Meisterpflicht gegen Vorurteile "Kosmetikerinnen sind keine pinselschwingenden Tussis"

Anja Taute ist Kosmetikerin aus Leidenschaft und hoch qualifiziert. Sie setzt sich dafür ein, dass ihr Berufsstand ernst genommen und eine Meisterpflicht eingeführt wird, denn für sie schaffen Kosmetikerinnen nicht nur Schönheit, sondern sorgen für Wohlbefinden und kümmern sich um das größte Organ des Menschen – die Haut.

Kosmetikermeisterin Anja Taute zeigt ihren Meisterbrief.
Kosmetikermeisterin Anja Taute hat sich in ihrem Kosmetikinstitut in Bernburg auf Hautbehandlungen spezialisiert. Von der computergestützten Hautanalyse über Microdermabrasion, Microneedling bis hin zu Anti-Aging- und Fruchtsäurebehandlungen ist bei ihr alles möglich. - © HWK Halle/Yvonne Bachmann

Wo fängt man an, wenn man Anja Tautes Geschichte erzählen will? Vielleicht ganz am Ende? In der Auguststraße 2 in Bernburg betreibt Anja Taute ihr Kosmetikinstitut für Gesichtsbehandlungen. Sie ist Kosmetikermeisterin – eine seltene Qualifikation, denn in ihrem Gewerk gibt es keine Meisterpflicht und sie hätte den Meister nicht gebraucht. Doch für die 44-Jährige war es wichtig, sich der Herausforderung zu stellen. Mit ihrem Meisterbrief an der Wand, ihrem eigenen Salon und ihren zufriedenen Kunden fühlt sich Anja Taute heute angekommen. Doch der Weg bis an diesen Punkt war oft steinig. Und wenn Anja Taute davon berichtet, dann wird sie teilweise sehr emotional.

Start als Krankenschwester

Es sind die 90er-Jahre, als Anja Taute in Bernburg die Schule beendet. Sie träumt von einer medizinischen Laufbahn und einem Beruf mit viel Menschenkontakt. So beginnt sie eine Ausbildung als Krankenschwester. "Ich bin sehr sozial und helfe gern. Ich habe aber schnell gemerkt, dass dieser Beruf vielleicht gerade deshalb emotional zu belastend für mich ist", berichtet sie heute. In den folgenden Jahren absolviert sie eine Lehre als Köchin und probiert sich in verschiedenen Jobs aus. Ein paar Jahre lang lebt sie mit ihrem Mann im Schwarzwald.

Als sie schwanger wird, zieht es das Ehepaar wieder in die Heimat, wo Tochter Annalena im Jahr 2004 geboren wird. Doch während ihr Mann als LKW-Fahrer eine gute Anstellung bei einer Supermarktkette findet, die er bis heute hat, bieten sich für Anja Taute damals keine Jobperspektiven. "Ich habe dann widerwillig in einem Callcenter gearbeitet und kurze Zeit in einem Büro", erinnert sie sich.

Umweg Nagelstudio

Eine verrückte Idee soll das Leben von Anja Taute im Jahr 2008 jedoch verändern. "Meine Freundin sagte: Komm, wir machen ein Nagelstudio auf", erzählt sie. Aus dem Spaß wird für Anja Taute ein konkreter Plan: "Die Idee gefiel mir. Handwerk hat mich generell interessiert, kreativ bin ich auch, und der Umgang mit Menschen war schon immer mein Faible. " Die Bernburgerin erinnert sich an ein Gespräch, das sie damals mit einem Gründungsberater führt: "Er war nicht begeistert und meinte ironisch, wir hätten ja noch keine Nagelstudios. Ich entgegnete ihm: Ich habe noch keins." Ihre Schlagfertigkeit zahlt sich aus, der Gründungsberater nimmt sie in sein Programm auf und so eröffnet Anja Taute ein kleines Nagelstudio. "Und das lief!", berichtet sie.

Drei Läden und zehn Angestellte

Sie habe immer neue Trends angeboten, wie etwa Airbrush. Gleichzeitig sei in ihr immer mehr der Wunsch gewachsen, auch Kosmetikleistungen anzubieten. "Ich habe dann eine Kosmetikerin angestellt und mich auch selbst weitergebildet. So konnte ich Wimpernverlängerungen anbieten und hatte da das Monopol in Bernburg", so Anja Taute. Ihr Unternehmen wächst, am Ende hat sie drei Läden und zehn Angestellte.

