Torsten Sträter ist bekannt als Autor, Komiker und Kabarettist mit eigenen Fernsehsendungen und unzähligen Auftritten. Aber er ist auch stolzer Herrenschneider. Den Weggang von seinem damaligen Arbeitgeber bezeichnet er heute als "Auftakt zu Jahren völliger Orientierungslosigkeit".

Mit schweren Schritten ächzt sich Torsten Sträter die Treppe hinauf, einen Becher Kaffee in der Hand. "Ich bin ein bisschen schlappi. Aber echt", brummelt er entschuldigend. Dann zieht er sich einen cremefarbenen Cocktailsessel heran und lässt sich seufzend hineinsinken. Mit einem Blick auf seine überdimensionale Uhr am rechten Handgelenk murmelt er: "Ich muss noch bügeln." Eineinhalb Stunden bleiben ihm bis zur Show, der Münchner Circus Krone Bau wird rappelvoll werden mit 2.000 Sträter-Fans, so wie am Vortag auch schon.
Zum Traumberuf beim alten Schneidermeister
Oben in der Garderobe bekommt der müde Sträter nichts mit vom aufgeregten Gebrodel in der Zirkusarena. Mit ruhiger, tiefer Stimme erzählt er von seinen beruflichen Anfängen im Handwerk, damals in Dortmund bei Schneidermeister Ernst Grothaus im Heiligen Weg.
Ganz klassisch über das Arbeitsamt hatte er nach einem Ausbilder in seinem Traumberuf gesucht. "Ich wollte immer was nähen. Ich war ganz toll im Nähen", fand er damals – anders als seine Mutter, die wenig begeistert war, als der Sohn ihre Kleidung "schlachtete", um daraus Kostüme zu nähen. Doch nach 15 Monaten Wehrdienst – in immer gleicher Kleidung – hatte sich Sträters Berufswunsch gefestigt: Er wollte ein Handwerk erlernen. "Nix mit Holz, nix mit Metall. Stoff. Ich habe mich immer für Stoffe interessiert."
Seine erste Lektion bei Schneidermeister Grothaus prägt ihn bis heute. "Das erste halbe Jahr habe ich nur gebügelt, gebügelt, gebügelt. Ich kann richtig gut bügeln. Das war toll", schwärmt er. Bis heute bügele er aus reiner Demut alle seine Sachen selber. "Und weil ich es auch am besten kann. Meistens." Seine Bügel-Expertise teilt er mit seinen Fans in einem markigen Videoclip. "Hemd bügeln" heißt der unspektakulär und stammt aus seiner Sendung Sträters Männerhaushalt. Allein auf Youtube hat er so schon 15.400 Mal Nachhilfe im Bügeln gegeben. Der Clip, wie man einen Knopf annäht, wurde sogar fast 25.000 Mal gesehen; über alle Plattformen hinweg seien es sogar mehrere hunderttausend Zugriffe.
Bügeln und Knopf annähen für echte Kerle
Es ist diese Kunst, aus Alltäglichem etwas Absurdes zu machen, mit der sich Torsten Sträter in die Herzen und Lachmuskeln seiner Fans gearbeitet hat. "Aber Geld verdienen tu ich damit erst seit ein paar Jahren", gibt er zu. Schaudernd erinnert er sich an seine magere Ausbildungsvergütung. "Im ersten Lehrjahr gab es 99 Mark, im zweiten und dritten 199 Mark. Das hat noch nicht mal für Haarlack gereicht. Ich hatte damals ja noch Haare, das war richtig bitter", scherzt er und reibt sich kurz über den weitgehend kahlen Kopf.
Nach der Ausbildung fand Sträter eine Anstellung beim Herrenausstatter Pohland in Dortmund. "Ein ganz toller Laden. Die wollten mich als Schneider. Leider stellten sie dann fest, dass ich zwar ein überaus guter Schneider war, aber auch ein quälend langsamer." Denn Sträter hatte bei Meister Grothaus sorgfältigstes Arbeiten gelernt, war von der Pike auf ausgebildet worden und den Mitschülerinnen in der Berufsschule immer voraus gewesen. Schnelligkeit jedoch hatte nicht auf seinem Ausbildungsplan gestanden, für eilige Änderungen beim Herrenausstatter war er der falsche Mann. Also setzte ihn Pohland als Abstecker und immer häufiger auch als Verkäufer ein. "Da habe ich einige Jahre ganz viel Geld verdient, es gab Provision für jedes verkaufte Stück", erinnert sich Sträter gern an diese Zeit.
"Nix mit Holz, nix mit Metall. Stoff. Ich habe mich immer für Stoffe interessiert."
