Innerhalb von zehn Jahren haben sich die Ausbildungszahlen zur Bestattungsfachkraft verdoppelt. Woran das liegt und was junge Leute an dem Beruf fasziniert – zwei Beispiele.

Selenay Feindor war zwölf Jahre alt, als sie ihr erstes Praktikum bei einem Bestatter machte, mit schriftlicher Erlaubnis der Mutter. "Ich kann mich nicht erinnern, dass ich je einen anderen Berufswunsch gehabt hätte", sagt die heute 18-Jährige. Inzwischen ist sie im zweiten Lehrjahr zur Bestattungsfachkraft bei Hartl Bestattungen in Prien am Chiemsee und lernt für ihre Zwischenprüfungen. Alles, wirklich alles mache sie an dem Beruf gerne.
Feindor ist keine Ausnahme. Innerhalb von zehn Jahren hat das Bestatterhandwerk seine Ausbildungszahlen verdoppelt, auf aktuell knapp 1.000 Azubis bei rund 5.500 Betrieben in ganz Deutschland. Deutlich mehr als die Hälfte der Auszubildenden sind weiblich, und es gibt mehr Bewerber als Ausbildungsplätze. "Bei der Jugend ist der Beruf des Bestatters im Moment ein bisschen hip", sagt Ralf Michal, Präsident des Bundesverbands Deutscher Bestatter (BDB). Das liege wohl an der Vielseitigkeit der Arbeit. Man tue etwas mit und für Menschen, kein Tag, kein Trauerfall sei wie der andere.
Vielseitige Arbeit als Bestatterin
"Der Beruf ist wirklich extrem abwechslungsreich und die Ausbildung sogar noch besser als ich erwartet habe", schwärmt Feindor. Anfangs machte sie am liebsten Hausabholungen und Überführungen. Mittlerweile habe sie aber gar keine Lieblingsarbeit mehr, sondern schätzt die Vielfalt ihrer Arbeit. Einzig das theoretische Pauken der rechtlichen Grundlagen für ihre Zwischenprüfung mache ihr etwas Angst. In der Berufsschulklasse seien Auszubildende aus verschiedenen Bundesländern und jedes Land hat unterschiedliche Bestattungsgesetze. "Zu diesem Mischmasch kommen dann noch die Regelungen zu Sozialbestattungen, Ordnungsamtbestattungen oder Seebestattungen", graut Feindor ein wenig.
Für Sonja Tönsing waren es aber genau diese rechtlichen Aspekte, die Ausschlag gegeben haben für ihre Berufswahl. Die 22-Jährige ist im dritten Lehrjahr beim Bestattungshaus Deppe in Bielefeld. "Wir hatten in der Realschule sehr viel mit dem Programm ’Kein Abschluss ohne Anschluss’ gearbeitet, mit Berufsfelderkundungen, Praktika und Potenzialanalysen." Sie erkannte dabei, dass sie gerne etwas Handwerkliches machen wollte, sich sehr für Psychologie interessierte, aber auch für Jura. Im Bestatterhandwerk seien alle diese Dinge vereint.
Interesse für den Tod
Schon mit dem Tod des Großvaters hatte Tönsing angefangen, sich für den Beruf zu interessieren. "Man spricht so wenig über den Tod. Man hört, Opa ist gestorben und ein paar Wochen später steht man dann vor der Urne. Aber was passiert in der Zwischenzeit", hatte sie sich schon als Kind gefragt.
Dass solche Dinge viele Menschen bewegen, zeigen die Reaktionen ihres Umfelds."Ich werde regelmäßig nach meiner Arbeit gefragt. Selbst entfernte Bekannte schreiben mir, weil sie Fragen zu bestimmten Themen haben." Die Klassenkameraden von Selenay Feindor dagegen reagierten anders, als sie mit zwölf Jahren anfing, Praktika beim Bestatter zu absolvieren. Manche wandten sich von ihr ab, "sie fanden das eklig", bedauert Feindor.
Doch im Allgemeinen erführen Bestatter enorme Wertschätzung, berichtet Ralf Michal. "Die Menschen, die wir betreuen, haben das Bedürfnis, ihre Dankbarkeit zu zeigen." Eine Bestattung sei ihnen so wichtig wie eine Hochzeit, man habe nur viel weniger Zeit für die Vorbereitung. Deswegen brauchten Bestatter ein gutes Organisationstalent. Am wichtigsten sei jedoch die Zugewandtheit zu Menschen. "Man muss die Menschen mögen, kontaktfreudig sein und gleichzeitig umsichtig und rücksichtsvoll", zählt er auf.

