Nachhaltigkeit im Handwerksalltag Kreislaufwirtschaft: Diese 3 Betriebe zeigen, wie das geht

Ressourcen sparen, mehrmals verwenden und möglichst lange im Kreislauf halten – diese Ziele in den Arbeitsalltag zu integrieren, bedarf ein Umdenken. Was als Kreislaufwirtschaft in politischen Programmen steht, in Zielvereinbarungen und Aktionsplänen, wird in diesen Handwerksbetrieben gelebt. So kann Nachhaltigkeit aussehen.

Shoedoc.de
Die Plattform shoedoc.de bietet professionelle Schuhreparaturen an und möchte damit ermöglichen, dass Schuhe länger getragen werden können. Oftmals sind sie ja nicht im gesamten kaputt, sondern eine Naht geht auf oder eine Sohle muss erneuert werden. - © shoedoc.de

Nachhaltige Konsum- und Produktionsweisen schonen Ressourcen, Umwelt und Klima. Zentral dabei ist, den Primärrohstoffverbrauch zu reduzieren, Abfall zu vermeiden, Ressourcen effizienter zu nutzen und somit Umweltbelastungen insgesamt zu senken. Mit diesen Zielen und Schlagworten kommt man schnell zum Begriff der Kreislaufwirtschaft – zu Reparatur, Wiederverwendung und Recycling, die unumgänglich sind, um tatsächlich im Kreislauf zu wirtschaften.

Die Schlagworte der Kreislaufwirtschaft, der Nachhaltigkeit und der Ressourcenschonung sind mittlerweile auf der politischen Agenda angekommen – bei den Vereinten Nationen sind sie in den 17 Sustainable Development Goals (SDGs) ausformuliert, die EU hat sie in ihrem Circular Economy Action Plan verankert und die Bundesregierung hat sie in der Deutschen Nachhaltigkeitsstrategie festgehalten. Dennoch ist das für viele Menschen noch nicht alltagsnah greifbar. Gerade der Fokus auf Reparatur und eine nachhaltigen Wieder- und Weiterverwendung von Materialien und Konsumgütern bringt das Handwerk mit ins Spiel. Hier wird Nachhaltigkeit oftmals aktiv gelebt.

Shoedoc.de – Kreislaufwirtschaf durch Schuhreparaturen

Betriebe unterschiedlicher Gewerke setzen genau an diesen Stellschrauben an – und sie bauen ihre Kernkompetenzen immer weiter aus. So etwa die Gründer der Plattform shoedoc.de. Gestartet sind sie als Maßschuhmacher Vickermann & Stoya im Jahr 2005 in Baden-Baden und mittlerweile ist Matthias Vickermann mit seinem zweiten Standbein deutschlandweit aktiv. Aber nicht nur das: Die Reparatur von individuell angefertigten Maßschuhen mag noch Standard sein. Und so gehörte es bei Vickermann & Stoya seit Beginn an dazu. Dieses Prinzip auch auf Sportschuhe, Pumps oder Sandalen zu übertragen und vielen Menschen auf einfache Weise zugänglich zu machen, stellt eher einen neuen Ansatz dar. Schuhe gelten vielfach als Wegwerfprodukt – auch, weil es kaum mehr Reparaturmöglichkeiten gibt.

Über die Plattform shoedoc.de kann man sie seit dem Jahr 2019 von gelernten Schuhmachern reparieren lassen. Das Startup setzt dabei ganz gezielt darauf, das Leben der Schuhe zu verlängern. Denn meistens ist ja nur eine Naht aufgegangen, die Sohle hält nicht mehr oder ist abgelaufen. Da die Plattform die Preise für die Arbeitsschritte auflistet, kann jeder schon vor dem Versand nach Baden-Baden wissen, wie teuer die Reparatur ist.

