Goldschmiedin Kira Hartig tauschte für drei Wochen ihre Werkbank gegen das wilde Herz Afrikas: In Kenia lernte sie von den Massai die Kunst des traditionellen Schmuckhandwerks. Im Gegenzug zeigte sie der Volksgruppe, wie sie ihre Produkte besser vermarkten können. Eine Reise voller ungewöhnlicher Herausforderungen und Erfahrungen, die sie dank eines Zukunftsstipendiums noch weiter ausbauen kann.

Goldschmiedin Kira Hartig war drei Wochen lang mit dem deutsch-afrikanischen Jugendhilfswerk in Kenia, um bei den Massai zu lernen, wie sie Schmuck herstellen. Als Gegenleistung hat sie in Workshops mit den dortigen Frauen ein genossenschaftliches Modell entwickelt, wie diese mehr Gewinne aus ihrem Schmuckverkauf an die Touristen erwirtschaften können.
Wie alles begann? "Ich hatte mich schon länger beim SES, dem Senior Expert Service, beworben, aber Goldschmiedin ist nicht wirklich ein Beruf, den man in der Entwicklungshilfe händeringend sucht", erzählt Kira Hartig augenzwinkernd. Sie wurde abgelehnt. Doch dann kam eine Anfrage des Massai Trust: "Wie können wir unsere Schmuckherstellung und dessen Verkauf optimieren?" Und da war doch diese junge Goldschmiedin, die unbedingt nach Afrika wollte.
Also ging es los. Erst mit dem Flugzeug nach Nairobi und von dort aus mit dem Geländewagen auf staubigen Pisten mit zehn Kilometern die Stunde Durchschnittsgeschwindigkeit neun Stunden lang nach Massai Mara, den nördlichen Teil der Serengeti auf Kenias Seite. "Wir sind um 1 Uhr nachts angekommen und waren hundemüde. Als ich am nächsten Tag aus dem Haus unseres Gastgebers trat, sah ich erst, wo ich war: Ich stand am Rand von Klippen, von denen ich bis Tansania blicken konnte. Unter mir liefen Giraffen, Elefanten und Löwen herum – es war atemberaubend", erzählt sie mit leuchtenden Augen.
Schmuckherstellung ist Frauensache
Vier Massai-Dörfer standen auf ihrer To-do-Liste. "In der ersten Woche sind wir vor allem herumgefahren, um mit den Menschen zu sprechen. Aber das ist nicht wie bei uns: Man vereinbart kein Meeting und trifft sich dann. Man fährt stattdessen einfach in das Dorf und sagt dem ersten, dem man begegnet, dass man da ist. Der läuft dann los und sagt den anderen Bescheid. Derweil sitzt man unter einem Baum und wartet. Nach und nach trudeln Interessierte ein – oder auch nicht, wenn zum Beispiel eine Kuh kalbt", berichtet sie. "Die Männer sind für die Viehwirtschaft zuständig. Um die Schmuckherstellung und dessen Verkauf kümmern sich die Frauen. Neben dem Tourismus ist das die einzige Verdienstmöglichkeit", sagt Hartig.
Männer mussten überzeugt werden
Doch nicht immer konnte sie direkt mit den Frauen sprechen. Erst mussten die Männer überzeugt werden. "Wir haben uns dann tatsächlich auf das Dorf Enkereri konzentriert, das bereits besser organisiert war und in dem die Frauen emanzipierter waren. Wir haben erst einmal gefragt: Wo sind eure Probleme? Und wie möchtet ihr, dass wir euch helfen?" Schnell war klar, dass Workshops die gewünschte Austauschform waren. Doch die Probleme? "Das war eine Herausforderung! Denn niemand wollte zugeben, dass es überhaupt welche gab. Wir mussten erst Vertrauen aufbauen."
