist immer noch nicht ganz angekommen. An der Siegerehrung selbst war so viel um einen herum, dass du gar nicht weißt, was da gerade überhaupt passiert. Die Tage darauf denkt man sich langsam: Warte mal, bin ich jetzt wirklich Weltmeister geworden? Wahnsinn.

"Warte mal, bin ich jetzt wirklich Weltmeister geworden? Wahnsinn."

Wie du schon gesagt hast, ist nicht alles glattgelaufen. Was ist schiefgelaufen?

Es gab viele Kleinigkeiten, die nicht so funktioniert haben, wie wir wollten. Ich habe auch zwei Leichtsinnsfehler gemacht – also mal ein Stück falsch genommen zum Beispiel. Das im Nachhinein wieder auszubügeln, war schon eine Kunst. Mein Trainer hat sich eine ganz coole Idee einfallen lassen, mit der wir das wieder hinbiegen konnten.

Wie gehst du damit um, wenn etwas schiefläuft?

Man darf nicht in Panik geraten, sonst hat man schon verloren. Mein erster Gedanke war: Okay, machen wir halt was anderes zuerst. Ich habe es auf nach der Mittagspause geschoben, damit ich das weitere Vorgehen mit meinem Trainer besprechen konnte. Während des Wettbewerbs darf ich kein Wort mit ihm reden, das müssen wir alles in der Pause klären.

Am dritten Wettkampftag bleibt der 20-jährige Möbelschreiner trotz Zeitdruck hochkonzentriert bei der Arbeit. - © WorldSkills Germany / Christian Grube

Was hast du daraus gelernt – für dich als Handwerker, aber auch als Mensch?

Als Handwerker sehr viele neue Arbeitstechniken. Da ich sehr intensiv trainiert habe, bin ich auch wesentlich schneller geworden bei einfachen Sachen. Und als Mensch nehme ich mehr mentale Gelassenheit mit.

Beschreib uns den Wettbewerb so, als würden wir als Laien danebenstehen. 22 verschiedene Eckverbindungen, Massivholz, Plattenwerkstoffe – was passiert da eigentlich?

Also grundsätzlich habe ich 22 Stunden Zeit, um ein Möbelstück zu bauen. Das ist relativ aufwendig und besteht aus vielen verschiedenen Holzverbindungen und Plattenwerkstoffen. Dazu kommen eine Furnierarbeit und viele Kleinigkeiten, zum Beispiel Türen anschlagen. Zwei Tage vor dem Wettbewerb haben wir außerdem einen Tag Zeit, um uns mit der Werkstatt vertraut zu machen und unseren Arbeitsbereich einzurichten.

Bis zum ersten Tag wissen wir nicht, was für ein Stück es wird – wir bekommen weder ein Bild noch einen Plan. Deswegen war der erste Tag besonders spannend.

Am ersten Tag hatten wir eine Stunde Zeit, um uns in den Plan einzulesen, und anschließend fünfeinhalb Stunden Arbeitszeit. An den nächsten beiden Tagen waren es jeweils sieben Stunden und am letzten Tag zweieinhalb Stunden. Insgesamt hatten wir also 22 Stunden Arbeitszeit, danach musste das Stück fertig sein. Mehr als dass das Stück am Ende dasteht, wollte ich auch gar nicht.

" Mehr als dass das Stück am Ende dasteht, wollte ich auch gar nicht."

Welcher Teil der Aufgabe war für dich persönlich die größte Herausforderung?

Die größte Herausforderung war das Zeitmanagement. Alles andere hatte man ja trainiert, das konnte man. Wir sind dann teilweise am Abend dagesessen und haben jede Minute verhandelt. Also wie viel Zeit ich am nächsten Tag für welche Aufgabe brauchen darf, damit ich am Ende fertig werde.

Blicken wir zurück auf den Anfang: Wie war dein Weg zu den WorldSkills?

Das hat nach der Gesellenprüfung angefangen. Das ist jetzt schon über zwei Jahre her. Danach gibt es einen Kammerwettbewerb: Die Besten aus den Innungen treten dort gegeneinander an. Der Sieger geht weiter zum Landeswettbewerb, bei uns also zum bayerischen Wettbewerb. Der Sieger dort tritt beim Bundeswettbewerb an. Da kommt aus jedem Bundesland der Beste – in meinem Fall der beste Schreiner. Den deutschen Wettbewerb habe ich dann auch noch gewonnen und bin dadurch in die engere Auswahl für die WorldSkills gekommen.

