Gesunde Ausbildung An der Berufsschule: Neue Wege gegen Azubi-Krankmeldungen

Berufsschulen sollen Auszubildenden Fachtheorie und Allgemeinbildung vermitteln. Tatsächlich müssen sie aber viel mehr leisten. Wie sich eine Schule für ein gesundes Leben, Lernen und Arbeiten einsetzt – und was Betriebe davon haben.

Eine Gruppe junger Männer beim Tretbootfahren am Präventionstag der JSS Braunschweig.
Stressabbau und Teamarbeit funktionieren auch auf dem Tretboot. - © JSS Braunschweig

Tretbootfahren, Krafttraining oder einfach spielen: Der In­­stagram-Kanal der Johannes-Selenka-Schule (JSS) in Braunschweig wimmelt von Bildern, die Schüler in eher untypischen Aktionen für eine berufliche Schule zeigen. Schulleiterin Christina Čulina kann das erklären: "Die Herausforderungen an einer beruflichen Schule sind extrem groß, daran kann ich nichts ändern. Aber wir können Möglichkeiten schaffen, damit es allen in diesem Umfeld möglichst gut geht."

Ihre Schule ist ein Schmelztiegel für 1.800 junge Leute, Menschen unterschiedlichsten Alters, Bildungsstands und verschiedenster geografischer und sozialer Herkunft. "Es ist unglaublich, mit was für krassen Problemen die Schüler teilweise zu uns kommen: sei es eine ungewollte Schwangerschaft, häusliche Gewalt oder Selbstmordgedanken", zählt Lehrerin Alexandra Marx auf, was die Schüler mit sich herumtragen.

52 Prozent der Generation Z leiden laut IKK Classic unter psychischen Belastungen, 64 Prozent unter körperlichen Beschwerden. Das Wissen über gesundes Verhalten ist bei vielen erschreckend gering. Entsprechend häufig melden sich junge Arbeitnehmer krank, häufiger noch als ältere. Dass die absolute Zahl der Fehltage bei Jüngeren dennoch niedriger ist als bei Älteren, liegt an der zumeist kürzeren Krankheitsdauer.

#missionmacher sensibilisiert

Um in der Zeit von Ausbildung und Berufsschule den Grundstein für ein gesundes Verhalten bei der Arbeit und privat zu legen, hat die Krankenkasse IKK Classic das Programm #missionmacher entwickelt. Die JSS ist eine von aktuell 37 Schulen, die dieses Angebot zu Bewegung, Ernährung, Selbstmanagement und Regeneration durchführen.

Das System besteht aus einem Basispaket und flexiblen Wahlmodulen, die sich wahlweise mehr auf die Gesundheit der Schüler oder die der Lehrer konzentrieren. Teilnehmende Schulen verpflichten sich zu nichts, sie können das kostenlose Angebot entweder als Einmalaktion buchen oder es über Jahre hinweg in Unterrichtsreihen vertiefen. "Ich richte das Tempo immer nach den Bedürfnissen der Schule", erklärt IKK-Gesundheitsmanagerin Silke Kamphenkel, die die Präventionsmaßnahmen in Braunschweig begleitet.

Jährlicher Präventionstag für Schüler und Lehrer

In der JSS hat sie eine Schule gefunden, die bereits vor der Kooperation viel für die Gesundheit der Schüler getan hat. Die Angebote aus dem #missionmacher-Programm hat die JSS in ihren jährlichen Präventionstag für alle neuen Schüler eingebaut. Aus rund 40 Workshops können die Schüler Themen wählen, von Verkehrserziehung für E-Roller-Fahrer über sportliche Angebote bis hin zur Aufklärung über Cybermobbing und Drogenprävention. "Das missionmacher-Programm ist eine unheimliche Stütze für uns, weil es unser Portfolio erweitert, ohne dass ich überlegen muss, aus welchem Topf ich das bezahle. So können wir jetzt auch Angebote für die Gesunderhaltung von Lehrkräften machen, beispielsweise Fortbildungen zur gewaltfreien Kommunikation oder Stressbewältigung", freut sich Rektorin Čulina.

Denn nicht nur viele Schüler, auch die Lehrer sind belastet. "Das ist systemimmanent, wir können die Stundenzahl nicht reduzieren, wir können die Klassenzusammenstellung nicht ändern, aber wir können sie unterstützen durch Angebote zur Stressbewältigung", erklärt Čulina. Dazu gehört auch ein "Mental Health First Aid"-Programm. Eine Kollegin hat sich zur MHFA-Instruktorin ausbilden lassen und gibt dieses Erste-Hilfe-Wissen für psychische Notlagen ans Kollegium weiter. "Das ist ein sehr wichtiges Werkzeug, um den psychosozialen Problemen im Klassenzimmer begegnen zu können", bestätigt Alexandra Marx, die an der JSS das Präventionsteam leitet.

Gesünder und vernetzter an der Schule

Neben mehr Gesundheitswissen fördern die Aktionen auch eine bessere Vernetzung von Schülern und Lehrern untereinander, so Marx. Ob sich die Impulse aus den Präventionsmaßnahmen langfristig be­­währen, kann sie aber nicht sagen, zu kurz dauert die Schulzeit an der JSS. Doch aus Sicht der Krankenkasse gebe es erste positive Rückmeldungen: "Wir haben die Erfahrung gemacht, dass ehemalige Schüler sich gut an die Übungen erinnern, wenn wir ihnen in ihren Betrieben wieder begegnen, beispielsweise bei Maßnahmen des Betrieblichen Gesundheitsmanagements", freut sich Kamphenkel. Ihr Ziel sei es, gesundes Verhalten im Handwerk zu verstetigen, durch immer neue, kleine Impulse.
Weitere Informationen zum Programm ­unter www.ikk-classic.de/missionmacher