Lea Kolbus shoedoc.de
Lea Kolbus von shoedoc.de bekommt mit den kaputten Schuhen oftmals gleich auch eine Geschichte erzählt, die der Kunde mit den Schuhen erlebt hat. - © Martin Smolka/Tommi Aittala

shoedoc.de erhält Jahr für Jahr mehr Aufträge. Das zeigt, dass die Diskussion um eine neue Reparaturkultur an Fahrt aufnimmt. Léa Kolbus, die das Marketing der Firma betreut, erlebt oftmals, dass Kunden Schuhe auch deshalb erhalten wollen, weil sie mit ihnen Emotionen, Erlebnisse und Erinnerungen verbinden. So bekommt sie mit den zu reparierenden Schuhen auch Geschichten geliefert – wie die der Wanderschuhe, die schon zum vierten Mal zu ihr geschickt wurden. "Der Kunde war damit auf Weltreise und hängt sehr an den Schuhen", sagt sie lachend und fügt hinzu, dass sie jetzt weitergetragen werden können.

Reparaturgeschäft online einer breiteren Zielgruppe anbieten

Zwar klappt eine mehrmalige Reparatur nicht bei allen Schuhen, aber die meisten bekommen bei shoedoc.de eine Lebensverlängerung. Per Paket kommen dort sowohl Damenpumps an, die einen neuen Absatz brauchen, Sneaker, bei denen die Nähte aufgehen und oftmals auch solche, die einfach eine professionelle Reinigung benötigen, um dann wieder wie neu zu glänzen. Tendenziell seien es hochwertige Schuhe – aber letztlich entscheidet der persönliche Wert, ob etwas repariert wird. Denn ein guter Tragekomfort ist ebenfalls eine Form von Hochwertigkeit – und am Ende genau das, was einen guten Schuh ausmacht, erklärt Kolbus.

Die Idee für die Plattform hatten die Schuhmacher, als sie immer mehr Anfragen von Kunden bekamen, die mit den von Vickermann & Stoya gefertigten Maßschuhen auch noch andere reparieren lassen wollten. Organisiert hat der Betrieb das lange Zeit über ein Online-Formular. Doch als die Anfragen hier überhandnahmen, haben sie entschieden, das Reparaturgeschäft gezielt einer breiteren Zielgruppe online anzubieten und von der Maßschusterei abzukoppeln. "Anfangs kamen über die Online-Plattform so drei bis vier Reparaturen am Tag bei uns an, aber das hat sich schnell und bis heute stark gesteigert", sagt Léa Kolbus.

Erst vor kurzem haben die Unternehmer aus Baden-Baden ihr Portfolio außerdem um pursenurse.de erweitert – eine Plattform für Taschenreparaturen. Auch hier zeigte die Nachfrage, dass ein Interesse der Menschen da ist und damit auch der Wille, Waren länger zu nutzen – entgegen der Wegwerfmentalität. Bei Taschen sind Reparaturen allerdings für die Schuster etwas schwieriger – bzw. vor allem dann gut möglich, wenn es sich um Ledertaschen oder andere Kleinlederwaren handelt, sagt Léa Kolbus ganz ehrlich.

Gemeinwohlökonomie im Dachdeckerhandwerk

Dass die Arbeit an Zielen der Nachhaltigkeit und der Kreislaufwirtschaft ein kontinuierlicher Prozess ist, macht auch die Dachdeckerei-Spenglerei Spindler aus Ingolstadt deutlich. Auch sie hat das Konzept der Kreislaufwirtschaft in Angriff genommen. Mit allen zwanzig Mitarbeitenden haben die Firmeninhaber es grundlegend diskutiert und Ziele vereinbart. Dabei starteten sie bei den 17 SDGs und einem gemeinsamen Workshop, bei dem der Betrieb eigene Nachhaltigkeitsziele in verschiedenen Dimensionen definiert hat.

