Alarmstufe Rot Pflegeversicherung droht 2027 ein Milliarden-Defizit

Trotz eines Staatsdarlehens klafft in der gesetzlichen Pflegeversicherung bereits eine Lücke von 770 Millionen Euro – und für 2027 erwartet der GKV-Spitzenverband ein Defizit von rund zehn Milliarden Euro. Beitragssatzerhöhungen will der Verband nur als allerletztes Mittel – eine Garantie gibt es nicht.

Die Pflegeversicherung gibt mehr aus als sie einnimmt – für 2027 erwartet der GKV-Spitzenverband ein Defizit von rund zehn Milliarden Euro. - © marcus_hofmann - stock.adobe.com

Die finanzielle Situation in der gesetzlichen Pflegeversicherung hat sich weiter verschlechtert. "Es herrscht Alarmstufe Rot", sagte Oliver Blatt, Vorstandsvorsitzender des GKV-Spitzenverbandes, der Kranken- und Pflegekassen vertritt. "Die Ausgaben steigen fast dreimal stärker als die Einnahmen", fügte er hinzu. Trotz eines Darlehens der Bundesregierung in Höhe von 3,2 Milliarden Euro für das laufende Jahr habe sich im ersten Halbjahr 2026 ein Defizit von 770 Millionen Euro angesammelt. Bis zum Jahresende fehlten weitere 500 Millionen Euro. Er appellierte an die Politik, die geplante Reform der Pflegeversicherung schnell umzusetzen.

Ausgaben im ersten Halbjahr um 11 Prozent gestiegen

Wie der Spitzenverband weiter mitteilte, sind die Ausgaben der Pflegeversicherung im ersten Halbjahr 2026 im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um elf Prozent auf 39,48 Milliarden Euro gestiegen. Die vergleichbaren Beitragseinnahmen nahmen um 3,9 Prozent auf 36,71 Milliarden Euro zu. Die gesamten Einnahmen – inklusive der Hälfte des Bundeszuschusses in Höhe von 1,6 Milliarden Euro – nahmen um 5,4 Prozent auf 38,71 Milliarden Euro zu.

Immer mehr Menschen nehmen Leistungen in Anspruch

Als Grund für die stark steigenden Kosten nannte Blatt vor allem die Zunahme der Menschen, die Leistungen der Pflegeversicherung in Anspruch nehmen. Im Vergleich zum Vorjahreszeitraum sei die Zahl um 370.000 oder 6,5 Prozent gestiegen. Er verwies dabei auch auf eine Reform aus dem Jahr 2017, bei der der Begriff der Pflegebedürftigkeit weiter gefasst wurde. Außerdem seien die Zuschüsse der Pflegeversicherung zu den Eigenanteilen in der vollstationären Pflege deutlich gestiegen. Stark zugenommen hätten auch die Kosten bei der Kurzzeit- und Verhinderungspflege.

Für 2027 droht noch größeres Defizit

Angesichts der sich zuspitzenden finanziellen Lage forderte Blatt ein schnelles Handeln: "Wenn die Politik nicht das Ruder bald herumreißt, dann haben wir ein eklatantes Problem." Für 2027 erwartete er ohne entsprechende Gegenmaßnahmen ein Defizit von rund zehn Milliarden Euro. Denn zusätzlich zu einem erwarteten Defizit von rund 7,5 Milliarden Euro müssten die Pflegekassen ihre Betriebsmittel auffüllen, damit die Zahlungsfähigkeit zu jedem Zeitpunkt gesichert sei.

Verband schlägt kurz-, mittel- und langfristige Maßnahmen vor

Die Finanzen der Pflegeversicherung müssten nach den Worten Blatts kurzfristig stabilisiert werden. Mittel- und langfristig brauche es strukturelle Reformen. Mit Blick auf kurzfristige Maßnahmen forderte er, dass der Staat Corona-Schulden in Höhe von insgesamt 5,2 Milliarden Euro zurückzahle. Auch sollte der Staat die Rentenbeiträge für pflegende Angehörige übernehmen. Damit würde die Pflegeversicherung pro Jahr um rund 5,3 Milliarden Euro entlastet. Den Vorschlag des neuen Gesundheitsministers Carsten Linnemann (CDU), die geplante Kürzung bei den Rentenzahlungen für pflegende Angehörige zurückzunehmen, begrüßte Blatt.

Zahl der Leistungsbezieher binnen 10 Jahren fast verdoppelt

Für eine langfristige Reform der Pflegeversicherung lägen viele Vorschläge auf dem Tisch. So sollte seiner Einschätzung nach beispielsweise der Zugang zur Pflege noch einmal überprüft werden. Seit 2017 habe sich die Zahl der Leistungsbezieher von rund drei auf fast sechs Millionen verdoppelt, und das liege nicht nur an der Alterung der Gesellschaft. Wie Blatt weiter sagte, könnten Beitragssatzerhöhungen allenfalls das letzte Mittel sein.