Zwei Baustellen in einer Straße, zwei völlig unterschiedliche Eindrücke. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg zeigt in ihrer DHZ-Kolumne, warum genau dort sichtbar wird, was viele Betriebe über ihre Arbeitgebermarke noch nicht verstanden haben.

Bei uns in der Straße reiht sich ein Reihenhaus an das nächste. Man kennt sich, man sieht sich und man bekommt mit, wenn irgendwo gebaut wird.
Aktuell gibt es bei uns zwei Sanierungen. Die eine ist eine Vollsanierung über einen Generalunternehmer. Aus einem Einfamilienhaus soll ein Haus mit drei Parteien werden. Alles raus, alles neu, viele Gewerke, viel Material, viele Fahrzeuge. Natürlich ist so eine Baustelle komplex. Genau deshalb braucht sie Führung, Struktur und jemanden, der den Gesamtauftritt im Blick behält.
Die andere Baustelle ist eine Dachsanierung. Erst kamen die Gerüstbauer, dann die Dachdecker. Und genau diese Dachbaustelle ist inzwischen Straßengespräch.
Wenn Ordnung zum Gesprächsthema wird
Nicht, weil etwas schiefgelaufen ist, sondern weil dort etwas auffällt, was im Handwerk viel zu selten laut genug benannt wird: Ordnung.
Diese Baustelle wird so sauber geführt, dass man zweimal hinschaut. Kein herumfliegendes Papier, kein wild abgelegtes Material, keine Absperrung nach Gefühl. Alles wirkt durchdacht, selbst das Lagermaterial liegt sauber auf Kante. Das Team vor Ort ist freundlich, sie stoppen kurz, wenn man auf dem Bürgersteig vorbeigeht, und lassen einen selbstverständlich vorbei.
Wenn bei der Vollsanierung trotz Generalunternehmer regelmäßig Autos so stehen, dass sich der Verkehr bis zur Hauptstraße zurückstaut, und Dreck, Müll und Unordnung zum Straßenbild gehören, entsteht automatisch ein Vergleich. Nicht, weil beide Baustellen gleich wären, sondern weil beide geführt werden müssen.
Die Nachbarschaft sieht nicht nur, dass gebaut wird
Die Nachbarschaft sieht nicht nur, dass gebaut wird. Sie sieht, wie gebaut wird. Vor allem die älteren Herrschaften, deren Dächer vielleicht demnächst ebenfalls fällig sind, sprechen darüber. Nicht über Google-Bewertungen, sondern am Gartenzaun, auf dem Bürgersteig, zwischen Einkaufstasche und Mülltonne.
Irgendwann konnte ich nicht anders. Ich habe den Inhaber der Dachdeckerfirma angesprochen und ihm gesagt, dass mir aufgefallen sei, wie sauber und ordentlich diese Baustelle geführt werde. Dass das richtig schön anzusehen ist.

Er hat sich ehrlich gefreut und gesagt: "Darauf legen wir wirklich viel Wert. Das ist mir sehr wichtig." Ich habe geantwortet: "Das sieht man." Vom Straßengespräch in der Nachbarschaft habe ich ihm nichts erzählt. Dabei wäre genau diese Außenwirkung der eigentliche Punkt gewesen.
Arbeitgebermarke entsteht dort, wo Menschen Ihren Betrieb erleben
Denn diese Baustelle erzählt längst etwas über seinen Betrieb – über Haltung, Anspruch, Führung und darüber, wie dort gearbeitet wird. Genau hier beginnt die Arbeitgebermarke. Nicht im Hochglanztext auf der Website, nicht im Satz "Wir sind ein tolles Team" und auch nicht bei Benefits, sondern dort, wo Menschen Ihren Betrieb erleben.
Auf der Baustelle wird sichtbar, ob Werte nur aufgeschrieben wurden oder wirklich gelebt werden. Wenn Ordnung für Ihren Betrieb wichtig ist, dann darf das sichtbar sein. Nicht nur für Ihre Kundschaft, sondern auch für potenzielle Mitarbeitende.
Die Richtigen anziehen
Jemand mit einem starken Ordnungssinn wird sich auf einer sauber geführten Baustelle eher wiederfinden und denken: Hier wird so gearbeitet, wie ich selbst arbeiten möchte. Jemand, der Material irgendwo fallen lässt und am Ende des Tages denkt: "Passt schon", wird sich dort vermutlich nicht lange wohlfühlen.
Und das ist gut so. Eine Arbeitgebermarke soll nicht allen gefallen. Sie soll die Richtigen anziehen.
Wenn ein Betrieb stark auf Ordnung achtet, dann ist das kein kleiner Tick, sondern ein Signal. Dann sagt dieser Betrieb: Bei uns wird sauber gearbeitet. Bei uns sieht man hin. Bei uns ist die Baustelle nicht egal, nur weil morgen weitergearbeitet wird.
Nicht nur das Ergebnis zählt – auch der Weg dorthin
Wer jetzt denkt: "Hauptsache, das Dach wird gut", denkt zu kurz. Natürlich muss das Dach gut werden, aber im Handwerk wird nicht nur das Ergebnis bewertet. Auch der Weg dorthin wird gesehen. Jeden Tag. Von Kundinnen und Kunden, Nachbarn, Spaziergängern und Menschen, die gerade überlegen, wen sie beauftragen oder für wen sie arbeiten möchten.
Vielleicht sitzt in genau einer dieser Familien jemand am Küchentisch, der gerade einen Praktikumsplatz sucht, einen Ausbildungsplatz oder eine neue Stelle als Fachkraft. Was wird dann erzählt? "Da vorne ist eine Baustelle, das ist das reinste Chaos." Oder: "Guck dir mal die Dachdecker an. So ordentlich habe ich selten eine Baustelle gesehen." Und auf welcher Firmenwebsite wird diese Person wohl zuerst nachschauen?
Ihre Baustelle ist Ihr Versprechen
Genau deshalb gehört Ordnung in Ihre Arbeitgebermarke, wenn Ordnung Ihren Betrieb prägt. Nicht als schöner Begriff, sondern als klares Versprechen. Denn Ihre Baustelle spricht. Die Frage ist nur, ob das, was sie erzählt, zu dem passt, was Sie über Ihren Betrieb sagen.
Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.