Ein Wohnhaus aus dem Jahr 1962, ein Endenergiebedarf von 369 Kilowattstunden pro Quadratmeter – und 22 Werktage später Effizienzhaus-Standard 70 mit 28 Kilowattstunden. Das Konzept setzt darauf, dass beteiligte Gewerke nicht nacheinander, sondern gleichzeitig arbeiten – koordiniert von einem Sanierungscoach. Wie das Modell in Hamburg und Ludwigsburg erprobt wurde – und welche Belastungen Handwerksbetriebe dabei offen benennen.
Um die angestrebte Klimaneutralität bis 2045 zu erreichen, muss die Sanierungsquote der Bestandsgebäude deutlich gesteigert werden. Der Leipziger Bauingenieur Ronald Meyer hat dafür ein Konzept entwickelt: den Sanierungssprint. Demnach können innerhalb von nur 22 Werktagen ältere Ein- und Zweifamilienhäuser energetisch saniert werden. Wichtigste Voraussetzung ist die enge Zusammenarbeit der beteiligten Handwerksbetriebe, die von einem Sanierungscoach koordiniert wird.
Bei einem Pilotprojekt in Hamburg wurde die Methode bereits erfolgreich umgesetzt. Dort wurde eine renovierungsbedürftige Doppelhaushälfte, Baujahr 1962, im angestrebten Zeitfenster auf Effizienzhaus-Standard 70 gebracht. Nach einer begleitenden Studie der Denkfabrik Agora Energiewende konnte der Endenergiebedarf pro Quadratmeter um mehr als 90 Prozent von 369 auf 28 Kilowattstunden gesenkt werden.
Erster Sanierungssprint in Ludwigsburg im Ziel
Inzwischen kommt der Sanierungssprint auch in anderen Regionen aus den Startlöchern. In Ludwigsburg spendiert die Stadt aus Fördermitteln des Landes Baden-Württemberg sogar drei Bauherren einen Zuschuss von jeweils 25.000 Euro, wenn sie noch in diesem Jahr einen Sanierungssprint hinlegen. Das erste Projekt ist schon im Ziel. Ende Juli konnten die Arbeiten an einem Wohnhaus aus dem Jahr 1930 abgeschlossen werden.
Die Beschleunigung beim Sanierungssprint resultiert vor allem aus der Tatsache, dass die beteiligten Gewerke nicht nacheinander, sondern gleichzeitig arbeiten. Handwerker müssen bereit sein, in einem stundengetakteten Zeitplan gewerkeübergreifend zusammenzuarbeiten. Der Sanierungscoach sorgt für reibungslose Abläufe, hält den Draht zum Bauherren, kümmert sich um Materiallogistik und Entsorgung.
Im Kreis Ludwigsburg wurde unter dem Dach der örtlichen Energieagentur ein "Qualitätsnetzwerk Bauen" gegründet. Willkommen sind Betriebe aus den Klimagewerken, die die "Leitlinie Handwerk" der Initiative anerkennen. So soll der Sanierungssprint mehr Schub bekommen.
Handwerkerstimmen nach Pilotprojekt in Hamburg
Dass dabei nicht alles rund läuft, war bei der Komplexität des Vorhabens erwartbar. Laut einer Befragung nach dem Pilotprojekt in Hamburg empfanden 70 Prozent der Handwerker höhere psychische Belastungen als bei einer konventionellen Baustelle. Auch ein höheres Unfallrisiko (60 Prozent), mehr Lärm- (50) und Staubbelastung (60) wurden beklagt. Und in Bielefeld scheiterte ein Sanierungssprint, nachdem sich ein beteiligtes Unternehmen zurückgezogen hatte. "Wenn einer abspringt, fällt das ganze Kartenhaus zusammen", sagte Sanierungscoach Klaus Barkmann dem WDR. Trotzdem bleibt er ein Befürworter des Sanierungssprints. Denn ohne dieses Tempo sei die notwendige Gebäudesanierung in diesem Jahrhundert nicht zu schaffen. ste
