54 Prozent aller Handwerksbetriebe werden operativ von weiblichen Familienangehörigen unterstützt – und 58 Prozent der beschäftigten weiblichen Familienangehörigen sind Lebenspartnerinnen der Betriebsinhaber. Wer ihre Altersvorsorge dem Zufall überlässt, zahlt später einen hohen Preis. Zwei Expertinnen zeigen, an welchen Lebensstationen das Thema angepackt werden sollte – und warum das Gespräch darüber in der Familie beginnen muss.

Ein geschlechtsspezifisches Fondsprodukt braucht es sicher nicht, und an guter Beratung mangelt es auch nicht. Dennoch sind Frauen weiterhin oft finanziell unterversorgt. Sie leiden unter dem Gender-Pay-Gap, strukturellen Nachteilen und letztlich auch unter einer Rentenlücke.
Eine andere Art der Aufklärung
Swetlana Ewald, Leiterin der Initiative "finanz-heldinnen" der Commerzbank AG, beschäftigt sich seit rund drei Jahren mit der Frage, wie Frauen stärker für Sparen, Fonds und Vorsorge zu begeistern sind. Leider verfügten viele Frauen oft über ein geringes finanzielles Selbstbewusstsein, so die Expertin. "Frauen brauchen eine andere Art der Aufklärung", ist ihre Erkenntnis.
Viele Frauen seien mit dem Bild aufgewachsen, dass finanzielle Entscheidungen Männersache seien. So greife immer noch die übliche Rollenverteilung. In vielen Partnerschaften würden die Geldangelegenheiten wie selbstverständlich vom Mann erledigt. Dagegen fallen Care-Arbeiten wie Kinderbetreuung oder Pflege von Angehörigen eher den Frauen zu.
Mutterschaft ist der wichtigste Faktor für finanzielle Ungleichheit
Die Konsequenz daraus könne nur lauten: mehr finanzielle Bildung – und zwar an den entscheidenden Lebensstationen. Ewald hält etwa den Einstieg ins Berufsleben für geeigneter als Schulunterricht in jungen Jahren. Die erste Ausbildung, die erste eigene Wohnung oder eine Familienplanung böten Anlass, sich dem Thema zu stellen. Doch junge Frauen müssten damit nicht allein bleiben. Arbeitgeber beispielsweise könnten ebenfalls eine Rolle übernehmen. Beschäftigte sollten vom Chef auf betriebliche und private Altersvorsorge sowie eine langfristige Finanzplanung aufmerksam gemacht werden. Ohne einen Anstoß bleibe die Auseinandersetzung mit Vorsorge und Versicherung sonst oft dem Zufall überlassen.
Neben fehlender Praxis gibt es auch strukturelle Nachteile, die zu schlechterer Versorgung führen. Zuallererst ist da das Kinder-Problem. "Mutterschaft ist wirklich der wichtigste Faktor für das Thema finanzielle Ungleichheit bei Frauen", sagt Ewald.
2020 hat die Bertelsmann Stiftung untersucht, wie sich Kinder auf den Verdienst von Frauen auswirken. Demnach führt die Entscheidung für ein Kind zu einer durchschnittlichen Einbuße von 40 Prozent am Lebenserwerbseinkommen gegenüber kinderlosen Frauen. Mit jedem weiteren Kind sinkt das Einkommen zusätzlich.
Aus Einkommensverlust folgen Lücken bei der Altersvorsorge
Denn mit der Geburt von Kindern reduziere ein großer Teil der Frauen ihre Erwerbstätigkeit. Viele Frauen arbeiteten anschließend über Jahre in Teilzeit oder kehrten in Positionen zurück, die schlechter bezahlt seien als ihre ursprüngliche Tätigkeit. Vielfach ende die Teilzeittätigkeit gar nicht mehr. Neben dem Verlust von Einkommen müssen Frauen folglich mit erheblichen Lücken bei der Altersvorsorge rechnen. Wer sich für Teilzeit oder eine längere Elternzeit entscheide, sollte die daraus entstehenden Nachteile ausgleichen, rät Ewald. Dieses Thema sollte in den Familien gemeinsam angegangen werden. Möglich wären zum Beispiel entsprechend hohe Beiträge in eine private Vorsorge, die allein der Frau zugutekommt.
Ewald hält diese Fragen auch gerade im Handwerk für sehr relevant. Dort gibt es eine große Zahl an mitarbeitenden Ehefrauen – häufig in Teilzeit oder auf Minijob-Basis. Nach einer Umfrage des Ludwig-Fröhler-Instituts (LFI) von 2023 werden 54 Prozent aller Betriebe operativ durch weibliche Familienangehörige unterstützt. 53 Prozent aller beschäftigten Frauen in den befragten Handwerksunternehmen waren laut LFI in Teilzeit im Betrieb aktiv. 58 Prozent der beschäftigten weiblichen Familienangehörigen sind Lebenspartner der Betriebsinhaber. Nicht ganz so hoch sind die Zahlen über alle Wirtschaftsbereiche hinweg. Laut Statistischem Bundesamt haben im Jahr 2025 49 Prozent der Frauen in Teilzeit gearbeitet.
Vorsorge nicht unterbrechen
Am Ende führen all diese Faktoren zu durchschnittlich geringeren Renteneinkünften. Der Gender Pension Gap (Rentenlücke) betrug laut Statistischem Bundesamt im vergangenen Jahr 24,2 Prozent mit und 36 Prozent ohne Hinterbliebenenrenten gegenüber den Männern.
Nathalie Aulbach ist Leiterin des operativen Geschäfts bei der Frauenfinanzgruppe in Hamburg. Sie hat die Erfahrung gemacht, dass Frauen inzwischen gerade in Sachen Altersvorsorge zwar recht fit seien. Doch ähnlich wie Swetlana Ewald hat sie festgestellt, dass Frauen bei einschneidenden Lebensereignissen, vielfach von sich aus ihre Verträge beitragsfrei stellen. Aufgrund der eigenen Einkommensausfälle neigten sie dazu, Zahlungen zu unterbrechen. Genau davor warnt Aulbach jedoch. Gerade weil Frauen derweil weniger oder gar nichts verdienten, müsse ihre Vorsorge weiter bezahlt weden.
>> Im zweiten Teil lesen Sie, wie eine gute Vorsorge für Frauen aussehen könnte. Melden Sie sich jetzt für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um nichts zu verpassen.