Vier Jahrhunderte, zwölf Generationen, ein Handwerk: Die Fleischerei Bornmann in Treysa feiert ein außergewöhnliches Jubiläum. Gegründet wurde der Familienbetrieb 1626. Er überstand Kriege und viele Veränderungen. Heute führen die Zwillinge Bernd und Peter Bornmann die Metzgerei. Doch wie lange es die Wurst aus dem Hause Bornmann noch geben wird, ist ungewiss.

In einer Zeit, als noch keine Straßenlaternen brannten, keine Eisenbahn fuhr und es Deutschland als Staat noch gar nicht gab, wurde in Treysa bereits Fleisch verarbeitet und verkauft. 1626 gründete Damian Bornmann dort eine Fleischerei. Seither wird das Handwerk in der Familie weitergegeben. Heute führen die Zwillinge Bernd und Peter Bornmann den Familienbetrieb in der zwölften Generation und feiern in diesem Jahr das 400-jährige Bestehen. Auch ihre Eltern Günter und Irmgard Bornmann, die jahrzehntelang die Geschicke der Fleischerei leiteten, freuen sich über das seltene Jubiläum.
Wer glaubt, dass ein so traditionsreicher Familienbetrieb noch Wurst nach Rezepten von anno dazumal herstellt, irrt allerdings. "Da war so viel Salz drin, das kann man nicht essen", sagt Peter Bornmann und schüttelt den Kopf. Um das Fleisch haltbar zu machen, musste es früher gepökelt werden. Doch auch die Rezepte von den Vorfahren aus Kühlschrank-Zeiten seien immer weiterentwickelt worden, betont der Metzgermeister: "Sonst würde man ja stehenbleiben."
Mit Handarbeit und Herzblut
Im Lauf der Zeit hat die Fleischerei sich und ihr Sortiment immer wieder an die sich ändernden Bedingungen und Lebensgewohnheiten angepasst. Noch bis ins 20. Jahrhundert hinein gab es eine eigene Tierhaltung und Hausschlachtung. Heute wird das Fleisch vom nahegelegenen Schlachthof in Ziegenhain bezogen. In den 1970er-Jahren wurde ein Partyservice etabliert, auch ein warmer Mittagstisch gehört seit Jahrzehnten zum Angebot.
Zwar haben heute längst moderne Maschinen Einzug gehalten, doch hergestellt wird die Wurst nach wie vor "mit ganz viel Handarbeit", wie Peter Bornmann betont, der die Produktion verantwortet. Und mit Herz. "Auch wenn das vielleicht albern klingt, aber ich glaube, wenn man das mit Liebe macht – das schmeckt man", ist er überzeugt.

Sein Bruder Bernd, ebenfalls Metzgermeister, ist vor allem für Filialen und Verkauf zuständig. "Er ist die Hand, ich bin der Kopf", sagt der 61-Jährige mit einem schelmischen Grinsen. Neben dem Geschäft in Treysa gibt es eine weitere Filiale in Frielendorf. Die früheren Verkaufsstellen in Borken und Neustadt haben die Bornmanns eingestellt, weil der Aufwand zu groß wurde.
Treue Stammkunden und Mitarbeiter
Wer die eineiigen Zwillinge kennenlernt, merkt schnell, dass sie ein kongeniales Duo sind – und ein sehr witziges. Steht man mit den Brüdern vor dem Laden, werden sie alle paar Minuten gegrüßt, es wird heftig gewunken und im Vorbeifahren gehupt. Bei der Traditionsmetzgerei geht es an der Theke eben nicht nur um die Wurst, sondern auch um das ein oder andere Schwätzchen – um Beziehungen. Viele Kunden halten dem Betrieb seit Generationen die Treue.
Das gilt auch für das Personal. Von den acht Mitarbeitenden sind viele seit Jahrzehnten, teils seit der Lehre dabei. In Zeiten des Fachkräftemangels ein Segen. Warum das Team so treu ist? "Wir gucken, dass es jedem gut geht", sagt Bernd Bornmann. Umgekehrt wisse er, dass seine Leute "zu 100 Prozent für uns einstehen". Es sei das Familiäre, was die Metzgerei auszeichnet, ist Bornmann überzeugt. "Das liegt auch an den zwei Spinnern, die hier die Chefs sind", schiebt er hinterher und grinst.
Der Beruf als Berufung
Dass sie die Fleischerei einmal übernehmen würden, stand eigentlich nie zur Debatte. "Da rutschste rein", sagt Bernd Bornmann und erzählt davon, wie sie als Kinder schon im Laden mitgeholfen haben. Für seinen Bruder Peter war es hingegen eine bewusste Entscheidung: "wegen der Tradition". Beim 350-jährigen Jubiläum habe er als damals Elfjähriger schon gedacht: "Oh, 400 – das schaffst du ja!"
Ob die Fleischerei in Zukunft weitere runde Geburtstage feiern kann, ist allerdings unklar. Denn eine Nachfolge ist nicht in Sicht. Die Kinder haben beruflich andere Wege eingeschlagen, wofür die beiden Metzgermeister volles Verständnis haben. Die Bedingungen in ihrem Handwerk seien nicht leicht und die Arbeitstage lang. Neben der Konkurrenz aus dem Supermarkt mache ihnen zunehmend die Bürokratie zu schaffen.
Auflagen, Dokumentations- und Berichtspflichten seien immer mehr geworden. "Das nimmt einem ein Stück weit den Spaß am Beruf", sagt Peter Bornmann. Jüngstes Beispiel sei die neue EU-Verpackungsverordnung, die auch beim Wurstpapier greife. Diese und viele weitere Vorschriften seien für die Industrie sinnvoll. "Aber für einen kleinen Handwerksbetrieb ist das völlig übertrieben."
Die Bratwurst muss sein
Eigentlich haben sich die beiden 61-Jährigen vorgenommen, den Betrieb in den nächsten Jahren langsam auslaufen zu lassen. "Das klappt nie im Leben", sagt Peter Bornmann und macht eine wegwerfende Bewegung. Man spürt, wie eng beide mit dem Betrieb verbunden sind. Wenn sich eine Nachfolge finden würde, wären die Bornmanns auch bereit, den Betrieb außerhalb der Familie zu übergeben. "Aber wer will das heute schon machen?", fragen sie.
Sollten sich eines Tages die Türen der Fleischerei Bornmann für immer schließen, würde nicht nur eine jahrhundertealte Tradition enden. Das mache ihn schon wehmütig, gibt Bernd Bornmann zu. "Was mir Leid tut, ist aber vor allem, dass es unsere Wurst dann nicht mehr gibt." Die essen die Bornmanns nämlich nach wie vor selbst sehr gern – vor allem die Bratwurst, die Rote Wurst und die Stracke, aber auch den Pizzafleischkäse. Deshalb steht für Bernd Bornmann fest: "Einen Wolf und eine Füllmaschine lass ich mir in der Küche stehen."