Studium abgebrochen, erste Ausbildung abgebrochen, nochmal studiert – und wieder abgebrochen. Heute ist Laurin Bock Zimmerermeister, selbstständig und erreicht mit seinen Videos fast 400.000 Menschen – manche davon haben danach eine Ausbildung im Handwerk begonnen. Ein Gespräch über das, was die Gen Z bei der Berufswahl wirklich antreibt, und warum der Instagram-Auftritt eines Betriebs heute wichtiger ist als seine Webseite.

Laurin, auf Instagram folgen Dir 390.000 Menschen und über 156.000 auf TikTok. Wie bist Du Influencer für das Handwerk geworden?
Laurin Bock: Ich habe 2023 aus einer Schnapsidee heraus mit Social Media angefangen. Mit einem Kumpel habe ich gewettet, wer es zuerst schafft, auf TikTok 1.000 Follower zu bekommen. Das hat bei mir ganz gut geklappt. Die 1.000 Follower hatte ich nach einer Woche. Daraufhin sagte meine Freundin, poste doch auch mal auf Instagram. Ich habe dann 100 Tage lang jeden Tag ein Video rausgehauen. Nach 100 Tagen hatte ich 100.000 Follower und dachte, megacool, das ist ja voll die Nachfrage nach Handwerk.
Du hast also weitergemacht.
Ja. Irgendwann kamen Nachrichten von Leuten, die mir schrieben, wie motiviert sie von meinen Posts seien, manche haben daraufhin Praktika im Handwerk angefangen oder sogar einen Ausbildungsvertrag unterschrieben. Manche sagen auch, dass sie durch mich jetzt wieder mehr Bock auf ihren Job haben. Coole Sachen eben. Und so ist das immer weiter gewachsen.
Nur während der Meisterschule hast Du eine Social-Media-Pause gemacht.
Genau, weil es mir wichtig war, meinen Fokus ganz auf die Meisterschule zu legen. Nach der Meisterprüfung 2025 habe ich aber wieder angefangen.
Ist es wichtig, dass Handwerk auf Social Media vertreten ist?
Schon und ich habe das Gefühl, dass immer mehr Handwerkerinnen und Handwerker und auch Handwerksbetriebe Social Media machen. Das ist eine schöne Entwicklung. Ich glaube, es ist wichtig, dort präsent zu sein, wo insbesondere junge Menschen sind. Das Bild, das das Handwerk von sich auf Social Media vermittelt, kann sich positiv auswirken – auch auf die Gesellschaft.
Du gibst auch Workshops für andere Handwerker. Was bringst Du ihnen bei?
Ich zeige Betrieben von der Pike auf, wie Social Media funktioniert. Das ist wichtig, weil das wie eine digitale Visitenkarte für einen Betrieb ist. Es geht nicht mehr allein darum, eine tolle Webseite zu haben. Junge Leute schauen sich heute einen Betrieb auf Instagram an, schauen, wie er so drauf ist, wie die Stimmung ist, wie Mitarbeiter und Chefs so sind, ob sie ein bisschen Spaß verstehen und so weiter.
"Ich glaube, es ist wichtig, dort präsent zu sein, wo insbesondere junge Menschen sind."
Wie ticken junge Menschen heute bei der Berufswahl?
Es heißt ja immer, die Gen Z sei faul und wolle nur vier Tage in der Woche arbeiten. In diesem Zusammenhang zitiere ich gerne den Arbeitsmarktforscher Prof. Enzo Weber, dass die Zahlen etwas anderes sagen. Die Gen Z arbeitet im Vergleich nicht viel weniger. Junge Menschen wollen eine sinnstiftende Arbeit. Das ist ihnen wichtig und genau das bietet das Handwerk. Man packt an, man trifft Entscheidungen, hat diesen direkten Erfolgsfaktor, indem man abends sieht, was man am Tag geleistet hat. Diese Kollegialität, dieses zusammen Anpacken, zusammen gute und schlechte Zeiten durchstehen, füreinander da sein. Das sind alles tolle Werte, die im Handwerk vermittelt werden und die am Ende auch eine Persönlichkeit reifen lassen. Wir müssten noch ein bisschen mehr versuchen, jungen Leuten fachliches Wissen zu vermitteln. Das motiviert sie.
Wenn Du etwas ändern könntest, damit mehr Menschen ins Handwerk kommen, was wäre das?
Ich würde jetzt nichts speziell für das Handwerk ändern wollen, sondern eher im Sinne von, wer einen Schulabschluss gemacht hat – egal welchen –, ist verpflichtet, ein Jahr entweder im Handwerk, in der Pflege, im Schulwesen, beim Bund oder in der IT zu arbeiten. Dieses eine Jahr verpflichtend durchziehen. Ich glaube, sowas würde ganz viel Wertschätzung in die verschiedenen Bereiche und in die verschiedenen Berufe bringen.
Ein interessanter Vorschlag.
Ich glaube, das würde uns generell alle auf Augenhöhe bringen und das würde ich mir für diese ganzen Berufe und vor allem natürlich für das Handwerk wünschen.
Was bedeutet es Dir persönlich, Influencer zu sein?
Eine große Reichweite verpflichtet in gewissem Maße natürlich. Am Ende geht es auch darum, ein Vorbild zu sein. Das bedeutet für mich, dass ich die richtigen Werte vermitteln will. Dass das, was ich tue, positiven Impact auf junge Menschen hat. Es geht nicht darum, dass jemand Influencer sein möchte, sondern es sollte darum gehen, dass jemand Zimmerer oder Zimmerin werden will.
Wirst Du eigentlich in der Öffentlichkeit erkannt?