Da sein für Lebende und Tote
In dem Beruf geht es um die Lebenden und die Toten gleichermaßen. Sonja Tönsing hatte zu Beginn ihrer Praktika nur im Büro gearbeitet, sich dann aber immer interessierter an den Verstorbenen gezeigt, trotz anfänglicher Scheu. "Aber wenn man dann mit der verstorbenen Person in Kontakt kommt, die Hand nimmt, dann merkt man: Das war ein Mensch." Ihre Berührungsängste seien Dankbarkeit gewichen dafür, dass es diesen Menschen gegeben hat und sie ihm und seinen Angehörigen einen letzten Dienst tun kann. "Wir geben ihnen ihre Würde zurück", beschreibt sie. In der Sterbephase habe Körperhygiene keine Priorität mehr, vielen Verstorbenen sehe man an, dass sie Schmerzen hatten, angespannt waren. "Nach unserer hygienischen Versorgung sehen sie wieder friedlich aus und die Angehörigen können sie in gutem Gedächtnis behalten."
Die meisten Menschen wissen schon nach wenigen Tagen im Praktikum, ob sie es aushalten, ständig mit Verstorbenen zu tun zu haben. Im Schnitt gibt einer von drei Azubis während der Probezeit wieder auf, ist Ralf Michals Erfahrung. Das läge vor allem an der psychischen Belastung durch die Trauer der Angehörigen. "Man muss sich wirklich gut überlegen, ob man das sein Leben lang machen will", rät der Bestatter in fünfter Generation.
Auch Selenay Feindor kämpfte zu Beginn ihrer Praktika immer wieder mit den Tränen. "Aber es nützt niemandem, wenn ich weine. Ich mache lieber meine Arbeit gut, meine Emotionen kann ich inzwischen abschalten", beschreibt sie ihre Entwicklung. Sie sei gerne stark für die Angehörigen, denn es sei ihr wichtig, die Familien zu unterstützen.
Frauen in Männerdomäne als Bestattungsfachkraft
Früher war das Bestatterwesen männlich dominiert. Der Frauenanteil steigt erst seit den 2000er-Jahren. Körperliche Belastungen – Verstorbene abholen, sie unter Umständen über mehrere Stockwerke hinweg bewegen, sie hygienisch versorgen – sind dank Hilfsmitteln gut zu bewältigen. "Und falls es mal nicht alleine funktioniert, dann packt eine zweite oder auch dritte Frau mit an", gibt sich Sonja Tönsing pragmatisch.
Der Zulauf in die Branche ist aufgrund der demografischen Entwicklung notwendig. Die Zahl der Todesfälle in Deutschland ist wegen der alternden Gesellschaft im Zeitraum von 2013 bis 2023 um 15 Prozent gestiegen, die Zahl der Beschäftigten im Bestatterhandwerk hat von 2020 bis 2022 laut Statistischem Bundesamt um zehn Prozent zugenommen.
Dieses Branchenwachstum bringt auch Herausforderungen mit sich. Das Bundesausbildungszentrum in Münnerstadt, erst 2005 eröffnet, wird jetzt auf die doppelte Größe erweitert. "Wir müssen mehr Kapazitäten schaffen", gibt Michal zu und beobachtet, dass ehrenamtliche Prüfer und Dozenten durch den Anstieg belastet seien.
Boom bei Bestattern durch Social Media
Bisher ist die Ausbildungsquote – also der Anteil der Betriebe, die in der Branche ausbilden – noch relativ gering, so Stephan Neuser, Generalsekretär des BDB. Er erklärt das mit der erst jungen Geschichte als Ausbildungsberuf und mit der heterogenen Struktur der Betriebe. Neben reinen Bestattungshäusern gebe es auch viele Tischlereien, die gleichzeitig Bestattungen anbieten. "Aber die Betriebe haben erkannt, dass Ausbildung wichtig ist." Immer mehr Betriebe böten Ausbildungsplätze an.
Warum allerdings dieses Handwerk derzeit einen regelrechten Boom erlebt, kann sich der Verband nicht erklären. Es gebe einzelne Aktivitäten, aber keinerlei Marketingmaßnahmen des BDB. Michal selbst und sein Team besuchen beispielsweise Schulen und Konfirmandenunterrichte, um über Tod und Sterben, aber auch über die Ausbildung zu sprechen und haben entsprechend keinerlei Probleme, ihre Ausbildungsplätze zu besetzen.
Womöglich noch mehr Einfluss auf den Boom haben aber Influencer aus dem Bestatterhandwerk, die in den sozialen Medien ihre Arbeit zeigen. Das Thema Tod und Trauer sei heute stärker in die Mitte der Gesellschaft gerückt, beobachtet Michal. Das lasse sich auch an den Zugriffszahlen auf die Webseite des Verbands ablesen, bis zu 500.000 Zugriffe im Monat. Aber warum die Bewerberzahlen seit fünf, sechs Jahren so zugenommen haben? "Wir können es auch nicht erklären."