Sie reisen ohne Smartphone, schreiben Postkarten statt Kurznachrichten und verdienen ihren Lebensunterhalt mit Zimmerarbeiten. Über zwei auf Wanderschaft und Treffpunkte, die nur auf den ersten Blick ungewöhnlich sind.

Philippe Saner und Ragnar Merlin Kessler sind auf der Walz. Das ist für Zimmermannsgesellen zunächst nichts Ungewöhnliches. Aber unser Autor hat sie in Jerusalem angetroffen, wo sie in einem Kloster auf dem Zionsberg Rast machten und Arbeit fanden. Sie wollen noch weiter.
Es gibt viele Wege, die nach Rom führen, so sagt ein Sprichwort. Und da geht es lediglich um den Stellvertreter Gottes. Aber wie viele Wege mag es geben, um nach Jerusalem zu kommen? Es gibt zwei Möglichkeiten. In vier Stunden gelangt man vom Flughafen Berlin nach Israel. Und noch mal eine halbe Stunde dauert es bis nach Jerusalem. Sagen wir fünf Stunden bis Jerusalem. Man kann aber auch 50 Tage damit verbringen. So wie die Zimmermannsgesellen Philippe Saner aus der Schweiz und Ragnar Merlin Kessler aus dem deutschen Hameln. Ohne den CO₂-Fußabdruck eines Vier-Stunden-Fluges.
Weiter bis nach Nepal
Philippe und Ragnar sind am 1. Dezember in Stuttgart aufgebrochen und Ende Januar in Jerusalem angekommen. Die beiden Gesellen sind auf der Walz. Auf der Walz in Israel, wo gibts denn so etwas? Dachte der Autor bis vor wenigen Tagen auch, bevor er den beiden auf dem Zionsberg begegnete. Die 22-Jährigen wollen nicht nur die Welt sehen, Kulturen kennenlernen und ihr Handwerk vervollkommnen, was das Ziel einer Walz ist. Nein, sie haben sich vorgenommen, bis nach Nepal weiterzuwandern, zu trampen oder ausnahmsweise auch mal einen Flug zu nehmen, wenn man so gar nicht mehr weiterkommt. Wie, wenn man auf einer Insel strandet. Dazu gleich mehr.
Treffpunkt: "22. März, plus minus eine Woche"
Also auf der Walz in Israel. Angekommen, dank eines freundlichen Abtes, Nikodemus Schnabel, in der Dormitio Abtei am Rande der Altstadt Jerusalems, und dort Arbeit gefunden. Bevor es weitergeht. Vereinbart haben Philippe und Ragnar nämlich mit weiteren vier Gesellen, sich am 22. März in Kathmandu bei McDonald's zu treffen. Ja, die Jungs sind 22 Jahre alt. Was sonst, McDonald's eben. In Kathmandu gibt es zwar viele Tempel und Wats, Klöster zuhauf, aber nur eine einzige Filiale der Burgerkette. Das ergibt Sinn. "18 Uhr, am 22. März, plus minus eine Woche", erzählt Ragnar. Klingt in der Welt der Literatur wie der brave Soldat Schwejk: nach dem Krieg um vier.
Um es vorwegzuschicken, Philippe und Ragnar behaupten – glaubhaft – keine Handys zu besitzen. Sie fragen sich durch, gehen in Bibliotheken, um mal eine E-Mail zu schreiben, oder borgen sich ein Handy, wenn sie weiterkommen wollen. Ragnar hatte einmal von Abt Nikodemus gehört und hatte sich in Ägypten ein Handy geborgt, sagt er und Nikodemus angeschrieben. Der antwortete prompt und nun sind sie hier. Die beiden verdienen sich ihren Unterhalt mit Zimmerarbeiten im Kloster. Sie bauen eine Verkleidung für einen riesigen Stromkasten. Und vergessen dabei auch nicht, ein riesiges Kreuz einzufügen. Das braucht ein bisschen Zeit.
