Jörg Dittrich Er ist Deutschlands oberster Handwerker – und will weitermachen

Jörg Dittrich bekam in Brüssel tosenden Applaus von Unternehmern, spaßte in Dresden mit Hollywood-Star Ralf Moeller und sprach in Berlin vor dem Bundespräsidenten. Nach drei Jahren an der Spitze des Handwerks ist sein diplomatischer Ton kämpferischer Entschlossenheit gewichen. Was ist passiert?

Jörg Dittrich aus Dresden ist Dachdeckermeister und seit drei Jahren ZDH-Präsident. - © ZDH/Henning Schacht

Brüssel, Anfang November 2025. Im Plenarsaal des Europäischen Parlaments donnert Applaus durch die Reihen. 700 Unternehmer aus ganz Europa haben beim "Parlament der Unternehmer" ihre Anliegen vorgetragen, doch die einminütige Rede des Dresdner Dachdeckermeisters Jörg Dittrich erntet den lautesten Beifall des Tages. Seine Botschaft ist klar formuliert und trifft einen Nerv: "Menschen, die studieren wollen, und Menschen, die einen Berufsabschluss im Handwerk anstreben, müssen gleich finanziell gefördert werden. Und Ausbildungsbetriebe brauchen Entlastung von der ständig wachsenden Bürokratie, damit sie sich ihren Auszubildenden widmen können." Der 56-Jährige hat die Gabe, komplizierte Sachverhalte auf den Punkt zu bringen. Er kann Menschen erreichen – ob in Brüssel, Berlin oder Bad Kreuznach.

Seit Januar 2023 führt Dittrich als erster Ostdeutscher den Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH). Mit mehr als 96 Prozent der Stimmen gewählt, hat er eine Amtszeit erlebt, die von politischen Turbulenzen geprägt war: Das Ende der Ampel-Koalition, ein vorgezogener Bundestagswahlkampf, eine neue Regierung aus Union und SPD. Im Lauf der Zeit hat sich sein Ton verschärft. Was als sanfte diplomatische Kritik begann, ist kämpferischer Enttäuschung gewichen.

Festrede vor dem Bundespräsidenten

Berlin, Juni 2025. Rund 400 Gäste feiern im Tipi am Kanzleramt das Doppeljubiläum: 125 Jahre Handwerkskammern, 75 Jahre Zentralverband des Deutschen Handwerks. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hält die Festrede. In seiner Ansprache würdigt Dittrich die Bedeutung des Handwerks in der Geschichte Deutschlands. Er beginnt mit einer persönlichen Erzählung. Vor ein paar Tagen saß sein elfjähriger Sohn Oskar mit ihm am Küchentisch. Im Radio liefen die Nachrichten. Plötzlich fragte Oskar: "Papa, wie sieht eigentlich Deutschland aus, wenn ich alt bin?" Dittrich sagt: "Das ist keine beliebige Frage. Oskar hat gefragt, wie jemand, der begriffen hat, dass er selbst in dieser Zukunft leben wird. Das ist eine Frage nach Sinn. Nach Richtung. Nach Vertrauen und nach Zutrauen."

Dittrich blickt zurück auf 125 Jahre Kammerwesen – vom Kaiserreich über die Trümmerlandschaft nach dem Zweiten Weltkrieg bis zur Wiedervereinigung. "Die Epochen kamen und gingen, aber die Selbstverwaltung des Handwerks ist der stabile Anker geblieben, der er seit jeher war", sagt er. Dann wird Dittrich politisch. "Wir leben in einer Zeit, in der das Vertrauen in Institutionen schwindet, in der die politischen Ränder und die Angst lauter werden", sagt er. Ein Viertel der Bevölkerung könne sich laut Umfragen eine autoritäre Staatsform vorstellen. "Das Handwerk ist keine Partei, unsere Organisationen politisch neutral. Aber mit dem Blick in die Geschichte ist unser Handeln als große Gesellschaftsgruppe hochpolitisch." Es ist ein gravitätischer Moment vor großem Publikum.

Über sich selbst lachen

Wer Jörg Dittrich verstehen will, sollte ihn indes nicht nur in Berlin oder Brüssel erleben. Man muss ihn in Bad Kreuznach gesehen haben, beim Neujahrsempfang der Kreishandwerkerschaft Rhein-Nahe-Hunsrück im Februar 2025. Rund 200 Gäste, kein Staatsakt, keine große Bühne. Dittrich spricht über das Schornsteinfegergesetz, das trotz zerbrochener Ampel noch durchgebracht wurde. Er lobt das Ehrenamt, kritisiert die Bürokratie. Nach dem offiziellen Teil bleibt er, führt persönliche Gespräche. Als Wegzehrung erhält er eine Nahe-Brezel und eine "Beziehungskiste". Dittrich lacht und bedankt sich herzlich. In Coesfeld sagt er bei einem Besuch der Handwerks-Bildungsstätte: "Anstatt im steifen Anzug würde ich jetzt hier auch lieber in Arbeitskleidung erscheinen." Dittrich ist ein zugänglicher Präsident, der über sich selbst lachen kann.

Hollywood trifft Handwerk

Dresden, Mai 2024. Im Bildungszentrum "njumii" empfängt er den Schauspieler und Bodybuilder Ralf Moeller, bekannt aus "Gladiator" und als Mr. Universe 1986. Moeller ist für seinen Podcast "Motivation Handwerk verstehen" angereist. Die beiden tauschen launige Geschichten aus Handwerk und Hollywood aus. Moellers Vater war gelernter Schlosser und schweißte seinem Sohn die ersten Hanteln. Es ist eine dieser Szenen, die Dittrichs Fähigkeit zeigt, mit Charme und Humor übers Handwerk hinaus Kontakte zu knüpfen.