Dachdeckerei-Spenglerei Spindler
Die Dachdeckerei-Spenglerei Spindler aus Ingolstadt arbeitet nach dem Prinzip der Gemeinwohlökonomie. Das ganze Team nimmt regelmäßig an Workshops teil. - © privat

Jutta und Johann Spindler haben sich intensiv theoretisch mit Nachhaltigkeit auseinandergesetzt. Die Erkenntnis, dass dieses Modell weit mehr umfasst als nur die eingesetzten Materialien und hergestellten Produkte, hat sie zur Gemeinwohlökonomie gebracht. Nach diesem Wirtschaftsmodell handelt ein Betrieb auch in Bezug auf das Wohlbefinden der eigenen Mitarbeitenden und auf das eigene nachhaltig. Es bezieht Geschäftskunden und Lieferanten mit ein und achtet auf Werte wie Menschenwürde, ökologische Verantwortung, Solidarität, Mitbestimmung und Transparenz.

"Das mag für manche esoterisch klingen, aber im Prinzip geht es darum, dass man die Folgen des eigenen Handelns durchdenkt, dass ewiges Wachstum nicht funktioniert, sondern dass wir mit dem wirtschaften müssen, was wir zur Verfügung haben", sagt Jutta Spindler. Und das sei begrenzt und wir sollten es deshalb so lange in einem Kreislauf halten wie möglich. Zur Gemeinwohlökonomie gehört es, jedes Jahr eine Bilanz zu ziehen und nach einem vorgegebenen Schema verschiedene Aspekte im Unternehmen anzuschauen, zu hinterfragen und schrittweise mehr und mehr an den Zielen auszurichten, die man selbst für seinen Betrieb formuliert hat. Bei den Spindlers sind es die Nachhaltigkeitsziele der UN.

Dachstein aus recyceltem Beton zeigt die Kreislaufwirtschaft

Die Ingolstädter Dachdeckerei nutzt, wenn technisch und fachlich möglich, ökologisch sinnvolle Baustoffe. Im Arbeitsalltag zeigt sich das Handeln ganz konkret aber auch daran, dass die Firma gerade dabei ist, mit einem Baustoffhersteller einen Betondachstein zu entwickeln, der überwiegend aus recycelten Betondachsteinen besteht. "Dafür müssen wir die alten Dachsteine bei einer Sanierung wirklich sortenrein trennen. Nur dann können sie wiederverwendet werden", berichtet Jutta Spindler. Die Zusammenarbeit mit einem Hersteller, der ebenfalls bereit ist, stärker in Kreisläufen zu denken, empfindet sie als besonders wichtig – ebenso wie die mit Kollegen, die das Projekt unterstützen. Denn es brauche immer die Gemeinschaft – und bestenfalls aus verschiedenen Perspektiven – um voranzukommen.

So scheut sich der Betrieb auch nicht, immer wieder Unterstützung von außen anzunehmen und dadurch neue Ansichten und Wissen in die Firma zu bringen. Das macht sie regelmäßig mit einem Gesundheitstag für alle Mitarbeitenden und auch dann zum Beispiel, wenn Lieferanten hinsichtlich ihrer eigenen Nachhaltigkeit befragt werden sollen. Ähnlich wie bei den Pflichten, die große Unternehmen im Zusammenhang mit dem Lieferkettengesetz haben, hat die Dachdeckerei ihre Lieferanten per Fragebogen kontaktiert. "Da musste man schon oftmals hartnäckig dranbleiben, um alle Informationen zu bekommen, vor allem bei den größeren Firmen", sagt Jutta Spindler.

Kreislaufwirtschaft: Alu-Folie recyceln oder ganz abschaffen?

Friseurmeisterin Diana D'Amelio
Friseurmeisterin Diana D'Amelio hat sich zum Ziel gesetzt, Alu-Produkte im Arbeitsalltag zu reduzieren und irgendwann ganz abzuschaffen. Schon jetzt gibt sie alle Alu-Abfälle ins Recycling. - © Stefanie Klein

Ein eigenes Netzwerk an Geschäftspartnern und Lieferanten hat sich auch Diana D'Amelio aufgebaut. Die Friseurmeisterin aus Nürtingen versucht in ihrem Salon möglichst viele Aspekte zu berücksichtigen, um Kreisläufe umweltfreundlich und ressourcenschonend zu gestalten. Viele Friseurprodukte enthalten in der Regel zahlreiche Chemikalien. Diana D'Amelio musste sich also erst einmal auf die Suche nach alternativen Haarfarben, Shampoos, Pflege- und Stylingmittel machen und dafür Lieferanten finden. Dabei achtet sie aber nicht nur auf die gute Verträglichkeit für die Gesundheit ihrer Kunden, sondern auch auf die Spuren, die die Produkte etwa im Abwasser hinterlassen.

