Nicht jeder unterschriebene Ausbildungsvertrag wird auch angetreten, nicht jede Lehre zu Ende geführt. Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg beschreibt in ihrer DHZ-Kolumne drei konkrete Stellschrauben, mit denen Handwerksbetriebe Abbrüche verhindern – und Nachwuchs langfristig halten.

Wenn über Fachkräftemangel gesprochen wird, hören wir oft zuerst Klagen: unbesetzte Stellen, fehlender Nachwuchs, Sorgen um die Zukunft. Doch wer die aktuellen Zahlen genauer betrachtet, erkennt: Das Handwerk bewegt sich, und wir haben es selbst in der Hand, wohin.
Laut dem Bundesinstitut für Berufsbildung (BIBB) wurden 2025 deutschlandweit rund 135.500 neue Ausbildungsverträge im Handwerk abgeschlossen – von insgesamt etwa 476.000 neuen Verträgen in allen dualen Berufen. Das zeigt: Betriebe investieren, und viele junge Menschen entscheiden sich bewusst für eine berufliche Zukunft im Handwerk.
Als Meisterin sehe ich darin ein klares Signal: Wir können gestalten, wenn wir den Nachwuchs ernst nehmen. Die entscheidende Frage ist jedoch, wie viele der neuen Verträge tatsächlich in gelebte Ausbildungswege münden werden. Erfahrungsgemäß treten nicht alle Auszubildenden ihren Platz an oder brechen vorzeitig ab. Die endgültigen Zahlen werden zeigen, wie verbindlich und überzeugend wir als Branche auftreten. Für mich ist das kein Anlass zum Abwarten, sondern zum Handeln.
Ich habe 3 Denkanstöße für Sie mitgebracht:
1. Den neuen Arbeitsmarkt als Chance verstehen
Ausbildung heute unterscheidet sich spürbar von der Art und Weise, wie wir sie noch vor zehn oder fünfzehn Jahren gestaltet haben. Wer beginnt, Ausbildung neu zu denken, und bereit ist, sich auf junge Menschen mit ihren Erwartungen und Sorgen einzulassen, wird Gesellinnen und Gesellen ausbilden, die das Handwerk als Verbindung aus Tradition und Zukunft verstehen. Offenheit für neue Wege ist dabei unumgänglich – auch wenn Bewährtes seinen Wert behält.

2. Stark ins erste Jahr starten
Eine strukturierte Einarbeitung, feste Ansprechpersonen und klare Erwartungen geben jungen Menschen Sicherheit. Diese Faktoren entscheiden oft darüber, ob Motivation wächst oder schwindet. Manchmal darf man auch ein Auge zudrücken. Wenn wir uns an unsere eigene Ausbildungszeit erinnern, bleiben oft besonders die Erlebnisse im Gedächtnis, die uns begeistert oder geärgert haben. Jeder Betrieb kann bewusst beeinflussen, wie seine Auszubildenden später auf ihre Lehrjahre zurückblicken.
3. Entwicklung sichtbar machen
Wer schon während der Ausbildung aufzeigt, welche Perspektiven es im Betrieb gibt, schafft Orientierung und bindet junge Menschen an den Beruf. Ein möglicher Weg ist die Zusammenarbeit mit Partnerbetrieben, um frisch ausgebildete Gesellinnen und Gesellen für einige Monate auszutauschen. Sie kehren mit neuem Blick, neuen Erfahrungen und gewachsener Sicherheit zurück. Falls jemand gar nicht zurückkehrt, ist das ein wichtiges Signal, die eigene Ausbildungsqualität und Arbeitgeberattraktivität zu hinterfragen.
Mein Fazit
Eine Ausbildung ist kein Selbstläufer, sondern eine gemeinsame Verantwortung. Am Ende entscheiden nicht die Zahlen über unsere Stärke, sondern wie entschlossen Sie heute darin investieren. Wer Nachwuchs konsequent begleitet, legt das Fundament für ein Handwerk, das auch morgen stark ist – und dafür tragen wir alle Verantwortung.
Die Kolumne "Aus dem Handwerk, für das Handwerk" von Steinmetzmeisterin Kathrin Post-Isenberg erscheint jeden Donnerstag exklusiv in der Deutschen Handwerks Zeitung (DHZ). Melden Sie sich für den kostenlosen DHZ-Newsletter an, um keine Ausgabe zu verpassen.