Umstrittener Appell für Sozialreformen

Doch einmal wird es in seiner Amtszeit auch kräftig knirschen. Im Frühjahr 2025 sorgt ein gemeinsamer Appell der Arbeitgeberverbände für Aufsehen. Der ZDH spricht sich zusammen mit anderen Wirtschaftsverbänden für umfassende Sozialreformen aus, um die Wettbewerbsfähigkeit trotz steigender Beitragssätze zu sichern. Dittrich unterstützt diesen Bericht.

Die Reaktion der Arbeitnehmervertreter im Handwerk fällt frostig aus. Sie nehmen die Forderungen des ZDH "mit Verwunderung" auf und kritisieren die vorgeschlagenen Reformen als kontraproduktiv. Die Vizepräsidenten der 53 Handwerkskammern, die die Interessen von Arbeitnehmern und Auszubildenden vertreten, stehen im Kontrast zu den Kammerpräsidenten, die die Unternehmensperspektive einnehmen. Der Konflikt hallt nach. Dittrich verteidigt seine Position: "Immer wenn ich das anspreche, kommt der Vorwurf, ich wolle Sozialleistungen abbauen. Aber ohne Eingriffe in die Finanzierung, ohne Leistung und Eigenverantwortung bekommen wir nicht genug Wachstum. Dann geraten unsere Sozialsysteme in Gefahr. Ich möchte sie bewahren. Deswegen muss es Reformen geben."

Grünes Wirtschaftswunder

München, März 2024. Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) steht auf dem Podium der Handwerksmesse und beschwört unverdrossen sein "grünes Wirtschaftswunder". Tapfer hören die Präsidenten der einflussreichsten Wirtschaftsverbände zu. Der Kanzler warnt davor, dass "ganz viele Lobbyisten und Politik-Unternehmer die Stimmung im Land verschlechtern". Man brauche sich die Lage nicht schönreden, aber ein bisschen mehr Zuversicht dürfe es schon sein, findet Scholz. Dittrich ist dabei. Später sagt er in Interviews: "Das Versprechen war fatal. Die Betriebe brauchen keine Wunder, sondern verlässliche Rahmenbedingungen."

Auf Scholz‘ Beschwörung folgt jedoch keine Wende zum Besseren. Die Bundesregierung kappt kurze Zeit später die Wachstumsprognose drastisch. Statt 1,3 Prozent werden nur noch 0,2 Prozent Wachstum erwartet. Das versprochene Wirtschaftswunder bleibt aus. Das Fingerhakeln mit der Regierung um kleinste Verbesserungen geht weiter. Hier mal ein Förderprogramm, dort eine Steuererleichterung. Dittrich bewegt sich in einer politischen Welt, in der es schon als Erfolg gelten muss, Schlimmeres verhindert zu haben.

In dieser Zeit wird er zum scharfen Kritiker der Regierung in Berlin, und daran ändert auch Scholz‘ Nachfolger Friedrich Merz (CDU) nichts. "Es gibt Wut bei vielen Leuten. Ich bekomme viele Anrufe dazu", sagt Dittrich im Sommer 2025 über die Stimmung in der Branche. Der angekündigte "Stimmungsumschwung" durch Kanzler Merz sei "nicht zu spüren". Das gebrochene Versprechen bei der zugesagten Stromsteuersenkung für alle bezeichnet er als "Desaster". Dahinter stehe die Frage, was Zusagen noch wert seien.

Auf der Seite unternehmerischer Freiheit

Fast drei Jahre steht Dittrich nun an der Spitze des ZDH. "Als ich vor drei Jahren dieses Amt angetreten habe, waren mir drei Dinge besonders wichtig: Ich wollte als Präsident das Handwerk zusammenhalten, die Imagekampagne des Handwerks vorantreiben und dafür sorgen, dass die handwerklichen Interessen stärker in der Öffentlichkeit wahrgenommen werden", bilanziert er im Herbst 2025. Seine Kandidatur für eine zweite Amtszeit hat er angekündigt. Die Herausforderungen bleiben bestehen: Fachkräftemangel, Bürokratie, Energiekosten und die Reform der Sozialsysteme.

"Schlafmangel gehört zum Job", sagt er über die Mühen des Amtes. Der einzige Punkt, den er unterschätzt habe, sei die Belastung für die eigene Familie. Kleinen Kindern könne man nicht sagen, "Hab Deine Aufführung bitte nächste Woche" oder "Ich bin gerade beim Bundeskanzler". Das sei die größte Zerreißprobe, weil er nicht möchte, dass die Kinder irgendwann sagen, Dir war das Ehrenamt wichtiger als unsere Kindheit.

Dittrich ist Familienvater und hat sechs Kinder, vier davon im jüngeren Alter. Er führt einen Dachdeckerbetrieb in vierter Generation. Diese Verankerung als erfolgreicher Unternehmer im Handwerk schimmert in seinen Reden und Auftritten stets durch. Die Jahre als ZDH-Präsident haben ihn geprägt: Dittrich ist nahbar geblieben, seine Worte sind schärfer geworden. Doch seine positive Grundhaltung hat er sich bewahrt. In Dresden, bei der legendären Meisterfeier, sagt der Handwerkspräsident im November 2025 einen Satz, der als Leitmotiv einer zweiten Amtszeit verstanden werden könnte – zumindest, wenn die Politik mitzieht: "Ich wünsche mir eine Zukunft, getragen von Fantasie, Zuversicht und Kreativität.
Angst, Hass und Abgrenzung sind keine Konzepte."