Mehr Struktur soll im Chaos helfen
Die Zeit des Wartens nutzte Kira Hartig, um sich umzusehen. Wie funktionieren die Schmuckherstellung und der Verkauf eigentlich? "Sobald die Frauen bei den häuslichen Pflichten und der Kinderbetreuung ein wenig Zeit haben, setzen sie sich hin und fädeln wunderschönen Perlenschmuck. Die Materialien beziehen sie von fliegenden Händlern, die einmal pro Woche in das Dorf kommen. Wenn dann ein Bus mit Touristen aus einer der Luxus-Lodges oder im Rahmen einer Safari kommt, rennen alle zusammen und breiten ihre Tücher aus. Alle haben alles. Und doch haben alle – in allen Dörfern – das Gleiche. Es ist ein riesiges Chaos", fasst die Goldschmiedin ihre ersten Eindrücke zusammen. "Davon sind die Touristen überfordert und kaufen nichts."

Gemeinsam mit den Frauen erarbeitete sie also eine Verkaufsstrategie: An einem Stand gibt es Arm-, am anderen Halsreifen, beim dritten zugekaufte geschnitzte Tiere etc. Die Umsätze werden zusammengeworfen und jede Frau erhält einen Anteil. Von den Rücklagen werden neue Rohstoffe gekauft. Alles wird in einer rudimentären Buchhaltungstabelle festgehalten, damit man einen Überblick behält. Dafür gibt es eine Kassenwärtin – und natürlich wurde auch eine Vorständin gewählt, denn so vollständig ohne Konflikte ging die Umstrukturierung nicht vonstatten.
Viel Inspiration und neue Techniken
Im Austausch mit den Frauen wiederum hat sich die Goldschmiedin jede Menge Inspiration geholt und Techniken abgeschaut. "Es ist unglaublich, wie schnell und mit wie viel Geschick sie arbeiten", ist Kira Hartig begeistert. Überhaupt: Das Erlernen neuer Techniken ist eines ihrer Hauptziele.
Schmuckverkauf als Entwicklungshilfe wird belohnt
Dafür bekommt sie jetzt eine kräftige Finanzspritze. Der Rotary Club (RC) Nürnberg-Fürth hat anlässlich seines 50-jährigen Bestehens in diesem Jahr erstmals ein Zukunftsstipendium in Höhe von 10.000 Euro für zwei Jahre Weiterbildung vergeben. "Wir möchten uns stärker dem Thema Zukunft widmen und junge Menschen positiv begleiten. Dafür haben wir dieses Stipendium ins Leben gerufen", sagt Joachim Hübner vom RC.
Ganz bewusst haben die "Freundinnen und Freunde" einen Vertreter aus dem Handwerk gesucht. "Wir möchten talentierten jungen Menschen, die sich mit Ernsthaftigkeit, Leidenschaft und Spaß ihrem Beruf widmen, Möglichkeiten schenken: für Weiterbildungen, für eine Meisterklasse, für eine berufliche Reise ins Ausland", beschreibt Joachim Hübner den Grund, warum das Zukunftsstipendium erstmals vergeben wurde. In diesem Jahr ging es neben Kira Hartig außerdem an eine Frau aus dem Bereich Musik/Kunst. Ab 2025 soll das Stipendium jährlich im Wechsel für zwei Jahre vergeben werden.
Goldschmiedin Kira Hartig hat schon konkrete Pläne, wofür sie ihr Stipendium einsetzen möchte: "Ich habe mir bereits Kurse in Florenz und Rom herausgesucht, in denen ich lernen möchte, wie Schmuck in anderen Ländern hergestellt wird und welche Techniken dort üblich sind", berichtet sie. "Ohne das Zukunftsstipendium wäre mir das nicht möglich gewesen."
Die Serengeti lässt sie aber trotzdem nicht los. Mit ihrem Freund und ihrem Vater möchte sie ihre Massai-Freunde bald wieder besuchen. Und wer weiß? Vielleicht wird ihr Traum einer eigenen Goldschmiedeschule irgendwann wahr? Dann kann sie ihr erworbenes Wissen auch an andere weitergeben.
