Streit im Betrieb lässt sich nicht vermeiden – entscheidend ist, wie man damit umgeht. Warum frühes Eingreifen hilft, Konflikte zu entschärfen, und welche Strategien Führungskräfte kennen sollten.

Bei einem Heizungsbaubetrieb im Norden Bayerns war die Stimmung im Keller: Die Kollegen sprachen zwar miteinander – aber vor allem über diejenigen, die gerade nicht im Raum waren. Dieses Verhalten hatte sich über die Jahre eingeschlichen, bis es schließlich zum offenen Streit kam. Ein Mitarbeiter wollte die ständigen Lästereien nicht länger ertragen und stellte zwei Kollegen zur Rede. Zwei weitere mussten eingreifen, um eine handgreifliche Auseinandersetzung zu verhindern.
Mit Kolleginnen und Kollegen verbringt man oft mehr Zeit als mit der eigenen Familie. Die Belegschaft kennt man meist besser als die Nachbarn. Nichts kann die Freude an der Arbeit mehr trüben als Menschen, mit denen man nicht gut auskommt. Miesmacher, notorische Nörgler oder lähmende Bedenkenträger wirken sich nicht nur auf die Stimmung, sondern auch auf die Produktivität aus.
Früh eingreifen statt abwarten
"Wir erleben, dass Betriebe bei internen Konflikten oft zögerlich reagieren", sagt Iris Dohmen, Fachgebietsleiterin für Arbeits-, Betriebs- und Organisationspsychologie bei TÜV Rheinland. "Ein Grund dafür ist die Unsicherheit, wie Unstimmigkeiten beigelegt werden können. Doch frühes Eingreifen ist wichtig, um Missverständnisse zu beseitigen, bevor sie eskalieren und zu einem schwer lösbaren Problem werden."
Konflikte gehören zum Berufsalltag, Konkurrenz und Reibungsverluste sind unvermeidlich. Doch manchmal zehren sie an den Nerven. Schließlich kann man sich die Kollegen selten aussuchen. "Differenzen und Meinungsverschiedenheiten gehören zum Arbeitsalltag – entscheidend ist der Umgang damit", sagt Patrick Großheim vom RKW Kompetenzzentrum. "Teams scheitern selten an fehlendem Know-how, sondern an unterschätzten Spannungen", warnt er.
Gespräche führen, bevor Fronten entstehen
Kommt es zum Streit, steht man vor der Herausforderung, wieder miteinander auszukommen. Denn in der Werkstatt oder auf der Baustelle können sich Beschäftigte kaum aus dem Weg gehen – irgendwann muss man wieder zusammenarbeiten. Da hilft nur ein klärendes Gespräch.
Konflikte unterscheiden sich nicht nur nach Art und Ursache, sondern auch danach, wie weit sie eskaliert sind. "Eine Lösungsstrategie muss dies berücksichtigen, um erfolgreich zu sein", erklärt TÜV-Expertin Dohmen. Orientierung bietet die Einschätzung der Eskalationsstufe. "In der Praxis sehen wir häufig, dass Konflikt und Mobbing verwechselt werden", so Dohmen. Anfangs ähnele Mobbing einem ungelösten Konflikt, doch im Unterschied dazu gehe es dabei nicht mehr um eine Lösung, sondern um gezielte Ausgrenzung einer Person. Die Folgen für Betroffene und Unternehmen können gravierend sein.
Führung braucht Konfliktkompetenz
Ein klärendes Gespräch zu moderieren, ist Aufgabe der Führungskraft. Arbeitgeber sind im Rahmen ihrer Fürsorgepflicht verpflichtet, für eine gesunde Arbeitsumgebung zu sorgen – dazu gehört auch, unnötigen Stress durch Streit zu vermeiden. "Führungskräfte benötigen die Kompetenz, Konflikte frühzeitig zu erkennen, einzuordnen und beispielsweise durch Moderation zu lösen", betont Psychologin Dohmen. "Das verhindert zeit- und kostenintensive Eskalationen."
Unterstützung bietet etwa das RKW Kompetenzzentrum mit seinem "Survival Guide" – einer kompakten Handlungshilfe, die Teams Schritt für Schritt durch Analyse, Reflexion und Umsetzung führt. "Der Guide liefert konkrete Übungen und klare Leitfragen, mit denen Führungskräfte, Personalverantwortliche und Betriebsräte Konflikte in Leistungsfähigkeit übersetzen können", erklärt Großheim.
Zuhören – und verstehen wollen
Zentrales Element erfolgreicher Konfliktlösung ist die konstruktive Gesprächsführung. Konflikte beruhen meist auf unterschiedlichen Interessen, Vorstellungen oder Meinungen, die sich – scheinbar oder tatsächlich – nicht vereinbaren lassen. Ein objektives Richtig oder Falsch gibt es selten. "Im Gespräch geht es nicht ums Rechthaben, sondern ums gemeinsame Weiterkommen", sagt Großheim. Das Bewusstsein dafür ist der erste Schritt zur Lösung.
Wichtig dabei: Die Position des Gegenübers ruhig anhören – und versuchen, sie zu verstehen. Das schafft Vertrauen und erleichtert den gemeinsamen Lösungsweg. Blickkontakt signalisiert Aufmerksamkeit. Manchmal lassen sich Konflikte jedoch nicht im Gespräch lösen; dann hilft nur Distanz. Wenn die Tätigkeit es erlaubt, kann der Arbeitgeber versuchen, die direkte Zusammenarbeit vorübergehend zu reduzieren. Doch das sollte der letzte Ausweg bleiben – denn das Miteinander ist schließlich das, was ein gutes Unternehmen ausmacht.