Moderne Mühlen arbeiten längst hochautomatisiert. Doch KI ist mehr als das: Sie lernt aus Daten und trifft eigenständige Entscheidungen. Das kann vor allem bei der Sortenerkennung helfen und eine Qualitätskontrolle erleichtern. Warum Experten dennoch betonen, dass fachliches Gespür und manuelle Prüfungen in der Lebensmittelherstellung unersetzlich bleiben.

Die Digitalisierung hat schon lange in die Arbeit der Müllerinnen und Müller Einzug gehalten. Moderne Mühlen arbeiten mit einem hohen Automatisierungsgrad. Dabei kommen zahlreiche digitale Steuerungs- und Überwachungssysteme zum Einsatz. Künstliche Intelligenz (KI) geht noch einen Schritt weiter. "Der wesentliche Unterschied zur klassischen Prozessautomatisierung ist: Automatisierung arbeitet nach fest definierten Regeln, während KI aus Daten lernt und auf dieser Grundlage eigenständig Entscheidungen treffen kann", sagt Anne-Kristin Barth, die Sprecherin des Verbands der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) zu dem Thema, das auch bei der diesjährigen Getreidetagung im Mittelpunkt stand. Dort zeigte Konstanze Fritzsch von der Dresdner Mühle, wie die KI-basierte Sortenerkennung in der Praxis funktionieren kann.
Mühlen arbeiten automatisiert, aber menschliche Kontrolle bleibt wichtig
Zwar ist diese in der Mühlenwirtschaft und speziell bei den Handwerksmühlen noch nicht stark verbreitet. Doch sie ist ein Zukunftsthema. "Die Müllerei gehört zu den technologisch fortschrittlichen Bereichen der Lebensmittelherstellung. Moderne Mühlen – egal ob Industrie oder Handwerk – arbeiten weitgehend automatisiert und haben ihre Prozesse über viele Jahre hinweg kontinuierlich optimiert", erklärt Anne-Kristin Barth.
Dennoch muss man stark unterscheiden, an welchen Stellen automatisiert gearbeitet wird und wann KI zum Einsatz kommen kann. "Perspektivisch kann KI in einzelnen Bereichen durchaus Potenzial bieten, beispielsweise in der Warenwirtschaft, der Bedarfsprognose, der Optimierung administrativer Prozesse oder im Energiemanagement", sagt die Verbandssprecherin. Die Herstellung von Lebensmitteln sei jedoch ein hochsensibler Prozess, der das Gespür erfahrener Müllerinnen und Müller für den Rohstoff Getreide und für die Qualität des Endprodukts nach wie vor unersetzlich mache. Menschliche Kontrolle, fachliches Verständnis und regelmäßige Qualitätsprüfungen würden unverzichtbar bleiben.
Sortenbestimmung mit KI: Zukunftsthema in der Mühle
Wo KI allerdings bereits in der Praxis Fortschritte zeigen konnte, sind die Sortenbestimmung, die sie erleichtern kann, und die Erkennung von Qualitätsparametern, die sie unterstützen kann. Konstanze Fritzsch zeigte das anhand von Weizenproben, die sie per Smartphone aufgenommen hatte und innerhalb kurzer Zeit automatisch analysieren konnte. Die KI vergleicht dabei sichtbare Körner mit gelernten Mustern und kann so Sortenidentitäten oder Mischungen erkennen.
So kann man mit der KI fotobasiert eine schnelle Einschätzung vornehmen und erkennen, ob ein Fremdbesatz an den Körnern vorhanden ist oder ob es viele Bruchkörner gibt. Aktuell wird dies in den Mühlen händisch durch Auszählung ermittelt. "Grundsätzlich bietet die schnelle Sortenerkennung bei der Erfassung Möglichkeiten. Getreide kann man viel gezielter lagern, und es ergeben sich neue Chancen bei der Bezahlung. So könnte stärker nach Sortenqualität statt ausschließlich nach Proteingehalt bezahlt werden", erklärt Anne-Kristin Barth.
Hier hat KI Grenzen: Backversuche bleiben notwendig
Aber die derzeit getesteten KI-Programme zeigen auch noch Grenzen. So ist die genaue Qualitätsbestimmung so hochkomplex, dass man das laut Barth weiterhin durch analytische Verfahren in Kombination mit Backversuchen ermitteln muss. Hier könne die KI in Zukunft aber wahrscheinlich bei der Auswertung und Datenanalyse helfen.
Sorteneigenschaften spielen eine Rolle für die Backeigenschaften. Die Sorten einfacher bestimmen zu können, bietet aus Sicht von Konstanze Fritzsch das Potenzial, gemeinsam mit dem Agrarhandel neue Konzepte zu entwickeln. Der Handel lagert die größten Mengen an Getreide separiert nach dem Proteingehalt ein und wenn die Qualität schon zuvor gut bestimmt werden kann, kann dies das Lagern und spätere Verarbeiten vereinfachen.
