Wenn auf Baustellen Werkzeug, Diesel oder Maschinen verschwinden, ist der Diebstahlschaden an sich oft das geringste Problem. Richtig teuer werden Stillstand, Bauverzögerungen und Streit mit Versicherern. Wirksamer Baustellenschutz ist daher unerlässlich – und er braucht eine ganzheitliche Sicherheitsanalyse.

Von einer Baustelle in Offenburg verschwanden Ende Mai Werkzeuge und Baugeräte. Die unbekannten Täter hatten sie aus einem Baucontainer entwendet, der mit einem Vorhängeschloss gesichert war, wie die Polizei mitteilte. Der Schaden beläuft sich auf einen fünfstelligen Betrag. Von einer Baustelle in Betzdorf nahe Siegen entwendeten Unbekannte Mitte Juni zwei Kompressoren und eine Tauchpumpe – und richteten einen Schaden im vierstelligen Bereich an.
Im Raum Pforzheim und Calw wiederum wurden rund 6.000 Liter Diesel aus Baufahrzeugen und Tankcontainern abgezapft. Und auf einer Baustelle im Gleisdreieck der Bahnstrecke Bitterfeld-Lutherstadt Wittenberg kamen Baumaschinen und Werkzeuge im Wert von etwa 15.000 Euro abhanden, nachdem unbekannte Täter zwei Baucontainer aufgebrochen hatten. Hier sucht die Polizei nach einem weißen Fiat Ducato mit polnischem Kennzeichen.
Diebstahl von der Baustelle: Wenn Stillstand und Bauverzögerungen teuer werden
Jedes Jahr verschwinden auf deutschen Baustellen Maschinen, Werkzeuge, Kabel und Baumaterialien im Wert von Millionen von Euro. Die Vielzahl an Polizeimeldungen zu Baustellendiebstählen aus ganz Deutschland legt nahe: Das Problem wird derzeit eher größer als kleiner. Besonders betroffen sind dabei ungesicherte Lagerflächen, Container und Baustellen mit wechselnden Teams.
Für die betroffenen Bauunternehmen entsteht der eigentliche Schaden dabei weniger durch den Diebstahl selbst als durch Projektverzögerungen, Stillstand und ungeplante Ersatzbeschaffungen. "Ein gestohlener Bagger kostet zwar auch Geld, aber ein stillstehendes Bauprojekt kostet oft ein Vielfaches mehr", sagt Christian Simons von LivEye, einem Anbieter mobiler Videoüberwachungslösungen für Baustellen, Industrieflächen und temporäre Risikozonen. "Genau das unterschätzen viele Unternehmen."
Diebstahl: Darum brauchen Baustellen ein Risikomanagement
Während die Schäden durch den eigentlichen Diebstahl von Maschinen und Material häufig im vier- bis fünfstelligen Bereich liegen und sich somit für die meisten Unternehmen noch verschmerzen lassen – zumal vieles durch Versicherungen abgedeckt ist –, wiegen die Folgen von Bauverzögerungen und Stillstand um ein Vielfaches schwerer.
Bauunternehmen seien daher gefordert, ihre Baustellen professionell abzusichern – und zwar nicht nur operativ, sondern auch dokumentarisch. "Entscheidend ist, dass Sicherheitsmaßnahmen nachweisbar umgesetzt werden", erklärt Sicherheitsexperte Simons. Nicht zuletzt würden auch die Versicherungen ein klares Risikomanagement erwarten: umzäunte Baustellen, gesicherte Zugänge, definierte Lagerflächen und regelmäßige Kontrollen auch während des Stillstands an Wochenenden oder Feiertagen würden zu den erwarteten Standards gehören.
Wichtig sei es allerdings, nicht einfach Sicherheitstechnik anzuschaffen, sondern zunächst die spezifischen Risiken der jeweiligen Baustelle zu bewerten, betont Raphael Nagel von Boswau + Knauer, einem auf Baustellensicherheit spezialisierten Technologieunternehmen mit Sitz in Filderstadt bei Stuttgart. "Viele Bauleiter überlegen zunächst, welche Sicherheitstechnik sie kaufen sollten, anstatt zuerst die tatsächlichen Risiken ihrer Baustelle zu verstehen." Dieser Ansatz führe häufig zu unnötigen Investitionen, übersehenen Schwachstellen und Sicherheitssystemen, die die eigentlichen Probleme nicht lösen.
