Hilfsprojekt in der Ukraine "Ich war eine Viertelstunde da, dann weinten wir gemeinsam"

17 Stunden Fahrt, Checkpoints, in Kiew viermal Drohnenalarm in einer Nacht: Ella Kamps reiste für die Stiftung 'Brot gegen Not' in ein Kinderheim zwei Stunden außerhalb der Hauptstadt. Dort entstand eine Ausbildungsbackstube, in der täglich Brot gebacken wird – und in der Frauen das Bäckerhandwerk lernen.

Brot gegen Not
Schritt für Schritt zur Selbstversorgung: In der Ausbildungsbackstube in der Ukraine lernen die Frauen das Backen von Brot. - © Stiftung Brot gegen Not

Als Ella Kamps in den Kleinbus steigt, hat sie ihren Kindern längst einen Brief geschrieben. "Nur für den schlimmsten Fall...", sagt sie mit leiser Stimme. Drei Wochen lang habe sie mit sich gerungen, ob sie die gefährliche Reise in die Ukraine wirklich antreten soll. Bauchmensch sei sie, erzählt Kamps, kein ängstlicher Typ. Aber eben auch Mutter von zwei Kindern.

Am Ende siegte der Drang, helfen zu müssen. 17 Stunden dauert die Fahrt zu dem Kinderheim, wo eine voll ausgestattete Ausbildungsbackstube der Stiftung "Brot gegen Not" entstand. Partner sind die Organisation "Saving an Angel" von Musiker Rea Garvey und Ivan Stuckert mit der Gesellschaft "Bochum-Donezk" und "Helping Hands".

Zwischen Checkpoints und Drohnenalarm

Von Polen aus geht es ins Land hinein, vorbei an Kontrollpunkten, Schlagbäumen, Uniformen. Manchmal steht der Bus stundenlang. Es herrscht Stille, bis plötzlich die Sirenen zu heulen beginnen. Nachts meldet eine App Drohnenalarm. In Kiew heult viermal in einer Nacht die Warnung auf.

Die Züge, sagt Ella Kamps, seien inzwischen zu riskant geworden, weil Infrastruktur bevorzugt angegriffen werde. Im Auto sei es sicherer. Wer an Krieg denkt, denkt an Trümmer. Doch was Ella Kamps auf der Fahrt sieht, ist meist weniger offen sichtbar, als sie erwartet hatte. Zerstörtes werde schnell weggeräumt, erzählt man ihr, damit die Menschen den Krieg nicht an jeder Straßenecke vor Augen haben. Und doch ist er überall.

Das Ziel liegt zwei Stunden außerhalb von Kiew, in ländlicher Gegend. Ein Kinderheim, dessen genauer Ort aus Sicherheitsgründen nicht genannt wird. Hier leben Kinder, die ihre Eltern verloren haben, Kinder aus zerstörten Familien, traumatisierte Jungen und Mädchen – und auch Mütter mit kleinen Kindern, die sonst keinen Platz hätten.

Ella Kamps
Sehnsucht nach Geborgenheit: Ella Kamps ist sichtlich bewegt von der ­Zuneigung, die ihr die traumatisierten Kinder entgegenbringen. - © Stiftung Brot gegen Not

Begegnungen, die in Erinnerung bleiben

Als die Gruppe ankommt, warten die Kinder schon. Sie haben ein Plakat gemalt, sie singen zur Begrüßung. Dann läuft ein Mädchen auf Ella Kamps zu, nimmt ihre Hand und lässt sie nicht mehr los. Über eine Übersetzerin erfährt Kamps: Das Kind lebt mit zwei Geschwistern hier, die Eltern sind tot. Gegenüber steht die Großmutter. Sie beginnt zu erzählen, bricht ab, weint. Ella Kamps weint mit. "Ich war, glaube ich, eine Viertelstunde da, und dann stand ich schon mit der Oma im Arm und habe geweint", sagt sie. "Da war ich sofort tief ergriffen."

Vier Jahre Krieg haben das Land verändert. Aber sie haben den Menschen nicht ihren Stolz genommen. "Das ist ein unwahrscheinlich starkes Volk", sagt Ella Kamps. „Und was sie eigentlich gar nicht wollen, ist, dass jemand helfen muss.“ Hilfe werde angenommen, weil sie nötig sei. Aber nicht aus einer Opferhaltung heraus. Was die Menschen wollten, sei Normalität – so viel wie unter diesen Umständen möglich.

