Leistungsbereitschaft Warum Chefs mehr loben sollten

Wenn die Produktivität sinkt, kann das auch daran liegen, dass sich Ihr Team nicht genug wertgeschätzt fühlt. Um etwas zu verändern, reichen oft schon kleine Gesten.

Handshake, Schulter klopfen oder einfach mal loben: Dank und Wertschätzung.
Handshake, Schulter klopfen oder einfach mal loben: Dank und Wertschätzung im Arbeitsalltag sind mitunter die wichtigsten Möglichkeiten, um Mitarbeiter zu motivieren. - © Charlize Davids/peopleimages.com - stock.adobe.com

Im Grunde genommen sind sich die Abläufe im Kindergarten und im Betrieb ziemlich ähnlich: Im Kindergarten rufen die Erzieherinnen morgens die Kinder zusammen, um einen Stuhlkreis zu bilden, Sprüche aufzusagen und ein Lied zu singen. Im Betrieb heißt der gleiche Vorgang Meeting. Hier ruft das Führungspersonal das Team zusammen. Und hier wie dort besteht die Aufgabe, die Mitglieder der Gruppe zum Mitmachen zu bewegen, egal, ob sie nun in der Bauecke spielen oder ein Bauprojekt realisieren sollen. Das Problem ist hier wie dort identisch: Wie lassen sich die Teilnehmer motivieren, kreativ zu sein und Leistung zu erbringen?

Für Charlotte Malycha, Professorin für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Hochschule Döpfer in Köln, sind Dank, Anerkennung und Wertschätzung der Schlüssel dazu, die Leistungsbereitschaft im Team zu wecken. So seien ein aufrichtiges Lob oder eine Dankpostkarte oftmals sogar effektiver als ein finanzieller Bonus, zeigt eine im Fachblatt "Frontiers in Psychology" veröffentlichte Studie, an der Malycha beteiligt war.

Anerkennungskultur: Wertschätzung sorgt für mehr Mitarbeitermotivation

Der Schlüssel zu mehr Mitarbeitermotivation ist demnach also eine Anerkennungskultur im Betrieb. In dieser Hinsicht könnten sich deutsche Firmen amerikanische Unternehmen zum Vorbild nehmen: Dort zählt das Lob des Chefs zum guten Ton – hierzulande hingegen ist der Tenor mitunter, dass nicht geschimpft schon Lob genug sei. Das allerdings macht sich in verschiedenen ökonomischen Größen bemerkbar. Zum einen bei der Produktivität – hier hinkt Deutschland, anderen europäischen Ländern sowie den USA derzeit deutlich hinterher –, zum anderen auch beim Engagement der Mitarbeiter.

So hat der sprichwörtliche "Dienst nach Vorschrift", wenn Beschäftigte in ihrem Job also nur das Allernötigste tun, laut Gallup Engagement Index 2024 zuletzt deutlich zugenommen: Satte 78 Prozent der Beschäftigten tun demnach im Job nicht mehr als sie unbedingt müssen. Zudem fehlt dem Großteil der Beschäftigten auch die emotionale Bindung zu ihrem Arbeitgeber. Und wenn sich eine gute Gelegenheit bietet, würden sie auch gehen: nur noch die Hälfte der Beschäftigten möchte mehr als ein Jahr bei ihrem aktuellen Arbeitgeber bleiben, so die Studie. "Die vorherrschende schwach ausgeprägte emotionale Bindung trägt zur Wechselwilligkeit bei", erklärt Marco Nink, einer der Autoren der Studie.

Wertschätzung: Kleine Veränderungen, große Wirkung

Höchste Zeit also, dass die Unternehmen etwas ändern – und auf mehr Lob und Wertschätzung setzen. "Schon kleine Veränderungen in der Unternehmenskultur, etwa regelmäßige Anerkennung guter Leistungen, können große Effekte haben", sagt Christian Conrad, Buchautor und Experte für Organisationsentwicklung und Mitarbeiterbindung. "Unternehmen, die auf diese Weise Engagement fördern, steigern nicht nur die Zufriedenheit, sondern auch ihre Produktivität."

Reiner Huthmacher, Coach für Personalführung und Mitarbeiterbindung, pflichtet ihm bei: Mitarbeiter würden eben nicht von selbst zu einem kommen – und vor allem nicht von selbst an Bord bleiben, wenn sie einmal da sind, sagt er. Und es sei auch längst nicht mehr ausreichend, ein gutes Gehalt zu zahlen, um ein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Auch traditionelle Vergünstigungen wie Boni oder ein Dienstwagen seien nicht mehr allein ausschlaggebend. "Arbeitnehmer erwarten heute ein ganzheitliches Arbeitsumfeld, das ihre beruflichen und persönlichen Bedürfnisse berücksichtigt", so der Experte. "Diejenigen, die in der Lage sind, ein umfassendes und attraktives Arbeitsumfeld zu bieten, sind erfolgreicher bei der Gewinnung und Bindung hochqualifizierter Fachkräfte."

Weiche Faktoren spielen wichtige Rolle bei Mitarbeiterbindung

Dabei spielen vermeintlich weiche Faktoren eine zunehmend wichtige Rolle: Neben den Möglichkeiten zur beruflichen Weiterentwicklung und Aspekten wie flexiblen Arbeitszeiten sei das vor allem eine positive Unternehmenskultur, betont Huthmacher. Gute Leistungen müssten eben auch gewürdigt werden. "Unternehmen, die sich nicht an diese sich entwickelnden Erwartungen anpassen, riskieren im Wettbewerb um Talente den Anschluss zu verlieren", so der Führungskräfte-Coach.

Vorsicht: Auch beim Loben kann man Fehler machen

Doch die Mitarbeitenden einfach auf Teufel komm‘ raus über den grünen Klee zu loben, ist auch nicht die richtige Lösung. Denn ein Lob aus der Chefetage kann auch nach hinten losgehen und Unruhe in die Gruppe bringen. Das beginnt schon bei den Gepriesenen selbst. "Dem einen gefällt ein Lob vor der versammelten Abteilung, dem anderen ist das peinlich", sagt Wirtschaftspsychologin Malycha. Da schwingt der Chef hymnische Reden, und der Geehrte will nur im Boden versinken. Zumal auch die anderen Mitarbeitenden durchaus eingeschnappt reagieren können, wenn einer hervorgehoben wird, während die Leistung der anderen nicht gewürdigt wird.

Die Psychologie steuert auch hier eine wichtige Erkenntnis bei: Selbst eine ersehnte Gehaltserhöhung weckt nämlich verschiedenen Studien zufolge nichts als Zorn und Enttäuschung, wenn die des Kollegen höher ausfällt. Zum richtigen Loben gehört also auch, dass es dabei fair zugehen muss. Auch das war schon im Kindergarten so: Was ist schon ein Schokokeks, wenn ein anderes Kind zwei bekommt? Genau: ein Schlag ins Gesicht – und ein Anlass, sich weiteren Aktivitäten zu verweigern.