Kolumne Das Handwerk loben – und den Kindern abraten?

Systemrelevant, unverzichtbar, gesamtgesellschaftlich gebraucht – das Bild vom Handwerk klingt groß. Die Realität dahinter kennen viele Betriebsinhaber besser: Verantwortung fürs Team, wirtschaftliches Risiko, ein Arbeitstag, der selten endet, wenn die Tür abgeschlossen wird. Steinmetzmeisterin Kathrin Post Isenberg benennt den Widerspruch zwischen öffentlicher Glorifizierung und privatem Zweifel – und fragt, was sich ändern muss, damit das Handwerk auch den eigenen Kindern wieder mit gutem Gefühl empfohlen werden kann.

Geschäftsführung, Buchhaltung, Kundenkontakt – oft liegt alles auf einer Person. Wie attraktiv ist dieser Weg noch für die nächste Generation? - © Alfonso Soler - stock.adobe.com

Im Handwerk sprechen wir oft darüber, dass junge Menschen zu selten eine Ausbildung wählen. Dass Schulen den akademischen Weg stärker betonen als handwerkliche Karrieren. Dass Eltern ihren Kindern eher das Studium nahelegen als die Lehre. Dass ohne ein gescheites Abitur eigentlich nichts laufen kann. Und ja: Diese Kritik hat einen wahren Kern. Denn gesellschaftlich wird das Handwerk zwar gebraucht, aber nicht immer auf Augenhöhe behandelt. 

Wir nennen es systemrelevant. Wir betonen, wie unverzichtbar es ist. 
Wir sprechen über Fachkräftemangel, Nachfolgeprobleme und die Zukunft unserer Betriebe. Aber wenn es um Berufswünsche geht, klingt die große Wertschätzung oft deutlich leiser. 

Gelobt, aber nicht empfohlen

Dann wird das Handwerk zwar gelobt, aber nicht unbedingt empfohlen. Dann wird die Ausbildung zwar respektiert, aber das Studium oft stärker gefeiert. Dann ist das Handwerk wichtig für unser Land, aber nicht immer der erste Wunsch für das eigene Kind. 

Und genau hier beginnt der Widerspruch. Denn auf der einen Seite wünschen wir uns mehr junge Menschen, die ins Handwerk gehen. 
Auf der anderen Seite wissen viele im Handwerk selbst sehr genau, was dieser Weg einem abverlangt.

Was Unternehmertum im Handwerk wirklich bedeutet

Gerade dann, wenn aus einer Ausbildung später Unternehmertum wird. Ein kleiner Handwerksbetrieb ist kein Konzern mit Abteilungen, Zuständigkeiten und doppeltem Boden. Da ist oft ein Mensch gleichzeitig Geschäftsführung, Personalabteilung, Vertrieb, Einkauf, Buchhaltung, Konfliktlösung und Krisenmanagement. 

Kathrin Post-Isenberg KPI
Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg führte jahrelang ihren eigenen Handwerksbetrieb. Heute ist sie Speakerin, Host des Podcasts "Nach fest kommt ab" und treibt die Diskussion rund um Arbeitgebermarke, Führung und Fachkräftesicherung im Handwerk voran. - © Markus Zielke

Dazu kommen Verantwortung für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, wirtschaftliches Risiko, Kundenerwartungen, Bürokratie und ein Arbeitstag, der häufig nicht endet, wenn die Tür abgeschlossen wird. 

Wer das selbst erlebt hat, spricht mit den eigenen Kindern anders über diesen Weg. Nicht, weil die Liebe zum Handwerk fehlt, sondern weil die Realität bekannt ist. 

Viele Betriebsinhaber kennen diesen inneren Konflikt. Sie wissen, wie erfüllend dieser Beruf sein kann. Wie viel Gestaltungskraft darin liegt. Wie stolz es macht, etwas Eigenes aufzubauen, Menschen auszubilden, Arbeit sichtbar werden zu lassen und Verantwortung zu tragen. Aber sie wissen auch, was dieser Weg kostet.

Und deshalb reicht es nicht, nur zu sagen: Das Handwerk braucht mehr Nachwuchs. Wir müssen auch darüber sprechen, unter welchen Bedingungen junge Menschen diese Laufbahn überhaupt wieder mit voller Überzeugung wählen wollen. Denn Nachwuchs entsteht nicht allein durch Kampagnen. 

Nachwuchs entsteht nicht durch Kampagnen

Nachwuchs entsteht durch Bilder, die junge Menschen sehen. Durch Gespräche mit anderen. Durch Erfahrungen im Praktikum. Durch Unternehmer, die nicht nur durchhalten, sondern sichtbar machen können, dass dieser Weg Zukunft hat.

Wenn Kinder und Jugendliche im Handwerk vor allem Erschöpfung, Druck und permanente Überlastung sehen, dann wird es schwer, diesen Weg als attraktive Perspektive zu begreifen. Wenn sie sich dann gegen ihn entscheiden, dann nicht, weil sie bequem sind, sondern weil sie genau hinschauen.

Vielleicht liegt darin eine der ehrlichsten Fragen für unsere Branche: Wie schaffen wir es, das Handwerk nicht nur gesellschaftlich zu loben, sondern als Lebensweg wieder so attraktiv zu machen, dass wir ihn auch den eigenen Kindern mit gutem Gefühl ans Herz legen? Das ist keine Schuldfrage. Es ist eine Zukunftsfrage. 

Eine Zukunftsfrage, keine Schuldfrage

Denn solange das Handwerk öffentlich glorifiziert wird, während viele Menschen im Inneren längst spüren, wie schwer dieser Weg geworden ist, bleibt jede Nachwuchsdebatte unvollständig. 

Wir brauchen weniger Romantik rund um das Handwerk. Und mehr Ehrlichkeit darüber, was Unternehmertum im Handwerk heute braucht, damit die nächste Generation nicht nur gebraucht wird, sondern auch kommen will. 

Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.