Kolumne Wenn Fehler bestraft werden, bleibt am Ende nur Ruhe

Wer im Betrieb jeden Fehlversuch seziert, bekommt irgendwann keine mutigen Vorschläge mehr. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erklärt in ihrer DHZ-Kolumne, warum eine andere Haltung zu Fehlern keine Schwäche ist, sondern unternehmerisch klug. Und was Sätze wie "Das war doch klar" in Wirklichkeit anrichten.

Der Blick geht nicht zurück auf das, was schiefgelaufen ist – sondern nach vorn auf das, was jetzt anders gemacht werden kann. - © BuyOutFelix01/peopleimages.com - stock.adobe.com

Wir haben verlernt, Fehler zuzulassen. Nicht, weil Menschen keine Ideen mehr hätten oder Unternehmen nichts verändern wollten, sondern weil Fehler heute oft wie Beweismittel behandelt werden.

Wer etwas versucht und scheitert, bekommt selten zu hören: Gut, jetzt wissen wir mehr. Stattdessen heißt es schnell: Das war doch klar, das konnte ja nicht funktionieren, das hätte man vorher wissen müssen. Solche Sätze machen nicht klüger, sie machen vorsichtig. 

Das sehen wir in der Politik. Wenn es um Richtlinien, Förderungen, Entbürokratisierung oder Unterstützung für Unternehmen geht, wird häufig nach der perfekten Lösung gesucht. Nach dem Konzept, das niemand angreifen kann, nach der Formulierung, die jede Kritik verhindert. Ich verstehe das sogar, denn der Spott kommt zuverlässig, sobald etwas nicht funktioniert. 

Wir erwarten immer sofort ein Ergebnis

Nur entsteht so kein Fortschritt. Fortschritt entsteht durch Bewegung, durch Ausprobieren, durch Nachschärfen und durch den Mut, zu sagen: Das war der falsche Weg, also nehmen wir einen anderen. 

Kathrin Post-Isenberg KPI
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg führte jahrelang ihren eigenen Handwerksbetrieb. Heute ist sie Speakerin, Host des Podcasts "Nach fest kommt ab" und treibt die Diskussion rund um Arbeitgebermarke, Führung und Fachkräftesicherung im Handwerk voran. - © Markus Zielke

Das gilt nicht nur für die Politik. Das gilt genauso für Betriebe, auch im Handwerk. Dort wird viel über neue Arbeitszeitmodelle, digitale Prozesse, moderne Mitarbeitergewinnung, Führung und Kommunikation gesprochen. Aber sobald sich nicht sofort ein Ergebnis zeigt, wird es schnell wieder beerdigt.

Der neue Dienstplan hat nicht gepasst, also zurück zum alten. Die neue Stellenanzeige hat nicht sofort Bewerbungen gebracht, also war der ganze Ansatz Quatsch. Das Teamgespräch war holprig, also lässt man es künftig lieber bleiben. Vielleicht war aber nicht die Idee falsch, sondern der Zeitpunkt schlecht, die Umsetzung zu kompliziert oder das Team nicht gut genug eingebunden. 

Eine gute Fehlerkultur heißt nicht, dass alles egal ist

Ein Fehler ist nicht automatisch das Ende einer Idee. Manchmal ist er nur ein Hinweisschild: Stopp, hier geht es so nicht weiter. Dreh den Stein, nimm einen anderen Winkel, prüfe das Werkzeug, schau genauer hin. 

Das Wort Fehler hat eine schöne Eigenart. Aus den gleichen Buchstaben lässt sich Helfer bilden. Und genau so müssten wir Fehler wieder betrachten: nicht als Schande, nicht als Makel, nicht als Einladung zur öffentlichen Zerlegung, sondern als Helfer, der zeigt, wo etwas nicht passt. 

Eine gute Fehlerkultur heißt nicht, dass alles egal ist. Sie heißt, dass wir hinschauen, auswerten und lernen. Dass wir Schuld nicht wie einen schweren Sack durch den Raum schieben, bis ihn am Ende jemand tragen muss.

Wer Fehler bestraft, schadet am Ende sich selbst

In vielen Betrieben wird Erfolg beklatscht und ein misslungener Versuch seziert. Das ist bequem, aber es macht Menschen vorsichtig. Dann sagt niemand mehr im Team: Ich hätte da eine Idee. Dann fragt niemand mehr: Können wir das anders machen? 

Betriebe, die Fehler nur bestrafen, bekommen irgendwann keine ehrlichen Rückmeldungen mehr, keine mutigen Vorschläge und finden keine neuen Wege. Sie bekommen Ruhe. Und manchmal ist Ruhe kein Zeichen dafür, dass alles läuft, sondern nur das Geräusch von Menschen, die aufgehört haben, etwas zu versuchen. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.