Im Januar formuliert, im März vergessen: Jahresziele teilen oft das Schicksal privater Neujahrsvorsätze. Wie Betriebe ihre Ziele in machbare Schritte übersetzen.

Der Jahresbeginn ist bekanntlich die Zeit der guten Vorsätze. In Unternehmen heißen sie Jahresziele. Im Januar schreibt sie der Chef auf PowerPoint-Folien oder ein Whiteboard, hält vielleicht noch eine motivierende Ansprache dazu – und dann geht es ihnen meist, wie den guten Vorsätzen im Privaten: Sie geraten in Vergessenheit, weil der Alltag überhand gewinnt – und eingeschliffene Routinen nun mal eine starke Macht im Arbeitsalltag entfalten.
Das kann beim Chef und dem Team gleichermaßen für Frust sorgen – muss aber nicht sein, wenn Führungskräfte Jahresziele systematisch verfolgen, anstatt sie nur in einer Ansprache zu Jahresbeginn zu proklamieren. "Aus Vorgaben müssen machbare Schritte werden – im Tagesgeschäft, mit Unterbrechungen, Abhängigkeiten und begrenzter Zeit", bringt es Oliver Kutz vom Coaching-Anbieter Kompakttraining GmbH & Co. KG auf den Punkt. "Wer Jahresziele erreichen will, muss sie in konkrete Arbeitsschritte übertragen – und dabei eine realistische Prioritätenlogik festlegen." Zentral ist dabei die Frage: Was ist das Ergebnis, an dem man am Jahresende gemessen wird – und welche Hebel bewegen dieses Ergebnis wirklich? "Erst wenn diese Klarheit steht, lässt sich der Aufwand in Arbeitspakete, Termine und Verantwortlichkeiten übersetzen", so Kutz.
Von der Vision zur Kennzahl
Wichtig in dem Zusammenhang ist auch, seine Ziele greifbar zu formulieren. Das setzt wiederum voraus, dass man weiß, wo man startet und was die Ausgangssituation ist. Hierfür gilt es, sämtliche zur Verfügung stehenden Daten zu sammeln und zu erfassen. Messbare Werte des Unternehmens sind beispielsweise neben Umsatz und Gewinn auch das Marktvolumen, der Marktanteil, die Reichweite der Social-Media-Kanäle, die Kundenanzahl, Fehlerquoten, Stornoquoten oder Reklamationszahlen. Nach dieser Analyse sollte man zunächst die langfristigen Unternehmensziele formulieren, dann die mittel- und kurzfristigen. Anhand der mittel- und kurzfristigen Unternehmensziele wiederum lassen sich bestimmte Meilensteine festlegen.
Für diese kritische Analyse des eigenen Unternehmens – unter dem Vorzeichen der sich verändernden Marktbedingungen – braucht es die Möglichkeit, einen Blick in die Zukunft zu werfen. Fachleute sprechen davon, ein "Marktgespür" zu entwickeln. Hilfreich sind dafür insbesondere der Austausch mit Kunden und Kolleginnen und Kollegen, die Beobachtung von Wettbewerbern sowie das Netzwerken mit Gleichgesinnten, zum Beispiel auf Veranstaltungen der Handwerkskammer oder der Innung.
Weniger Chaos, mehr Klarheit
Typische Stolperstellen bei der Formulierung von Unternehmenszielen und ihrer Erreichung entstehen dabei weniger durch fehlende Kompetenz als durch fehlende Struktur. Dazu zählen etwa zu viele parallele Aufgaben, unklare Zuständigkeiten an Schnittstellen, ständige Kontextwechsel und ein Kalender, der strategische Arbeit nur "in Restzeit" zulässt. Ein pragmatischer Ansatz für Teams sollte daher in den ersten Wochen des Jahres auf drei Dinge setzen: Ziele in lieferfähige Zwischenergebnisse herunterzubrechen, einen stabilen Wochenrhythmus zu etablieren und Zuständigkeiten klar zu benennen, rät Kutz.
Anerkennung zeigt Wirkung
Christian Conrad, der als Trainer und Coach mittelständische Unternehmer bei der Personalführung unterstützt, rät zudem zu regelmäßigem Feedback gegenüber den einzelnen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern – und Wertschätzung für die Erreichung von Zwischenzielen. "Durch Wertschätzung entsteht eine höhere Verbundenheit der Mitarbeitenden – und das bedeutet höhere Produktivität", so der Experte. Gute Arbeit sei keine Selbstverständlichkeit, sondern verdiene Anerkennung.
Außerdem sei es wichtig, Sinn und Wirksamkeit erfahrbar zu machen, erläutert Conrad. Denn Menschen seien dann besonders motiviert, "wenn sie spüren, dass ihre Arbeit Bedeutung hat – für Kunden, für Kollegen und für etwas Größeres als die eigene Stellenbeschreibung". Das beinhaltet auch, Mitarbeiter ernsthaft zu beteiligen. "Wenn Mitarbeitende erleben, dass ihre Meinung zählt und sie an Entscheidungen beteiligt werden, entsteht Ownership statt Dienst nach Vorschrift", so der Experte. Hinzu kommt die persönliche und fachliche Entwicklung des Teams: "Unternehmenskultur zeigt sich darin, ob Entwicklung als Kostenfaktor oder als Investition gesehen wird", so Conrad. "Wer spürt, dass ein Unternehmen an ihn glaubt, arbeitet motivierter und erreicht seine Ziele."
Wer Leistung will, muss Pausen zulassen
In dem Zusammenhang ist es auch wichtig, nicht nur betriebswirtschaftliche Ziele zu verfolgen – sondern auch das körperliche und psychische Wohl der Mitarbeiter im Blick zu behalten. "Unternehmen brauchen heute eine Kultur, in der Selbstfürsorge kein Egoismus, sondern Führungsqualität ist", sagt Burkhard Hanke, Theologe und international erfahrener HR-Manager, der heute Führungskräfte als Coach begleitet. "Dazu gehört, dass echte Pausen erlaubt sind und gesunde Ernährung nicht zwischen Tür und Angel passiert, sondern Teil des Arbeitstags ist." Führungskräfte sollten darauf achten, dass ein Arbeitstag für sie selbst und ihr Team psychisch und physisch gut zu bewältigen ist. "Unternehmer und Führungskräfte, die das verstehen, werden mit ihren Teams erfolgreicher", so Hanke. Denn gesunde Menschen würden klarer denken – und engagierter arbeiten.
"Motivation braucht Energie. Und Energie braucht Erholung", sagt er. "Wer Leistung will, muss Räume für Regeneration schaffen. Alles andere ist Raubbau an den Menschen und an der Zukunft des Unternehmens." Dies sei für das gesamte Unternehmen wichtig, erklärt Hanke. Ein stabiles Wertegerüst könne hierbei wie ein innerer Kompass wirken: Überstunden, Dauerstress und Krankarbeiten seien für die Mitarbeiter – genauso wie für den Chef – schädlich. "Wer Werte wie Verantwortung, Achtsamkeit und Respekt ernst nimmt, gestaltet die Arbeit so, dass sie langfristig körperlich und psychisch tragfähig bleibt", so Hanke. Und dann ergeht es auch den betriebswirtschaftlichen Jahreszielen nicht so, wie den guten Vorsätzen zu Silvester: Statt schnell in Vergessenheit zu geraten, haben sie dann reelle Chancen, tatsächlich umgesetzt zu werden.