Trauma Corona

Doch Anja Taute fühlt sich nicht wohl. "Chef sein war nicht meins", sagt sie. Sie trennt sich nach und nach von den Läden und Mitarbeiterinnen – gerade noch rechtzeitig, wie sie sagt. Denn dann kommt die Coronapandemie. Und die hätte sie so nicht überstanden, berichtet die Unternehmerin. Als Anja Taute von der Coronazeit erzählt, kommen ihr die Tränen. Obwohl sie sich auch durch diese Phase gekämpft hat, sogar ein eigenes Testzentrum eröffnete, um keine Kunden zu verlieren, hat sie die Zeit der Existenzangst schwer traumatisiert. "Wir waren 23 Wochen lang geschlossen", berichtet sie. Und auch danach sei es schwer gewesen. Köperkontakt war nicht erlaubt und es habe viele Auflagen gegeben.

Anja Taute übersteht diese schwierige Zeit und stürzt sich wieder in die Arbeit. In unzähligen Schulungen eignet sie sich neues Wissen rund um das Thema Kosmetik an. Allein mit der Thematik Hautanalyse beschäftigt sie sich drei Jahre lang. Sie entscheidet sich dafür, die Firma zu wechseln, deren Geräte und Produkte sie nutzt. Abermals bedeutet das: Schulungen, Schulungen, Schulungen. "Der Wechsel zu einem neuen Partner brachte noch einmal ein Jahr Lernen mit sich, aber jetzt habe ich die neuste Technologie und es gibt nichts, das ich nicht machen kann", sagt sie.

Ziel: Staatliche Anerkennung

Doch eine Herausforderung kostet sie fast mehr Kraft, als sie hat: "Ich wollte mehr erreichen. Ich hatte so viel Wissen, aber keine staatliche Anerkennung", schaut die Kosmetikerin zurück. Sie entscheidet sich dafür, ihren Handwerksmeister zu absolvieren – drei Jahre in Teilzeit. Ihr Bernburger Kosmetikinstitut als Soloselbstständige am Laufen zu ­halten und nebenbei die Meisterschule zu besuchen und dafür zu lernen, wird ein Spagat. Teil 3 der Meisterausbildung (Betriebswirtschaft, kaufmännische und rechtliche Kenntnisse) verlangt ihr alles ab, vor allem, weil sie unter Prüfungsangst leidet. Aber am Ende wird alles gut. Im August 2025 hält sie den Meisterbrief der Handwerkskammer zu Leipzig in den Händen.

Genormte Ausbildung und Meisterpflicht

Doch auch wenn Anja Taute jetzt mit ihrem Unternehmen und ihrer Qualifikation glücklich ist, mit ihren Vorhaben ist sie noch lange nicht fertig. Die Kosmetikmeisterin ist unzufrieden mit der Politik. Wie viele Soloselbstständige leidet sie unter der Bürokratie, unter hohen Preisen und Abgaben. Sie würde gern etwas verändern. Auch die Themen Altersvorsorge und Erziehungsurlaub für Selbstständige treiben sie um. Man fühle sich, als würde man täglich gegen Windmühlen kämpfen, sagt sie. Dazu fühlt sie sich in ihrem Beruf oft nicht gesehen und mit Vorurteilen belastet. "Wir Kosmetikerinnen sind keine pinselschwingenden Tussis. Wir arbeiten am größten Organ des Menschen – der Haut. Wir schaffen Wohlbefinden und Linderung." Um etwas zu bewegen, möchte sie sich in den Vorstand des Bundesverbands der Kosmetiker wählen lassen und überlegt zudem, eine eigene regionale Innung zu gründen. Ihr Wunsch: die Wiedereinführung der Meisterpflicht vorantreiben. Damit einhergehend erhoffe sie sich eine genormte Ausbildung, neue Lehrpläne und mehr Wertschätzung für Kosmetiker, erklärt sie.

Neue Herausforderung

In ihrem Laden in Bernburg ist Anja Tautes Welt für sie in Ordnung. Ihrem Konzept, immer das zu machen, was andere nicht machen, bleibt sie weiterhin treu. So können Kunden ab Mitte November eine dauerhafte Laser-Haarentfernung erhalten. Diese Leistung biete sie in Bernburg und Umgebung als Einzige an, so Anja Taute. Und auch wenn der Weg der vergangenen Jahrzehnte holprig war und die Selbstständigkeit immer eine Herausforderung bleiben wird, hat Anja Taute ihren Traum­beruf gefunden und sagt: "Ich liebe, was ich tue. Und ich kann mir keinen schöneren Job vorstellen."