Zukunft Handwerk in München Wege aus der Bürokratie-Falle und ein neues Leistungsprinzip gesucht

Die Eröffnung der "Zukunft Handwerk" in München geriet in diesem Jahr zu einer eindringlichen Standortbestimmung. Angesichts schwächelnder Konjunkturdaten und globaler Unsicherheiten rückten die politischen und wirtschaftlichen Spitzenvertreter zwei zentrale Hebel in den Fokus: Die Entlastung der Betriebe von administrativen Fesseln und die Notwendigkeit, das Arbeitsvolumen in Deutschland zu steigern.

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Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche möchte in ihrer Amtszeit den Bürokratieabbau beschleunigen. Das betonte sie bei der Eröffnung der Zukunft Handwerk in München. - © Frank Hoermann/Sven Simon/picture alliance/dpa

ZDH-Präsident Jörg Dittrich eröffnete die Debatte beim Kongress "Zukunft Handwerk" in München mit einer scharfen Kritik am Status quo. Er identifizierte die bürokratische Last als eines der größten Investitionshemmnisse für das Handwerk. "Die Basis einer gesunden Ordnung ist ein großer Papierkorb", formulierte Dittrich und forderte die Bundesregierung auf, diesen Korb nun zügig mit überflüssigen Dokumentations- und Berichtspflichten zu füllen. Es genüge nicht mehr, Entlastung nur anzukündigen, sie müsse in den Werkstätten und Büros spürbar ankommen.

Dittrich warnte zudem explizit vor steuerlichen Eingriffen in die Betriebsvermögen. Die Diskussion um eine Erhöhung der Erbschaftssteuer gehe an der Realität der Familienunternehmen vorbei. "Im Handwerk liegt das Geld nicht auf dem Bankkonto, sondern es steht auf dem Hof, als Bagger oder als Backofen", so der Handwerkspräsident. Wer hier die Steuerschraube anziehe, entziehe den Betrieben die Liquidität für notwendige Investitionen und gefährde die Unternehmensnachfolge.

Reiche: "Wir verlieren, weil wir weniger arbeiten"

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche griff die Sorgen des Handwerks auf und verband sie mit einer schonungslosen Analyse der deutschen Wettbewerbsfähigkeit im europäischen Vergleich. Sie wies darauf hin, dass die hohe individuelle Produktivität der deutschen Beschäftigten nicht mehr ausreiche, um den Wohlstand zu sichern, wenn die Gesamtzahl der geleisteten Arbeitsstunden weiter sinke.

"Schauen Sie sich an, wie lange griechische Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer im Durchschnitt arbeiten, wie viel in Polen gearbeitet wird", argumentierte die Ministerin. Deutschland verliere im internationalen Wettbewerb an Boden, weil das Arbeitsvolumen über das Jahr gesehen zu gering sei. "Wir müssen das Gesamtvolumen an geleisteten Arbeitsstunden nach oben bringen, um wieder wettbewerbsfähig zu werden", so Reiche.

Gleichzeitig kündigte sie konkrete Schritte zum Bürokratieabbau an. Als Beispiele nannte sie den Wegfall der Pflicht zur Bestellung eines Sicherheitsbeauftragten für Betriebe mit weniger als 50 Beschäftigten sowie Erleichterungen bei den Dokumentationspflichten im Fleischerhandwerk. Reiche räumte ein, dass der Abbau von Vorschriften ein mühsamer Prozess sei: "Das ist wie eine alte Fassade. Die kloppen Sie auch nicht mit einem Eimer ab. Sie müssen die Schichten freilegen, dann Stein für Stein sanieren."

Zudem übte die Ministerin Kritik an der Bildungspolitik der vergangenen Jahrzehnte. Die Fokussierung auf akademische Abschlüsse habe zu einer Schieflage geführt. "Das Herunterstufen des Handwerks, in zwei Klassen zu denken, dass eine Meisterausbildung weniger wert ist als zum Beispiel eine Bachelor- oder eine Masterausbildung, war rückblickend betrachtet nicht richtig", so Reiche.

Söder fordert neues Leistungsprinzip

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder unterstützte die Analyse der Bundesministerin und forderte eine gesellschaftliche Rückbesinnung auf das Leistungsprinzip. "Wer arbeitet, muss mehr haben, als der nicht arbeitet", postulierte Söder. Er kritisierte eine Mentalität, die suggeriere, dass Wohlstand ohne entsprechende Anstrengung zu halten sei. "Wir müssen nicht so schnell sein wie China, aber wir können nicht mehr so lahm bleiben, wie Deutschland ist", warnte der CSU-Chef.

Söder sprach sich deutlich für Technologieoffenheit aus, insbesondere beim Verbrennungsmotor. Er warnte davor, funktionierende Technologien politisch ins Abseits zu stellen und damit Märkte kampflos an chinesische Wettbewerber abzutreten. "Wenn uns das nicht gelingt, werden wir am Ende nur andere einladen, unsere Märkte zu übernehmen", so Söder.

Auch bei der Genehmigung von Infrastrukturprojekten forderte Söder ein Umdenken. Er kritisierte langwierige Verfahren, die oft durch unverhältnismäßige Artenschutzgutachten blockiert würden. "Es kann nicht sein, dass bei uns, wenn irgendwo nur der Verdacht besteht, dass zwei Mäuse sich liebhaben, dass deswegen schon Vegetationsgutachten über zwei, drei Jahre gemacht werden", so der Ministerpräsident. Er kündigte an, das Verbandsklagerecht für nicht örtlich betroffene Organisationen einschränken zu wollen, um Investitionen zu beschleunigen.

Peteranderl: Wohnungsbau als soziale Frage

Franz Xaver Peteranderl, Präsident der Handwerkskammer für München und Oberbayern, lenkte den Fokus auf die Bauwirtschaft. Er mahnte bessere steuerliche Abschreibungsmöglichkeiten an, um den Wohnungsbau, insbesondere im Mietsegment, wiederzubeleben. "Wenn nicht genügend bezahlbarer Wohnungsbau existiert, dann werden die Mieten weiter steigen", analysierte Peteranderl und bezeichnete dies als eine drängende soziale Frage.

Er betonte zudem die Bedeutung der dualen Ausbildung für die Fachkräftesicherung. Es müsse wieder selbstverständlich werden, dass eine handwerkliche Ausbildung eine gleichwertige Alternative zum Studium darstelle. "Es ist keine Schande, wenn ich als Abiturient ins Handwerk gehe", so Peteranderl.

Die Botschaft aus München war klar: Das Handwerk steht bereit, die Ärmel hochzukrempeln. Doch damit aus dem "Stolz zu gestalten" auch echte Wertschöpfung wird, muss die Politik die Fesseln lösen, die den Mittelstand derzeit noch am Boden halten.