Genau hier setzt das Projekt von "Brot gegen Not" an. Die Stiftung aus Düsseldorf, die Heiner Kamps vor mehr als 25 Jahren gegründet hat, möchte nicht nur Hilfsgüter verteilen. Sie baut Backstuben auf. Nicht als Symbol, sondern als Struktur. Auch in der Ukraine wird inzwischen täglich frisches Brot gebacken – für die Kinder im Heim und für die Menschen in der Umgebung.

Oliver Flodman, gelernter Bäcker und hauptamtlicher Projektleiter der Stiftung, richtete die Backstube vor Ort ein und begann sofort mit der Ausbildung. Er stieß auf hochmotivierte Menschen. Zugleich werden vor Ort Frauen im Bäckerhandwerk geschult, damit aus Versorgung Schritt für Schritt Selbstversorgung wird. Gerade in der Ukraine, sagt Ella Kamps, habe sie diese Haltung stark gespürt: "Wenn sie die Fähigkeiten haben, sagen sie: Danke – aber jetzt wollen wir selber machen."

Brot: Mehr als ein Nahrungsmittel

Für Ella Kamps ist genau das der Unterschied zwischen akuter Hilfe und nachhaltiger Hilfe. "Lebensmittel sind irgendwann verbraucht", sagt sie. "Dann beginnt eine endlose Schleife. Unser Ansatz ist, den Menschen etwas zu geben, mit dem sie selbst weitermachen können: Know-how, Geräte, Fähigkeiten. Brot stillt Hunger. Das Bäckerhandwerk kann aber noch mehr: Es schafft Arbeit, Tagesstruktur, Selbstachtung und Perspektive."

Im ukrainischen Kinderheim bekommt dieser Gedanke eine fast elementare Form. Denn Brot ist dort nicht nur Grundnahrungsmittel. Es ist ein Versprechen. "Der Duft von frisch gebackenem Brot ist für jeden Menschen etwas Positives", sagt Ella Kamps. "Gerade für die Kinder bedeutet das Sicherheit. Wenn Brot da ist, ist das Grundnahrungsmittel da. Das ist die erste Stufe zur Normalität."

An Ostern wurden in der neuen Backstube Hefehasen gebacken, später Stockbrot über dem Feuer. Nach einem Gottesdienst verteilte das Team 400 Brote. Für Kinder, die Krieg, Flucht und Verlust erlebt haben, sind solche Momente mehr als schöne Bilder. Sie stiften Erinnerung – an Wärme, an Gemeinschaft, an etwas, das bleibt. "Bestimmte Gerüche vergisst man nie", sagt Ella Kamps. "Ich glaube, dieses Ostern werden die Kinder nicht vergessen."

Kinderheim an Ostern
Ein Gefühl von Wärme und Gemeinschaft: Zu Ostern wurden für das Kinderheim Hefehasen und Stockbrot über offenem Feuer gebacken. - © Brot gegen Not

Ausbilden für ein selbstbestimmtes Leben

Ähnliches erlebt sie auch im Senegal, wo die Stiftung nicht nur eine Bäckerei, sondern auch eine Schule mit aufgebaut hat. Rund 20 Menschen arbeiten dort und die Bäckerei trage sich inzwischen zunehmend selbst. Weltweit betreut "Brot gegen Not" rund 20 Projekte, dazu kommen kleinere sogenannte Micro-Bakeries. In diesen Projekten lernen vor allem Frauen, mit einfachen Öfen und Grundkenntnissen Brot oder Gebäck herzustellen und auf Märkten zu verkaufen.

Dazu gehören Warenkunde, Kalkulation und der Blick für Wirtschaftlichkeit – also genau jene handwerklichen und kaufmännischen Grundlagen, die aus einer Tätigkeit ein kleines Gewerbe machen können. Auch darin zeigt sich, warum Handwerk in einer Stiftungsarbeit so gut funktioniert: Es ist konkret. Es lässt sich weitergeben. Und es verbindet Versorgung mit Qualifikation. "Wir kommen nicht und gehen, sondern wir bleiben", sagt Ella Kamps. Die Stiftung bleibt dauerhaft vor Ort, stößt neue Projekte an, finanziert Öfen, Lieferfahrzeuge oder weitere Ausstattung.

Ella Kamps ist überzeugt, dass auch das Projekt in der Ukraine lange bestehen wird und sich das Land wieder aufrichten kann. Die Menschen dort hätten die Fähigkeiten, den Willen und die Kraft dazu. Sie selbst will zurückkehren in das Kinderheim, das sie nach der ersten Viertelstunde schon so tief erschüttert hat. Es ist ein Ort der Verluste – und zugleich ein Ort, an dem mit Hilfe des Handwerks etwas Neues ­beginnt.