"Wir spülen die meisten Produkte ja beim Haarewaschen wieder aus und es ist erschreckend, was man ins Abwasser gibt", berichtet sie. Neben der Auswahl der Produkte achtet die Friseurmeisterin auch auf die Mengen, die sie verwendet und nutzt nur so viel, wie unbedingt nötig. Für Stammkunden hat sie notiert, wie viel Haarfarbe sie jeweils verwendet hat und so muss sie nicht unnötig viel anührten das später ungenutzt weggeworfen wird.

Im Jahr 2020 konnte Diana D'Amelio ihren heutigen Salon übernehmen und nach ihren Vorstellungen umgestalten. Damals waren neben der Auswahl der Lieferanten noch weitere Änderungen nötig. Denn um im Friseursalon Stile Libero möglichst nachhaltig zu wirtschaften hat die Friseurmeisterin sich alle Abläufe genau angeschaut und hinterfragt. So hat es dann auch ein paar Monate Anlaufzeit gebraucht, bis sich Kunden, Geschäftspartner und Lieferanten gefunden hatten, berichtet sie. Bei denjenigen, mit denen sie zusammenarbeitet, achtet sie auch darauf, dass diese kurze Transportwege für Waren nutzen, wenig und umweltfreundliche Verpackungen sowie Versandsysteme verwenden und energieeffiziente Lager betreiben. "Das ist manches Mal eine richtige Recherche-Arbeit, aber die zahlt sich aus", sagt D'Amelio.

Auf der Suche nach einer nachhaltigen Lösung statt Alu-Folie

So hat sie die Waschbecken im Salon mit wassersparenden Armaturen ausgestattet und kann damit den Wasserverbrauch erheblich senken. Den Strom liefert eine PV-Anlage auf dem Dach des Hauses, in dem sich der Salon befindet. Kassenbons und Quittungen stellt die Salonbetreiberin nur dann in gedruckter Form aus, wenn der Kunde das explizit möchte. Alternativ bietet sie einen digitalen Beleg an. "Auch Papier ist eine Ressource, die man nicht zwingend ausnutzen und als Abfall verschwenden muss", sagt sie.

Ganz besonders wichtig ist ihr allerdings das Thema Aluminium. Das Friseurhandwerk verwendet große Mengen an Alu-Folie. Das geschieht einerseits, um Haarfarben einwirken zu lassen. Andererseits verwenden viele auch große Mengen an Produkten, die in Alu-Tuben stecken, in Spraydosen aus Alu, Tiegeln und mehr. Diana D'Amelio sammelt all das sortenrein und gibt es an eine Firma weiter, die das Alu recycelt und daraus neue Produkte macht.

"Ich habe vor einigen Jahren eine Reportage gesehen über den Abbau von Aluminium und das hat mich sehr geschockt", sagt die Unternehmerin, die danach angefangen hat, mehr und mehr wirtschaftliche Kreisläufe zu hinterfragen. Als sie das Recyclingsystem für das Alu entdeckt hat, das in ihrem Salon anfällt, war sie etwas erleichtert. Doch nun hat sie das Ziel, das Alu komplett zu ersetzen durch umweltfreundlichere Alternativen. "In Italien gibt es einen Friseur, der kompostierbare Folie für das Haare Färben verwendet, aber an die kommt man in Deutschland bislang nicht ran", berichtet die gebürtige Italienerin. Sie wird aber weiter versuchen, Ersatz zu finden.

Zwar sei sie in der Friseurbranche bislang schon noch ein Exot – allerdings einer, der zunehmend Anerkennung bekommt. Das Interesse wachse sowohl bei den Kollegen als auch bei den Kunden. Vor allem über Social Media wird sie oft gefunden und weiterempfohlen.