Mit dem Gewinn der deutschen Meisterschaft hast du aber nicht direkt ein Ticket für die WorldSkills. Du landest zunächst in der engeren Auswahl. Dann habe ich ein Jahr lang mit den anderen Gewinnern trainiert, bis es im Januar zu einem internen Ausscheid kam. Da haben die Trainer entschieden, welche zwei Schreiner zu den Weltmeisterschaften fahren. In Deutschland gibt es zwar nur den einen Ausbildungsberuf Schreiner, bei den WorldSkills wird aber zwischen Bau- und Möbelschreiner unterschieden. Deshalb treten immer zwei Schreiner an.

Was hat dich motiviert, das immer weiter durchzuziehen?

Am Anfang war die Überlegung einfach: Schauen wir mal, was bis zur deutschen Meisterschaft passiert. Und nach der deutschen Meisterschaft dachte ich eigentlich: Den Schmarrn brauche ich nicht noch mal. Aber irgendwie konnte ich dann doch nie aufhören. Es war einfach irgendwo schon toll, wenn du sagen kannst, du darfst nach Shanghai zu den Weltmeisterschaften fahren. Es hat aber auch Tage gegeben, da habe ich selbst gedacht: Was bist du für ein Depp, warum machst du das hier eigentlich? Und dann dachte ich mir wieder: Komm, jetzt hast du es schon angefangen, jetzt machst du es richtig zu Ende.

Wie hat dein Umfeld – Familie, Betrieb, Freunde – darauf reagiert?

Die fanden das eigentlich alle saumäßig cool. Die haben mich sehr unterstützt, gerade mein Betrieb auch. Er hat sehr viele Fehlzeiten hingenommen, an denen ich einfach nicht da war. Das hat mein Chef sehr gut verkraftet. Und meine ganzen Freunde fanden das eigentlich voll cool, wenn sie sagen können, dass wir bald einen Weltmeister bei uns haben.

Was hast du in dieser Zeit zurückgestellt oder aufgegeben?

Also so richtige Freizeit gab es dann nicht mehr. Zumindest im letzten halben Jahr nicht. Wir hatten immer einmal im Monat eine Woche gemeinsam Training an der Holzfachschule in Bad Wildungen. Und den Rest der Zeit war ich arbeiten und bin nach Feierabend noch in die Werkstatt gegangen. Da habe ich dann trainiert, Übungsstücke und Übungsecken gemacht – lauter so Zeug. An manchen Tagen war es schon okay, und an manchen Tagen hast du gedacht: Ich mag nicht, ich habe überhaupt keine Lust mehr.

Tobias Kelz hält stolz seine Flagge in die Luft.
Bei der Verkündung der Gewinner ist die Freude groß – die Goldmedaille kam für den Möbelschreiner überraschend. - © WorldSkills International

Wann hast du gemerkt, dass du nicht nur gut bist, sondern vielleicht wirklich außergewöhnlich?

Ich glaube, ich habe nie geglaubt, dass ich wirklich so gut bin. Ich habe es immer ein bisschen aufs Glück geschoben: "Es ist gut gegangen." In diesem Fall ist es ja wirklich auch sehr knapp und sehr gut gegangen.

"Ich habe nie geglaubt, dass ich wirklich so gut bin. Ich habe es immer ein bisschen aufs Glück geschoben."

Weltmeister zu werden zieht Aufmerksamkeit auf sich. Was waren die schönsten Glückwünsche, die du bekommen hast – und von wem hättest du sie vielleicht nicht erwartet?

Die zwei Tage nach der Siegerehrung ist mein Handy heiß gelaufen, weil dort die ganze Zeit Glückwünsche reingedudelt sind. Da kamen dann auch Glückwünsche, zum Beispiel vom Bürgermeister von uns, und von Leuten, von denen ich schon seit Jahren nichts mehr gehört habe. Und dann kommt: "Alles Gute zum Weltmeister." Also das war schon irgendwo krass. Vor allem auch, wie schnell das um die Welt gegangen ist. Ich glaube, es hat keine Viertelstunde gedauert, dann waren schon sechs, sieben Nachrichten da.

Würdest du noch einmal antreten?

Ich würde es wieder machen aber kein zweites Mal. Es ist schon sehr viel Aufwand damit verbunden.