Betriebskultur, Führung, Vollzeit-Dogma – Gender- und Diversity-Professorin Barbara Schwarze erklärt im Interview, warum Frauen technische Berufe verlassen und warum die Prägung schon im Kindergarten beginnt. Dazu: was Betriebe tun können – und warum weibliche Nachfolge als Antwort auf den Fachkräftemangel noch unterschätzt wird.

Frau Schwarze, seit Jahrzehnten engagieren Sie sich dafür, Frauen für Mint-Berufe zu gewinnen. Was hat sich getan – was muss noch passieren?
Barbara Schwarze: Die Geschlechterstereotype sind merkwürdig stabil geblieben: technische Berufe für Männer, soziale, kreative und Dienstleistungsberufe für Frauen. Das kommt weniger über die Biologie, als über die soziale Prägung. Schon Kleinstkinder nehmen wahr, welche Rollen ihre Eltern erfüllen und welches Verhalten von ihnen erwünscht ist. Diese Prägung zieht sich über den Kindergarten und die Schule bis hin zur Berufswahlentscheidung.
In Deutschland gibt es seit 2001 Girls’Days, sie haben sie mit auf den Weg gebracht. Aber das Berufswahlverhalten ändert sich wenig. Warum?
Wir haben im Jahr 2022 eine Vorher-Nachher-Erhebung gemacht. Der Anteil der jungen Frauen, die sich nach dem Girls’ Day für ein Handwerk interessierten, hat sich fast verdoppelt. Damit daraus auch eine Berufswahlentscheidung wird, sollten die teilnehmenden Betriebe und Organisationen den einmal geknüpften Kontakt zu den jungen Leuten nicht mehr abreißen lassen. Das größte Interesse am diesjährigen Girls’ und Boys’Day kam übrigens aus Handwerksbetrieben.
Was können Betriebe sonst noch selber tun?
Viele Handwerker und Handwerkerinnen gehen auf Schulen oder die Agentur für Arbeit zu, gestalten gemeinsam Projekte und suchen aktiv Nachwuchs. Wichtig ist, dass das kein Engagement nur für einen Tag ist, sondern sie den Kontakt halten, beispielsweise über längere Praktika. Eine gute Sache wäre es, wenn Frauen, die den Weg bereits beschreiten, andere als Role-Model informieren.
Wenn Frauen in einer "typischen Männerdomäne" aufgeben – können sie es nicht oder liegt das eher an Pin-ups und anzüglichen Sprüchen?
Die Studien zeigen, dass es selten an der Tätigkeit liegt, sondern meist an den Rahmenbedingungen. Nicht jede Frau ist so schlagfertig, dass sie dumme Sprüche und Anmache einfach wegstecken kann. Hier ist gute Führung gefragt: Bestimmte Dinge werden im Betrieb nicht akzeptiert, weder für Männer noch für Frauen. Ein zweiter Grund ist, dass in vielen technischen Berufen die Einstellung herrscht, dass die Arbeit nur in Vollzeit möglich ist. Auch hier ist ein Umdenken nötig, übrigens nicht nur für Frauen. Auch junge Väter wollen heute mehr Zeit mit der Familie verbringen.
Frauen erleben, dass ihnen Arbeiten nicht zugetraut werden. Sind die biologischen Unterschiede ein Argument?
Das sind wichtige Punkte, aber es gibt auch Männer mit zarterem Körperbau, die dennoch massiv gefordert werden. Niemand sollte seinen Körper mit der Arbeit kaputt machen müssen, egal ob Mann oder Frau. Es gibt so viele Hilfsmittel, der richtige Weg ist, unterstützende Möglichkeiten zu nutzen.
Bisher sind Frauen im Handwerk sehr ungleich verteilt. Tut sich da etwas?
Es bewegt sich etwas, aber zäh. Bei der Nachfolge rücken inzwischen häufiger Töchter ins Blickfeld. Das kommt auch bei der Kundschaft positiv an, beispielsweise weil viele Frauen stärker kommunizieren. Auffallend ist, dass die weibliche Nachfolge vor allem in kleineren Betrieben stattfindet. Aus meiner Sicht wird dieser Punkt des Fachkräftemangels und der Nachfolge noch viel zu wenig ernst genommen.
Aus den USA schwappt der Trend der "Tradwifes" herüber – junge Frauen entscheiden sich für die Rolle der klassischen Hausfrau. Wie bewerten Sie das?
Junge Frauen bei uns haben verstanden, wie wichtig es ist, dass sie einen Beruf ergreifen und selbst ihren Lebensunterhalt verdienen können. In den letzten Jahren sehen wir da deutliche Bildungserfolge. Wenn ich dagegen die Situation von älteren Frauen in Deutschland betrachte, deren Rentenniveau und die Versorgungsmöglichkeiten, dann kann ich nur sagen: Hände weg von einer Rückkehr zu traditionellen Rollen.

