Warnsignal Schlaf Wenn der Kopf nicht abschaltet, obwohl der Körper längst will

Reinhold Kraft wachte monatelang nachts auf – bis ein Schlaganfall ihn 2011 aus dem Leben als Motorradhaus-Chef riss. Eine Coachin und ein Präventionsprofessor erklären, welche Frühwarnzeichen Betriebsinhaber ernst nehmen sollten – und mit welchen Routinen sich der Anspannungszyklus durchbrechen lässt.

Nachts wach, tagsüber gerädert: Schlafstörungen gehören für viele Betriebsinhaber zum Alltag – und sind laut Experten ein ernstzunehmendes Warnsignal. - © Nadja Abele - stock.adobe.com

Es war ein Abend wie viele. Bis ein schicksalhafter Tag im Jahr 2011 alles änderte: Kraft saß abends mit Geschäftsfreunden zusammen, telefonierte kurz mit seiner Frau – da fiel ihm das Handy aus der Hand und er kippte um. Der Rettungsdienst brachte ihn ins Krankenhaus, wo er eine niederschmetternde Diagnose erhielt: Schlaganfall, mit Anfang 60. Der Inhaber und Geschäftsführer von Honda Kraft, einem traditionsreichen Motorradhaus aus Leutkirch im Allgäu, lernte in den Monaten danach mühsam wieder laufen. An die Rückkehr ins Geschäft war nicht zu denken.

"Der Schlaganfall ist keine vorübergehende Beeinträchtigung, sondern wird mich mein Leben lang begleiten", sagt Kraft heute.

Schlafprobleme sind ein ernstzunehmendes Warnzeichen

Die Warnsignale waren da gewesen. Monatelang. Kraft wachte nachts auf, und dann lief es los: offene Entscheidungen, ungelöste Konflikte, wirtschaftlicher Druck. Das Gedankenkarussell drehte sich, der Schlaf blieb weg.

Damit ist er nicht allein. "Inzwischen kommt das Thema Schlafprobleme fast in jedem Erstgespräch zur Sprache", sagt Michaela Schenker, Executive Coach und Gründerin von Mind Switch. Sie arbeitet mit Führungskräften, die chronisch unter Strom stehen. Das Muster ist immer ähnlich: Betroffene wachen wie gerädert auf, manche mit leichtem Herzrasen oder einem Druckgefühl auf der Brust. Noch bevor der Tag begonnen hat.

"Das sind deutliche Hinweise darauf, dass sich der Körper bereits in einem chronischen Stresszustand befindet", sagt Schenker. Das Problem: Viele gewöhnen sich daran. Sie halten den Ausnahmezustand für normal.

Genau das macht ihn so gefährlich. "Langfristig erhöht Schlafmangel das Risiko für ernsthafte gesundheitliche Probleme, darunter Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes sowie psychische Erkrankungen wie Depressionen und Angststörungen", warnt Solveig Haw, Gesundheitsexpertin und Ärztin bei der Deutschen Krankenversicherung (DKV). Erholsamer Schlaf, sagt Schenker, sei kein Luxus: "Er ist die Grundvoraussetzung dafür, dass das Gehirn am nächsten Tag klar denken und richtig entscheiden kann."

Gesunde Routinen wirken präventiv

Die Basics zuerst: regelmäßige Schlafenszeiten, kein Koffein, Nikotin und kein Alkohol vor dem Zubettgehen, weniger Bildschirm am Abend. Klingt banal, wirkt aber. Wer tiefer hängt, kommt damit allein nicht raus.

Denn das eigentliche Problem sitzt oft im Kopf. "Wer Verantwortung nicht loslassen kann, trägt jedes offene Thema mit nach Hause und schleppt die ungelöste Spannung mit ins Bett", sagt Schenker. "Das Ergebnis ist ein Kopf, der weiterläuft, wenn der Körper längst schlafen will."

Wer gegensteuern will, muss bei der Struktur anfangen, nicht beim Schlaf selbst. Denn der ist oft nur das Symptom. "Wer erste Symptome wahrnimmt, kann mit einem Tagesprotokoll Muster und Belastungsspitzen besser nachvollziehen", rät Ingo Froböse, Professor für Prävention an der Deutschen Sporthochschule Köln. Sein Minimalprogramm: jede Stunde fünf Minuten Pause – ein Gang an die frische Luft, ein Plausch mit Kollegen, notfalls nur der Blick aus dem Fenster. "Das unterbricht den Anspannungszyklus."

Genauso wichtig: ein klarer Schnitt am Feierabend. Froböse empfiehlt ein digitales Ruhefenster – Stunden, in denen Nachrichten auf dem Diensthandy tabu bleiben. Wer das nicht hinbekommt, trägt die Arbeit ins Bett. Auch die Basis muss stimmen: ausreichend trinken, regelmäßig essen, Bewegung. Klingt selbstverständlich – im Alltag von Unternehmern ist es das selten.

Honda Kraft gibt es heute nicht mehr

Schlafstörungen plus die Unfähigkeit abzuschalten – für Schenker ist das eines der verlässlichsten frühen Anzeichen, dass sich ein Burnout anbahnt. Oder Schlimmeres. "Wer die frühen Signale ignoriert, riskiert, dass der Körper irgendwann die Reißleine zieht."

Bei Reinhold Kraft hat er das getan. Von Honda Kraft gibt es heute keine Spur mehr. Das Unternehmen wurde liquidiert, das Grundstück verkauft. 2012 rissen sie das alte Firmengebäude ab.