Bei Annette Stephany werden aus Kundenwünschen in wochenlanger Feinarbeit einzigartige Gitarren. Und auch kaputt geglaubte Gitarren bringt sie wieder zum Klingen. Bei der Restaurierung alter Instrumente kommen bei ihr auch mal verborgene Schätze zum Vorschein – oder unerwünschte Überraschungen.

Eine Frau im mittleren Alter öffnet die Tür zum Altbau in der Schweinfurter Innenstadt. Über ein rustikales Treppenhaus geht sie in ihre Wohnung im ersten Stock. Die Tür zu einem lichtdurchfluteten Zimmer steht offen, ein leichter Duft von Holz und Lack hängt in der Luft. In Annette Stephanys Werkstatt hängen historische und moderne Gitarren aus, Hölzer stapeln sich in Kisten und die cremefarbene Wand ist vor lauter Werkzeug kaum noch zu erkennen.
Hier verbringt die Gitarrenbauerin seit zehn Jahren den Großteil ihrer Zeit, werkelt an neuen Gitarren oder repariert alte. Sie ist eine von wenigen hundert Gitarrenbauern in Deutschland. Die meisten Gitarren werden massenweise in Asien produziert, allen voran China. Schon ab 50 Euro sind sie im Internet zu finden. Stephanys Kunden aber wollen individualisierte Einzelstücke und sind bereit, dafür mindestens 6.500 Euro auszugeben. Sie kommen aus der ganzen Welt. Einige von ihnen spielen als Profimusiker, andere leidenschaftlich gerne in ihrer Freizeit. Ihr letzter Kunde, ein Lehrer und Hobby-Astronom aus der Schweiz, wünschte sich ein Sternbild auf der Rosette. Stephany holt ihr Handy aus der Hosentasche, blättert durch die Bildergalerie und streicht sich eine Strähne hinter das Ohr. "Mit Perlmutt-Dots habe ich das Sternbild 'Lyra' auf einen dunkelblauen Hintergrund gesetzt", erzählt sie schmunzelnd.
Präzise Handgriffe zwischen Handwerk und Kunst
Für den nächsten Kunden aus Frankfurt soll es Fichte für die Gitarrendecke sein. Bei 70 Gitarren hat sie dieses Holz bereits verbaut. Mit prüfendem Blick und ruhigen Händen hält sie zwei Deckenteile zusammen. Mit Warmleim verklebt, ergibt sich daraus die birnenförmige Vorderseite. Sie streicht über das Holz, der Blick bleibt konzentriert. Mit einer fächerförmigen Innenbebalkung verstärkt sie die Decke. "Immerhin ziehen 35 bis 40 Kilo beim Spielen an den Saiten", betont Stephany. Sie deutet auf die halbfertige, noch saitenlose Gitarre am anderen Ende des Raumes. "Als Nächstes sind Schallloch und Rosette dran." Dann folgen Gitarrenhals, Zargen und Boden.
Die Handwerkerin greift in ein bis zum letzten Winkel voll gestelltes Regal und holt eine Dose Siam-Benzoe-Politur heraus. Sie schraubt den Deckel auf und augenblicklich steigt einem der intensive Geruch von Vanille und Kakao in die Nase. Nachdem die Gitarre damit zum Glänzen gebracht wird, kümmere sich Stephany normalerweise um die Befestigung der Saiten. "Dann ist der Moment der Wahrheit gekommen, ich prüfe den Klang der Gitarre." Für den Qualitätstest reichen Stephanys Kenntnisse, darüber hinaus überlasse sie gerne den Profis die Bühne. Mit strahlenden Augen ergänzt sie: "Ich freue mich immer über Aufnahmen oder Konzerte, in denen mein Instrument gespielt wird."

Die Gitarre als Versteck
Vom Verleimen der Holzplatten bis zum Stimmen der Saiten braucht sie sieben Wochen für eine Gitarre. Nebenbei stehen immer Restaurierungsarbeiten an. Behutsam und mit festem Griff holt die Handwerkerin eine historische Gitarre aus der Halterung. Sie fährt den Steg entlang, der die Saiten stramm auf ihrem Platz hält. "Auf diesen barocken Nachbau – schätzungsweise aus dem Jahr 1820 – wurde ein sehr prominenter, unpassender Steg eingesetzt", verdeutlicht sie. Ihr Auftrag ist es, einen filigranen Ersatz zu finden und feinsäuberliche Retusche vorzunehmen. "Ich bin immer berührt, wenn jemand die Gitarre des verstorbenen besten Freundes oder der Oma restaurieren lässt." Dabei hat sie bereits viele Schätze, aber auch unerfreuliche Überraschungen gefunden. "So eine Gitarre ist ein super Versteck – vom Liebesbrief über den Notgroschen bis zu einer verirrten Maus habe ich schon vieles gesehen."
Von der Berufseinsteigerin in Italien zum Profi in Schweinfurt
Den Blick auf die Arbeitsfläche gerichtet, denkt sie an die Anfänge ihrer Karriere zurück. Mit 13 Jahren lernte Stephany einen Geigenbauer kennen und ihre Faszination für den Instrumentenbau war geweckt. Nach ihrer dreijährigen Ausbildung an der Staatlichen Musikinstrumentenbauschule Mittenwald kam sie durch Zufall nach Italien. Auf der Frankfurter Musikmesse war sie von einer ausgestellten Gitarre des italienischen Instrumentenbaumeisters Lorenzo Frignani begeistert. "Ich bin bestimmt 50-mal um seine Vitrine herumgelaufen, während er eine Stunde lang telefoniert hat", erinnert sie sich zurück. Er bewunderte ihre Geduld und sagte ihr kurzerhand einen Praktikumsplatz zu. Aus acht Monaten wurden drei Jahre in Modena, Italien. Dort hat sie die Methode kennen- und lieben gelernt, mit der sie heute ihre Gitarren baut. "Ich orientiere mich an einem erfolgreichen Konzept von spanischen Gitarrenbauern aus dem frühen 20. Jahrhundert."
Präzisiert hat sie ihre Technik beim Gitarrenbauer und -restaurator Bernd Kresse in Köln. Seit 2009 hat sie ihre eigene Werkstatt, ab 2015 dann in Schweinfurt. Auch wenn sie die Konkurrenz aus China deutlich spürt, glaubt sie an ihr Geschäftsmodell. Mit den niedrigen Preisen kann sie nicht mithalten, aber wenn sie fernab von Hektik und digitaler Überreizung in ihrer Werkstatt tüftelt, fühlt sie sich geerdet. Gerade finden 20 Gitarren bei ihr ein vorübergehendes Zuhause. Noch schöner findet die Gitarrenbauerin, wenn sie in die ganze Welt (zurück)reisen und anderen Freude bereiten.
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.