Die Stuttgarter Tatort-Kommissare Lannert und Bootz müssen am Sonntagabend den Mörder einer Auszubildenden überführen. Ob sich das Einschalten lohnt und in welchem Licht das schwäbische Handwerk im Krimi erscheint, erfahren Sie unserer Filmkritik über den neuen Tatort.

Sie war jung, sie war beliebt, sie war handwerklich talentiert. Und sie wird gleich zu Beginn der neuen Tatort-Folge "Lass sie gehen", die am 17. November 2024 um 20.15 Uhr ihre TV-Premiere im Ersten feiert, erwürgt am Neckar aufgefunden: Hanna Riedle (Mia Rainprechter) hatte ihr Heimatdorf auf der Schwäbischen Alb verlassen und in der Landeshauptstadt eine Ausbildung zur Schreinerin begonnen. Sehr zur Freude ihres Chefs – und sehr zum Ärger ihrer engstirnigen Mutter, die sich von ihrer Tochter einen ganz anderen Karriereweg gewünscht hätte. So startet der sehenswerte Krimi aus Stuttgart, in dem von der Landeshauptstadt diesmal wenig zu sehen ist.
Schreinerlehre in der Großstadt in der Filmkritik des neuen Tatorts
Hannas Mutter Luise (Julika Jenkins) ist streng gläubig und führt mit ihrem Mann Hannes (Moritz Führmann) auch die viel frequentierte Gastwirtschaft im schwäbischen Waldingen, in dem sich die Dorfgemeinschaft am Tresen und Stammtisch die Klinke und die Bierkrüge in die Hand gibt. Luise hatte von ihrer Tochter wie selbstverständlich erwartet, in der Wirtschaft mitanzupacken und den Betrieb irgendwann zu übernehmen. Entsprechend entsetzt reagiert sie, als Hanna ihr in einer Rückblende in die Zeit vor ihrer Ermordung mit leuchtenden Augen eröffnet, dass sie ihr Glück lieber als Schreinerin in der Großstadt suchen möchte. "So‘n Schwachsinn", knurrt die empörte Mutter.
Dieser Schlüsseldialog des Films bedeutet freilich nicht, dass Drehbuchautor Norbert Baumgarten und Regisseur Andreas Kleinert einer Ausbildung im Handwerk kritisch gegenüberstünden. Ganz im Gegenteil: Hannas Vater etwa ist stolz wie Oskar auf die "goldenen Hände" seiner Tochter. Und dass eine junge Frau für eine handwerkliche Lehre bereitwillig den Ort ihrer Kindheit und Jugend verlässt, bekommt man als erzählerischen Kniff in Film- und Fernsehformaten auch selten zu sehen. Vielmehr versprechen dort meist das akademische Studium oder lukrative Jobs in der Industrie die berufliche Erfüllung und steile Aufstiegschancen. Schon allein deshalb bildet dieser "Tatort" einen wunderbaren Gegenentwurf zu diesem oft so einseitig gezeichneten Bild.

Auch Hannas Chef (Gregor Knop) weiß genau, was die Stunde in Zeiten von Fachkräftemangel und Wohnungsnot in deutschen Großstädten geschlagen hat: Der bodenständige Schreinermeister, der zur Gegenüberstellung antanzt und dessen Werkstatt Hauptkommissar Sebastian Bootz (Felix Klare) einen Besuch abstattet, hat Hanna sogar eine Wohnung besorgt. Auf seine verstorbene, umtriebige Auszubildende angesprochen, gerät der Handwerker ins Schwärmen: "Fleißig, geschickt – sie war ‘ne Gute." Gedreht wurden diese authentisch eingefangenen Szenen in der Karlsruher Werkstatt 52 von Schreinermeister Julian Nagel.
Filmkritik zum Tatort: Spannender Dorfkrimi mit starken Figuren
Wenngleich man es für einen Stuttgarter Tatort nicht vermuten würde, entführen uns die Filmschaffenden in ihrem atmosphärisch dichten Krimidrama ansonsten für lange Zeit in die Provinz. Im fiktiven Waldingen (gedreht im schwäbischen Bichishausen) scheint die Zeit ein wenig stehengeblieben. Einziger großer Arbeitgeber im Ort ist der Industriebetrieb Löffler, in dem neben Hannas Ex-Verlobten Martin Gmähle (Sebastian Fritz) auch ihr hartnäckiger Verehrer Marek Gorsky (Timocin Ziegler) seine Brötchen verdient. Hannas jüngere Schwester Emma (Irene Böhm) geht noch zur Schule und packt – anders als die "abtrünnige" Handwerkerin – auch gern im Betrieb ihrer Eltern mit an. Sie alle kommen als Mörderin und Mörder infrage.
Unter den undurchsichtigen Dorfgestalten und vor düster und altmodisch gehaltenen Kulissen suchen die Kommissare den Mörder – das geht bei Thorsten Lannert (Richy Müller) sogar so weit, dass er sich in der Gaststube der trauernden Familie einquartiert. Vor Ort bekommt der Fahrer des berühmten braunen Porsches eine Menge mit. Und wir werden als Zuschauer Zeuge, wie Tatverdächtige kommen und gehen, weinen und streiten, beschuldigen und verfluchen. Ein "Whodunit" nach klassischer Bauart, der mit seinem starken Cast und seinen überzeugenden Figuren lange Zeit prächtig unterhält, aber auf der Zielgeraden eine große Schwäche offenbart.

Ein dicker Wermutstropfen zum Finale
Denn so intensiv und mitreißend sich das Geschehen im Dorf auch gestaltet – als der Tatort die Provinz wieder verlässt und einen Handlungsschlenker in die architektonisch imposante Stuttgarter Stadtbibliothek wagt, hat dies fast satirischen Charakter. Die uninspirierte Auflösung (die hier natürlich nicht verraten wird) kommt aus völlig heiterem Himmel und ist seltsam beliebig in die Geschichte gehämmert. Für all jene, die an der Tätersuche im Tatort Freude finden, ist sie eine herbe Enttäuschung. Auch die slapstickhafte Tonalität will in diesem Moment so gar nicht zu dem über weite Strecken beklemmend und bedrückend arrangierten Krimidrama passen.
Dennoch ist die 1280. Tatort-Ausgabe unterm Strich ein spannender und wuchtiger Film – bringt er zwischen den Zeilen doch das Kunststück fertig, neben einem bedrückenden Kriminalfall auch viel über die emotionalen Beweggründe und die beengenden Lebensumstände einer jungen Handwerkerin zu erzählen, die zum Zeitpunkt der Handlung gar nicht mehr lebt. Warum Hanna ihr Glück in der Großstadt und im Schreinerhandwerk statt in der dörflichen Gastronomie gesucht hat, können wir am Ende jedenfalls sehr gut verstehen.