Wirksamer Schutz braucht eine strukturierte Sicherheitsanalyse
Denn Baustellen sind dynamische Arbeitsumgebungen. "Materiallieferungen, wechselnde Nachunternehmer, temporäre Infrastruktur und sich ständig verändernde Arbeitsabläufe schaffen während jeder Bauphase neue Sicherheitsbedingungen", erläutert Nagel. "Eine Baustelle, die tagsüber sicher erscheint, kann außerhalb der Arbeitszeiten erhebliche Schwachstellen aufweisen, wenn Risiken nicht ordnungsgemäß dokumentiert und bewertet wurden."
Anstatt sich auf Vermutungen zu verlassen, empfiehlt der Experte Bauleitern eine strukturierte Sicherheitsanalyse, die ein objektives Bild der aktuellen Situation liefert. Hierzu gehörten Fragen, die viele Unternehmen überraschenderweise nicht eindeutig beantworten können. "Wie viele dokumentierte Sicherheitsvorfälle gab es im vergangenen Jahr? Zu welchen Zeiten treten die meisten Vorfälle auf? Wer trägt offiziell die Verantwortung für die Baustellensicherheit? Welcher Anteil des Unternehmensumsatzes wird durch Sicherheitsverluste beeinträchtigt? Wie alt sind die bestehenden Sicherheitssysteme und sind sie für zukünftige Anforderungen geeignet?", zählt Nagel auf.
"Diese Fragen verlagern die Diskussion von Vermutungen hin zu messbaren Fakten." Denn wenn Entscheidungsträger genau verstehen, wo Schäden entstehen und warum sie auftreten, würden sich Investitionen gezielter planen, besser messen und wirtschaftlicher umsetzen lassen.
Diebstahl von der Baustelle: Mehrstufige Sicherheitskonzepte in Zeiten der Digitalisierung
Die zunehmende Digitalisierung von Bauprojekten verstärke den Bedarf an strukturierten Entscheidungen dabei zusätzlich. "Videoüberwachung, autonome Überwachungssysteme, Fernzugriff, künstliche Intelligenz und cloudbasierte Berichtssysteme erzeugen heute große Mengen an Informationen", erklärt Nagel. "Ohne einen klaren Rahmen zur Auswertung dieser Daten besteht die Gefahr, Informationen zu sammeln, ohne die tatsächliche Sicherheit zu verbessern."
LivEye-Experte Christian Simons pflichtet ihm bei: Einzelmaßnahmen würden zu kurz greifen, sagt er. "Wirksamer Schutz entsteht erst durch ein ganzheitliches, mehrstufiges Sicherheitskonzept." Dieses sollte auf die spezifischen Anforderungen der jeweiligen Baustelle zugeschnitten sein und umfasse mechanische Sicherungen ebenso wie eine konsequente Ordnung und Lagerdisziplin, damit hochwertige Materialien und Akkugeräte nicht offen zugänglich sind. "Ergänzend sorgen eine gezielte Beleuchtung kritischer Bereiche zur Abschreckung sowie eine professionelle Videoüberwachung mit aktiver Intervention für ein deutlich erhöhtes Sicherheitsniveau", so der Experte.
Versicherung zahlt nur bei nachweisbaren Sicherungsmaßnahmen
Das ist nicht zuletzt auch für die Schadensregulierung durch die Versicherung wichtig: "Versicherer schauen inzwischen sehr genau hin, ob eine Baustelle ernsthaft abgesichert war oder nur pro forma", sagt Simons. Für Schäden kommen sie nur auf, wenn bestimmte Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehören eben nachweisbare Sicherungsmaßnahmen, ordnungsgemäß verschlossene Lager und keine grobe Fahrlässigkeit. Wird ein Diebstahl festgestellt, ist strukturiertes Vorgehen entscheidend: Die Baustelle sollte man dann möglichst unverändert lassen, um Spuren zu sichern. Anschließend gilt es, umgehend die Polizei zu informieren und Anzeige zu erstatten. Man sollte den Schaden detailliert dokumentieren. Dazu gehören fehlende Gegenstände, Zeitfenster und eben auch die Sicherungsmaßnahmen. Zuletzt ist die Versicherung zu informieren.
"Versicherungen reagieren bei häufigen Schäden zunehmend mit Beitragserhöhungen oder sogar Kündigungen", so Simons. Unternehmen mit mehreren Diebstahlschäden würden als nicht mehr versicherbar gelten – neue Policen seien dann schwer oder nur zu deutlich schlechteren Konditionen zu bekommen. "Viele Unternehmen glauben, die Versicherung fängt alles ab", sagt Simons. "In der Realität kündigen Versicherer heute schneller, als sie zahlen." Professionelle Sicherheitslösungen seien daher nicht nur wichtig zur Schadensvermeidung, sondern auch zur langfristigen Sicherung der Versicherbarkeit.