Das kann schon passieren. Wenn ich zum Beispiel auf einer Messe wie der "Dach + Holz" in Köln bin, werde ich öfters angesprochen und um ein Foto gebeten. Ich mache das total gerne und nehme mir auch die Zeit. Was mir manchmal in so einem kurzen Moment anvertraut wird oder wie die Augen der Menschen dabei strahlen, das ist schon toll.
Wie war Dein Weg ins Handwerk? Wer hat Dich beeinflusst?
Mein Opa war Zimmerer und hat meinem Bruder und mir das handwerkliche Arbeiten mit Holz gezeigt. Das waren meine ersten Berührungspunkte zum Zimmerer-Handwerk. Aber auch durch unseren Vater, der Gas- und Wasserinstallateurmeister war, haben wir viel gelernt. Es gab nichts, was unser Vater nicht konnte. Er hat alles gemacht und da haben wir auch immer schon mitgeholfen. Mein Bruder ist übrigens Tischler geworden.
Handwerk war also schon in Deiner Kindheit präsent?
Ja, handwerkliches Arbeiten war für uns alltäglich. Ich habe zum Beispiel auch schon immer eine Zimmererhose besessen. Meine allererste, da war ich wahrscheinlich so fünf oder sechs Jahre alt, habe ich sogar noch. In die hat mir meine Oma unten einen kleinen Keil reingenäht, damit ich einen richtigen Schlag habe, wie sich das für eine Zimmererhose gehört.
Trotzdem war Deine erste Wahl keine Ausbildung, sondern Du wolltest studieren?
Nun, nach dem Abitur habe ich gedacht, ich müsste studieren, weil man das ja so macht mit Abitur. Ich wusste aber nicht was. Irgendwie dachte ich, es wäre wichtig, dass ich mich für etwas entscheide, womit ich später richtig Geld verdienen kann. Doch dann bin ich erst mal ins Ausland gegangen, um mich ein bisschen zu finden, weil ich wirklich gar nicht wusste, was ich will. Ich war in Neuseeland und später in Thailand. Die meiste Zeit war ich alleine unterwegs, habe gearbeitet, bin viel gesurft und habe gehofft, dass ich es auf der Reise irgendwie schaffe, zu wissen, was ich will.
"Mein Opa war Zimmerer und hat meinem Bruder und mir das handwerkliche Arbeiten mit Holz gezeigt."
Dann hast Du – als Du zurück nach Deutschland gekommen bist – doch ein Studium angefangen und keine Ausbildung. Warum?
Naja, ich musste ja irgendetwas machen, also habe ich mit Informatik angefangen, obwohl ich damit gar nichts am Hut hatte. Aber es hieß, man kann damit viel Geld verdienen. Ich wurde sehr schnell unglücklich damit.
Und dann?
Und dann gab es so eine Situation, da bin ich mit einem Kumpel bei uns in Eckernförde am Strand mit den Hunden spazieren gegangen. Er erzählte mir, dass er am nächsten Tag eine Ausbildung in einer Zimmerei anfängt und ich dachte so, ach krass. Als er dann erzählte, dass sie eigentlich zu dritt die Ausbildung beginnen sollten, aber einer abgesprungen sei, hat es bei mir Klick gemacht.
Das heißt?
Ich bin nach Hause gegangen und habe eine Bewerbung geschrieben. Eine Zimmererhose hatte ich ja. Am nächsten Tag war ich um halb sieben in die Zimmerei. Da standen alle Mann im Kreis und der Chef hat sie eingeteilt. Er guckte mich an und meinte, wer bist du? Und ich sagte Moin, ich bin Fiete (sein Spitzname, Anm.d.Red.). Ich will Zimmerer werden.
Bist Du damit durchgekommen?
Wir haben dann in seinem Büro geredet und ich bin drei Tage einfach nur mitgefahren, bis ich meinen Ausbildungsvertrag unterschrieben habe. Ich habe die Ausbildung in diesem Betrieb zwar nicht abgeschlossen, aber das hatte andere Gründe. Das lag nicht am Chef.
Mit Anfang 20 Studium abgebrochen, Ausbildung abgebrochen. Das ist hart. Wie ging es Dir in dieser Zeit?
Ich war extrem traurig, weil ich dachte, keiner bricht alles ab. Rückblickend kann ich natürlich sagen, es war gut, wie es gekommen ist. Aber wenn du in der Situation bist, fühlst Du Dich richtig blöd. Ich wusste, ich muss irgendwas machen, und habe erstmal wieder angefangen zu arbeiten und bin auf Montage gegangen. Irgendwann wusste ich, das handwerkliche Arbeiten, das ist es einfach für mich. Und dann wurde mit klar, dass es nicht die Ausbildung zum Zimmerer war, die ich nicht machen wollte, sondern, dass es der Betrieb war, in dem ich sie nicht machen wollte. Ich habe mich daraufhin neu nach Hamburg beworben, dort meine Lehre erfolgreich beendet und als Zimmerer-Geselle gearbeitet. Während der Corona-Pandemie habe ich zwar nochmal versucht, in Leipzig Bauingenieurwesen zu studieren. Aber nach einem Semester habe ich endgültig eingesehen, dass ich ein Haptiker bin und Dinge in die Hand nehmen muss.
Heute bist Du ja selbstständig mit Deiner Zimmerei. Wie geht es bei Dir weiter: mehr Handwerk oder mehr Social Media?
Für Social Media mache ich im Moment noch alles selbst. Da bin ich manchmal von früh bis spät unterwegs. Das wird vielleicht irgendwann ein bisschen zu viel neben der Selbstständigkeit, dann muss ich es anders organisieren. Mein Ziel ist auf jeden Fall, selbst auszubilden und die Zimmerei auf vier oder fünf Leute anwachsen zu lassen.
Laurin Bock auf Social Media
Instagram: @derholzbock.official
TikTok: @derholzbock