"Kann der mir nicht einfach mal zuhören?" – das denken Mitarbeiter über ihre Chefs häufiger, als diese ahnen. Wer im Gespräch ohne Pause redet, verliert Aufmerksamkeit, Vertrauen und am Ende die besten Leute. Was gezielte Stille in Mitarbeiter- und Kundengesprächen bewirken kann.

Gute Witzeerzähler legen beim Erzählen gezielt Pausen ein. Sie prüfen damit, ob sie noch die Aufmerksamkeit ihres Publikums haben, und steigern die Spannung vor der Pointe.
Ähnlich ist dies bei Vortragsrednern. Auch sie machen bewusst Sprechpausen. Denn sie wissen: Damit Worte wirken, reicht es nicht, das Tempo und die Lautstärke zu variieren. Das Gesagte braucht Zeit, um bei den Zuhörern anzukommen und von ihnen verarbeitet zu werden.
Im Führungsalltag gerät dieses Wissen oft in Vergessenheit – vor allem in Stresssituationen. Dabei sagt schon der Volksmund: "Reden ist Silber, Schweigen ist Gold." Und viele Führungskräfte kennen den Satz: "Wer fragt, der führt." In der Praxis beachten sie ihn jedoch häufig nicht. Kaum hat ein Mitarbeiter ihnen ein Stichwort gegeben, beginnen manche Führungskräfte ausführlich zu erklären – nicht selten, bis sie selbst außer Atem sind. Der persönliche Draht zum Mitarbeiter geht dabei meist verloren.
Wenn Worte ihre Wirkung verlieren
Die Folge: Vieles, was gesagt wird, rauscht am Mitarbeiter vorbei – auch weil sich die Führungskräfte nicht die nötige Zeit nehmen, um zu überprüfen, ob und wie ihre Botschaften ankommen. Sie merken daher auch nicht, wenn Mitarbeiter sich von der Flut an Argumenten überfordert fühlen und innerlich abschalten.
Wahre Führungspersönlichkeiten wissen hingegen, wie wichtig Pausen sind, um
- ein gutes Gesprächsklima zu schaffen und
- sicherzustellen, dass ein Gespräch keine Einbahnstraße ist.
Nachdem etwas Wichtiges gesagt wurde, nehmen sie deshalb bewusst das Tempo heraus. Sie lehnen sich innerlich zurück, atmen durch, schauen ihr Gegenüber aufmerksam an und warten auf eine Reaktion. Kurz: Sie machen eine Pause.
Warum Gesprächspausen so wichtig sind
- Gespräche auf Augenhöhe
Mitarbeitergespräche sollten Dialoge sein. Beginnen Sie ein Gespräch nach der Begrüßung ruhig einmal mit einer kurzen Stille und einem interessierten Blick. Das kann für Mitarbeiter ein Aha-Erlebnis sein und ermutigt sie, ihre Anliegen selbst anzusprechen. - Mehr Blickkontakt
Wer viel redet, hat meist weniger Blickkontakt. Doch persönliche Beziehungen werden weitgehend durch ihn gestärkt. Pausen helfen, diese Verbindung aufrechtzuerhalten oder bei Bedarf wiederherzustellen. - Raum zum Denken
Reden und gleichzeitig nachdenken – das fällt vielen Menschen schwer. Wer ohne Pause spricht, spult häufig nur sein Standardrepertoire und vorbereitete Argumente ab. Pausen geben Raum, den Gesprächspartner wahrzunehmen und das eigene Vorgehen der Ist-Situation anzupassen. - Weniger Missverständnisse
Gesprächspausen helfen Mitarbeitern, das Gesagte zu verstehen und einzuordnen. Sie bieten zudem Gelegenheit, Fragen oder Einwände zu formulieren. Das erleichtert es, tragfähige Vereinbarungen gegen Ende des Gesprächs zu finden. - Gemeinsames Tempo finden
Im Verlauf eines Gesprächs verändern sich oft die Stimmungen und Bedürfnisse der Beteiligten. Pausen ermöglichen es, diese Veränderungen wahrzunehmen und sicherzustellen, dass beide Seiten noch auf einer Wellenlänge sind. - Respekt zeigen
Mitarbeiter möchten gehört werden. Pausen signalisieren Offenheit für Fragen, Einwände und Wünsche – und zeigen ihnen, dass ihre Perspektive ernst genommen wird. - Aufmerksamkeit steigern
Ein kurzes Schweigen vor einer wichtigen Aussage lenkt die Aufmerksamkeit des Gegenübers. Es signalisiert: Das Folgende ist besonders wichtig. - Botschaften verstärken
Gerade nach zentralen Aussagen gilt: Schweigen wirkt. Wer sofort weiterredet, schwächt die Wirkung seiner Botschaft. - Beziehung stärken
Gute Freunde können auch gemeinsam schweigen. Momente der Ruhe sind häufig ein Zeichen der Verbundenheit – auch im beruflichen Kontext. Gönnen Sie sich und Ihren Mitarbeitern daher bewusst solche Pausen. Gemeinsam, ohne innere Anspannung schweigen zu können, ist meist ein Zeichen von Vertrauen und gegenseitiger Wertschätzung.
Übrigens: Die genannten Prinzipien gelten nicht nur für Mitarbeitergespräche, sondern ebenso für Kunden- und Verkaufsgespräche. Auch in ihnen sind Pausen oft wichtig, um eine persönliche Beziehung aufzubauen und die gewünschten Ergebnisse zu erzielen.
Zur Autorin: Barbara Liebermeister leitet das Institut für Führungskultur im digitalen Zeitalter (IFIDZ) in Wiesbaden. Sie ist u.a. Autorin des Buchs "Führen mit Alpha Intelligence: Startklar für die Arbeitswelt der Zukunft". Die Vortragsrednerin und Trainerin zum Themenkomplex Leadership und (Selbst-)Führung betreibt die beiden Podcasts "Digital ist egal… Was zählt bist DU!" und "Business Secrets: Warum Frauen gelikt werden und Männern gefolgt wird!".