Torsten Sträter
Doch dann machte nebenan ein großer Textilhändler auf und Sträter ließ sich abwerben. Heute weiß er, das war ein Fehler und der Auftakt zu Jahren völliger Orientierungslosigkeit. Er arbeitete bei verschiedenen Textilhändlern, durfte dort jedoch nur Kleidung aus Kartons holen und auf Bügel hängen, statt Kunden zu beraten. Er wurde arbeitslos, dann arbeitete er in der aufkommenden Handybranche, erst als Promoter vor Läden, später im Elektronikmarkt eines Freundes. Schließlich wurde er Verkaufsleiter in einem Systemhaus für Computervernetzung in Soest – "kompletter Käse", wie Sträter sagt – und landete nach dessen Pleite in der pharmazeutischen Spedition seiner Mutter.
Jahre der Orientierungslosigkeit
In dieser Zeit ging es ihm nicht gut. Er hatte viele depressive Phasen, hasste seinen Job und den frühen Arbeitsbeginn ab fünf Uhr morgens. "Und man sollte nicht mit seiner Mutter arbeiten, wenn man es vermeiden kann", fügt er trocken hinzu. "So wie meine Mutter mit mir geredet hat, hätten sich das andere Chefs nicht getraut."

Immerhin: Hier fing er an, Geschichten zu schreiben, abends, am Bürocomputer der Spedition. Anfangs habe er schreiberisch viel falsch gemacht, doch nach und nach eignete er sich das nötige Handwerkszeug an. 2005 erschien sein erstes Buch, 2007 kamen erste Bühnenauftritte hinzu, "für einen Appel und ein Ei".
Es dauerte viele Jahre, bis Sträter da ankam, wo er heute mit 57 Jahren ist, mit einer treuen Fangemeinde und ausgebuchten Vorstellungen über Monate hinweg. Der Weg dahin hat sich aber gelohnt. "Ich bin zutiefst glücklich mit meiner Arbeit. Du hast einen Abend, wo du die Leute zum Lachen bringst, wo du vielleicht ihr Tageshöhepunkt bist! Und du wirst dafür sehr gut bezahlt."
Depressionen, ein Thema auch auf der Bühne
Für den Erfolg zahlt allerdings auch er einen Preis. "Nach einer langen, langen Tour bin ich vollkommen fertig und ausgebrannt und kaum mehr in der Lage, durch die Gegend zu laufen. Dann weht mich das mit den Depressionen wieder an." Über psychische Probleme spricht Sträter offen, er ist Schirmherr der Deutschen Depressionsliga.
Von Burn-out oder Depressionen Betroffene könnten das eigene Kranksein oft nicht erkennen, warnt er. Sie seien auf ihr Umfeld angewiesen. "Wenn es gut läuft, wird einem das dann gesagt, dass man nur noch herumschlurft, dass man sich nicht mehr unterhalten kann und keine Freude mehr zu empfinden scheint."
Für Menschen, die sich mit 70, 80 Arbeitsstunden pro Woche in den Burn-Out manövrieren, kenne er kein Patentrezept. Aber man müsse auf sich achtgeben, kürzertreten. Sträter selbst tut das durch Spaziergänge, Bewegung, Meditation und Entspannung. Bei einer echten Depression aber brauche man ärztliche Hilfe.
Schwarze Mütze, Kaffee, Showtime
Sträter blickt wieder auf die Uhr; noch Zeit für einen Kaffee, eine Zigarette und das Bügeln, er zieht sich zurück.
Dann: Showtime. Mit der Kaffeetasse in der Hand betritt Torsten Sträter die Bühne des Circus Krone Baus. Ganz in Schwarz, die obligatorische Mütze auf dem Kopf, hat er das Publikum von der ersten Sekunde an fest im Griff, landet einen Lacher nach dem anderen. Keine Spur mehr von Müdigkeit, Sträter ist jetzt in seinem Element. Er erzählt von Mamma und der Hitparade, von Omma und dem Teufel, von seinem Bluthochdruck und der Arzthelferin, vom Tanken und eklig grauen Schokoriegeln und nicht zuletzt von seiner Aversion gegen Nadeln beim Blutabnehmen.
Zweieinhalb Stunden lang scheint es, als fielen Sträter diese Anekdoten ganz spontan ein, als schweifte er aus Versehen ab, jede Geschichte für sich lustig, aber ohne Zusammenhang mit der anderen. Und dann, 23 Uhr ist vorbei, beweist der Meister der Wortschneiderei, dass er den Stoff seines Programms so sorgfältig zugeschnitten hat, wie ein Schneider die Teile eines Maßanzugs. Alles fügt sich ineinander und es zeigt sich: Auch als Komiker arbeitet Sträter nicht schnell. Aber überaus gut.
Notrufnummern bei psychischen Krisen
- Wenn Sie sich in einer akuten Krise befinden, wenden Sie sich an Ihren Arzt oder Psychotherapeuten oder die Telefonseelsorge unter 0800/1110111 oder 0800/1110222.
- Informationen der Deutschen Depressionsliga.
- Informationen der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention