Trauerfeier, Abholung im Auftrag der Polizei, hygienische Versorgung: Der Alltag einer Bestatterin ist unplanbar und emotional fordernd. Emily Maichle, mit 21 Jahren jüngste Bestattermeisterin Deutschlands und heute Miss Handwerk 2026, erzählt, was sie an ihrem Beruf begeistert und warum kein Tag dem anderen gleicht.

Frau Maichle, viele verbinden das Bestatterhandwerk mit Trauer. Wie ist das in der Praxis und was begeistert Sie an dem Beruf?
Emily Maichle: Der Beruf ist super vielfältig. Wir arbeiten im Büro, aber auch auf dem Friedhof und viel mit Menschen zusammen. Mir gefallen auch die ruhigen Arbeitsvorgänge, beispielsweise bei der hygienischen Versorgung der Verstorbenen. Ich bin der festen Überzeugung: In wenigen Berufen bekommt man so viel Dankbarkeit wie wir von den Familien der Verstorbenen zurück. Das gibt mir viel Kraft für die herausfordernde Arbeit. Denn jeder trauert auf seine eigene Weise, wir müssen alle Menschen unterstützen und ihnen Halt geben.
Wie sieht der Arbeitstag als Bestatterin aus?
Es gibt keinen "normalen" Arbeitstag. Genau das macht den Beruf für mich so spannend. Natürlich gibt es feste Termine wie Trauerfeiern oder Beratungsgespräche. Wenn am Morgen das Telefon klingelt, kann sich mit einer Abholung die gesamte Tagesplanung ändern. Der Tod eines Menschen kündigt sich schließlich nicht vorher an. Dafür sind wir auch nachts erreichbar. Und wir machen auch Abholungen für die Polizei, also wenn Personen nicht an einer natürlichen Todesursache gestorben sind.
Sie arbeiten im elterlichen Betrieb Maichle Bestattungen. War Ihnen die Leidenschaft für das Bestatterhandwerk schon in die Wiege gelegt?
Das Interesse für das Handwerk war schon früh da. Wenn die Eltern und Großeltern im Beruf arbeiten, bekommt man viel mit. Bei meiner ersten Abholung eines Verstorbenen war ich 13. Nach mehreren Praktika und meiner Ausbildung im Familienbetrieb war ich dann mit 21 Jahren die jüngste Bestattermeisterin Deutschlands. Einige haben mir damals gesagt, dass ich zu jung bin, und mir das nicht zugetraut. Ich musste mich schon beweisen.
Im März sind Sie zur Miss Handwerk 2026 gewählt worden. Was bedeutet Ihnen die Wahl?
Erst nach einigen Tagen habe ich das so wirklich realisiert. Ich bin stolz und sehr dankbar dafür, es waren so viele tolle Frauen dabei. Jetzt darf ich den Titel ein Jahr lang tragen und als Botschafterin für das Handwerk werben. In den Wochen nach der Wahl habe ich viele Interviews gegeben und meine Geschichte erzählt.
Haben Sie sich Ziele gesetzt, die Sie mit der neu gewonnenen Aufmerksamkeit für das Handwerk erreichen möchten?
Besonders wichtig sind mir Social Media. Auf Instagram versuche ich, jungen Menschen zu zeigen, dass man im Handwerk etwas für die Gesellschaft leistet, viel Dankbarkeit zurückbekommt und unverzichtbar ist. Ich möchte auch Frauen gezielt ansprechen. Häufig sind Kunden erstmal überrascht, wenn eine Handwerkerin vor ihnen steht. Manche denken: "Die hat doch keine Kraft, die kann das nicht." Wir Frauen können das aber genauso gut wie Männer. Das musste ich schon oft beweisen und genau das waren die Situationen, die mich stärker gemacht haben. Deshalb möchte ich allen Frauen mitgeben: Zeigt, was ihr könnt, an Herausforderungen wachst ihr!
Nur etwa 20 Prozent der neuen Azubis sind weiblich. Was muss das Handwerk aus Ihrer Sicht tun, um mehr Frauen zu begeistern?
Das Bestatterhandwerk macht hier schon viel richtig, rund 60 Prozent der Azubis im Gewerk sind Frauen. Dass es im Handwerk insgesamt noch deutlich weniger Frauen als Männer gibt, ist ein gesellschaftliches Generationenproblem. Noch immer raten Eltern häufig ihren Kindern: "Geh nicht ins Handwerk, da machst du dich kaputt." Doch das Handwerk hat sich stark verändert und auch das Image hat sich schon verbessert, es muss aber noch mehr getan werden. Viele Frauen trauen sich gar nicht ins Handwerk. Wichtig sind deshalb Handwerkerinnen als Vorbilder auf Social Media, die authentische Einblicke in ihren Arbeitsalltag geben und zeigen, wie interessant, vielfältig und cool die Branche wirklich ist.
Zum Abschluss: Gibt es konkrete Zukunftspläne?
Irgendwann möchte ich gemeinsam mit meinem Bruder das Familienunternehmen übernehmen, weiterführen und ausbauen. Als Miss Handwerk habe ich mir vorgenommen, so viel wie möglich von den tollen Chancen zu nutzen und für das Handwerk zu werben.