Postkarten statt Handys
Apropos Handy: Ein 22-Jähriger erklärt dem älteren Autor, dass man auch ohne Handy locker auskommen könne, man muss nur wollen. Aha, verkehrte Welt. "Es ist sehr entspannt", erzählt Philippe auf dem Dach des Studienhauses der Dormitio Abtei, wo man über West-Jerusalem blicken kann. Er sagt: "Man ist nicht ständig im Gespräch mit Leuten, die 1.000 Kilometer entfernt sind. Mein Umfeld ist Ragnar und die vier Menschen, die wir in Kathmandu treffen, das geht auch ohne Handy." Logisch? Logisch!
Großer Vorteil: "Wir schreiben wieder Postkarten. Wenn die bei meiner Freundin ankommen, dann steht darauf: War in Israel. Alles gut gegangen." Die Postkarte kommt wahrscheinlich nach drei Wochen an und die beiden sind bereits längst in Indien. "Vor dem Nahen-Osten haben alle Angst", berichtete Ragnar aus Gesprächen, die er vor der Walz in den Osten mit der Familie in Hameln führte. "Aber jetzt sind wir hier, und es ist alles anders als alle denken."
Der Schweizer Philippe erzählt, dass seine Freundin in Norwegen ihm schon die Hölle heißgemacht habe, und deren Mutter erst. "Die Frage war nur, gehen wir hier schnell weiter, oder bleiben wir ein paar Tage." Sie blieben. Der Arbeit wegen.
Sie sind stolz auf ihr Werk. Und berichten von Baustellen in Frankreich, in Deutschland und vom Europahaus in Dümmer bei Schwerin, wo sie bereits waren.
Zu viel Gepäck stört nur
Sie bleiben und bauen den Mönchen in der Dormitio Abtei im Garten einen schönen Verschlag für Stromkästen. Und offenbar sind diese zufrieden, zumal das Material von heimischen Handwerkern liegen geblieben war. Aber dann wollen die beiden auch weiter. In ganzer Kluft, Hut, Weste und Zimmermannshose. Ihr gesamtes Gepäck hatten sie bereits in die Türkei zurückgesandt, berichtet Philippe. Zu viel, nicht notwendig, störend. "Wir müssen auch sehen, wie wir vorankommen." Am nächsten Tag wollen sie über die Allenby-/King Hussein-Brücke weiter nach Jordanien. Der derzeit einzige Grenzübergang vom Westjordanland nach Jordanien.
Philippe und Ragnar wollen einen Bus am Damaskustor in Jerusalem nehmen. Ein arabischer Busbahnhof. Da muss man sehen, wie man mitkommt. Aber Bedenken haben sie nicht. Im Gegenteil, Ragnars Pass ist zwar fast abgelaufen. Aber er hat einen Neuen in Ankara beantragt, und die Botschaft in der Türkei hat ihm zugesagt, ihn an Amman zu senden.
Aber wer die Reiseroute der beiden verfolgt, kann kaum Zweifel haben, dass sie ihren Weg gehen werden: Deutschland, Österreich, Ungarn, Rumänien, Bulgarien, Serbien, Bosnien, Montenegro, Albanien, Kosovo, Nordmazedonien, Griechenland, Türkei, Zypern, Ägypten, Israel. "Für Fahrt und Unterkunft haben wir keine, oder kaum Kosten", sagen Philippe. Und so wird es weitergehen. Auf der Walz aus Israel. Zu dessen Konflikten zucken sie die Schultern. Sie sind nur ein paar Tage hier, dann Jordanien, Saudi-Arabien, Dubai, wer weiß.
"Ziehe den Hut vor niemandem, außer in der Kirche und am Tisch. Trage immer deine Kluft. Und verlasse deinen Ort immer so, dass der nächste willkommen ist." Das sind drei Grundregeln der Gesellen auf der Walz. Kommt gut weiter, Philippe und Ragnar, schön euch getroffen zu haben. Hier in Israel.

