Weniger Abhängigkeit von Visa und Mastercard, geringere Gebühren, Bezahlen auch ohne Internet – oder doch nur eine teure Parallelstruktur? Ein Bundesbank-Vorstand und ein Commerzbank-Chefvolkswirt streiten über das neue Zahlungsmittel der EZB. Auch für Handwerksbetriebe hätte das Folgen.
Mit dem digitalen Euro soll es frühestens ab 2029 ein neues Zahlungsmittel geben. Die Europäische Zentralbank (EZB) plant, das Bargeld zu ergänzen und den Euroraum unabhängiger von internationalen Zahlungsanbietern zu machen. Das halten Finanzexperten davon:
Pro: Der digitale Euro macht Europa unabhängiger
Von Burkhard Balz, Vorstandsmitglied Deutsche Bundesbank
Seit rund einem Vierteljahrhundert zahlen wir mit der europäischen Gemeinschaftswährung, dem Euro. Noch immer sind Euro-Banknoten und -Münzen das einzige europäische Zahlungsmittel, mit dem wir überall im Euroraum bezahlen können. Bisher gibt es kein digitales Bezahlverfahren "made in Europe", mit dem in allen Euroländern in allen Situationen bezahlt werden kann. Das muss sich ändern.
Wir brauchen den digitalen Euro als Ergänzung zum Bargeld. Heute profitieren vor allem Anbieter aus dem Ausland von der fortschreitenden Digitalisierung im Zahlungsverkehr. Rund zwei Drittel der digitalen Zahlungen in Europa werden über außereuropäische Zahlungsanbieter wie Visa, Mastercard oder Paypal abgewickelt.
Nur wenige Euroländer haben eigene, nationale Zahlungslösungen. Diese eignen sich nicht für Zahlungen über Ländergrenzen hinweg. Mit der deutschen Girocard etwa können wir in Italien nur bezahlen, weil sie mit Mastercard kooperiert.
Für Unternehmen mit direktem Kundenkontakt, die auf Bezahllösungen angewiesen sind, wirkt sich die Dominanz weniger globaler Zahlungsdienstleister negativ aus. Sie zahlen hohe Gebühren. Die Abhängigkeit macht sie zudem anfälliger bei technischen Störungen.
Mit dem digitalen Euro wird es eine zentrale, von europäischen Institutionen betriebene und kostengünstige Zahlungsinfrastruktur geben. Das wird die deutsche und europäische Wirtschaft stärken. Die europäische Infrastruktur ermöglicht zudem einen sicheren Umgang mit unseren Daten.
Für das deutsche Handwerk bedeutet der digitale Euro geringere Zahlungskosten und schnellere Zahlungseingänge durch einfaches Inkasso vor Ort. Ist der Auftrag erledigt, geht das Geld vom Kunden ein. Perspektivisch sind auch "smarte" Zahlungen denkbar, etwa eine automatisch ausgelöste Abschlagszahlung nach Abnahme einer Handwerksleistung.
Mit dem digitalen Euro werden die Verbraucherinnen und Verbraucher sogar offline zahlen können. Damit wird unser Zahlungssystem resilienter, weil es eine Zeit lang ohne Internetverbindung auskommt. Als gesetzliches Zahlungsmittel benötigt der digitale Euro einen Rechtsrahmen, der derzeit auf europäischer Ebene verhandelt wird. Im Jahr 2029 könnten die Menschen im Euroraum erstmals mit dem digitalen Euro bezahlen. Es wird höchste Zeit, dass Europa in einem systemrelevanten Bereich wie dem Zahlungsverkehr unabhängiger wird.
Contra: Lösung auf der Suche nach einem Problem
Von Jörg Krämer, Chefvolkswirt Commerzbank AG
Auf den ersten Blick spricht vieles für den von der Europäischen Zentralbank (EZB) geplanten digitalen Euro. Der Euro ist schließlich das Symbol für den Einigungswillen der Europäer. Und digital will ohnehin jeder sein. Aber tatsächlich bietet der digitale Euro den Menschen kaum Vorteile.
Der US-Notenbanker Christopher Waller spricht treffend von einer "Lösung auf der Suche nach einem Problem". Der digitale Euro soll den Bürgern nach Plänen der EZB auf einem EZB-Konto zur Verfügung gestellt werden. Privatleute und Unternehmen sollen Guthaben nicht wie bisher nur bei Geschäftsbanken unterhalten dürfen, sondern auch bei der EZB. Aber bei Krisen bestände die Gefahr, dass die Bürger in kurzer Zeit riesige Beträge von ihren Bankkonten auf ihre absolut ausfallsicheren Konten bei der EZB überweisen. Das würde die Liquidität der Geschäftsbanken gefährden.
Um das zu vermeiden, will die EZB die Guthaben auf ihren Konten beschränken. Für Privatleute wird häufig eine Obergrenze von 3000 Euro je Kopf genannt. Aber dann könnten die Bürger nur einen kleinen Teil ihrer Guthaben völlig risikolos bei der EZB unterhalten. Hinzu kommt ein weiteres Problem: Damit ihre Guthaben bei der EZB die Obergrenze nicht überschreiten, müssen darüber hinausgehende Beträge auf die normalen Bankkonten der Bürger überwiesen werden.
Umgekehrt müssen die EZB-Konten zu Lasten der Bankkonten wieder aufgefüllt werden, wenn zu hohe Überweisungen von den EZB-Konten getätigt werden. Die Bürger hätten also zwei Konten zu unterhalten, die Komplexität stiege.
Schwer nachzuvollziehen ist auch das Argument der EZB, der digitale Euro sorge für einen besseren Schutz der Privatsphäre. Die Geschäftsbanken, die im Auftrag der EZB die bei ihr liegenden Konten verwalten, müssen bei Zahlungen von EZB-Konten die Namen der Überweisenden und der Zahlungsempfänger sowie die Zahlungsbeträge genauso kennen wie bereits heute bei normalen Überweisungen.
Bietet die EZB den digitalen Euro als Guthaben auf Mobiltelefonen an, ändert sich im Vergleich zu Bargeld ohnehin nichts. Überträgt jemand ein Guthaben per Bluetooth auf das Mobiltelefon eines anderen, liefe das ebenso an der Bank vorbei wie eine Bargeld-Transaktion zwischen zwei Menschen.
Alles in allem bietet der digitale Euro aus Sicht der Bürger keine entscheidenden Vorteile. Es besteht die Gefahr, dass die EZB eine teure Parallelstruktur aufbaut, die die Bürger kaum nutzen.


