Nach den Hochwasserkatastrophen der letzten Tage, fordert eine Studie Risikoanalysen, Schutzkonzepte und Umbauten für alle Siedlungsgebiete. Eine Lösung könnte die CO₂-arme Schwammstadt sein. Ein gutes Beispiel dafür ist die Stadt Kopenhagen.
Hochwasser und Hitze: Akute Unwetter-Gefahren steigen. Ortschaften, die früher kein Hochwassergebiet waren, sind es nun. Sofern diese Siedlungen nicht aufgegeben werden sollen, müssen nicht nur Häuser, sondern komplette Siedlungen baulich verändert werden. Das Schwammstadt-Prinzip ist einer der wichtigsten Wege. Darauf weisen Wissenschaftler, Ingenieure und Vertreter des Handwerks schon lange hin. Doch die deutschen Städte sind darauf nicht vorbereitet, anders als etwa die dänische Hauptstadt Kopenhagen, die auf diesem Gebiet als vorbildlich gilt.
Mehr drastische Wetterlagen
Die wachsenden Klima-Risiken zwingen Deutschland nun also dazu, anders zu bauen – und sich sogar umzubauen. Zu diesem Ergebnis kommt auch eine Studie der Rheinland-Pfälzischen Technischen Universität Kaiserslautern-Landau (RPTU Kaiserslautern). Die Untersuchung zur Klimasicherheit in Städten wurde kürzlich auf der Weltleitmesse für Umwelttechnologien "Ifat" in München vorgestellt. "Im Fokus der Studie stehen drei Gefahren durch extreme Wetterlagen, gegen die vor allem der Staat, aber auch private Haus- und Wohnungseigentümer jetzt effektiv und entschlossen vorgehen müssen: Überflutungen und Hochwasser, Hitze, Trockenheit und Wassermangel in den Städten", sagt Prof. Theo Schmitt von der RPTU Kaiserslautern.
"Alles muss auf den Prüfstand"
Der Studienautor warnt: "Deutschland braucht dringend eine Klima-Risiko-Analyse für alle Städte und Gemeinden." Drängende Aufgabe von Bund und Ländern sei es, hierfür die gesetzlichen Weichen zu stellen. Dem "Komplett-Check" von Gebäuden und Infrastruktur müssten dann Schutzkonzepte folgen: "Dringend notwendig sind effektive Vor-Ort-Lösungen, um die Städte klimasicherer zu machen", so Schmitt. Dabei gehe es um einen "Unwetter-Umbau" von Wohnhäusern, öffentlichen Gebäuden und Industrieanlagen. Ebenso Straßen, Tunnel, Gleisanlagen und vor allem auch die Kanalisation müssten klimasicher saniert werden. "Selbst von der Energie- und Wasserversorgung bis zur Stadtplanung – alles muss auf den Prüfstand", sagt Schmitt. Vor allem in den Rathäusern müsse es einen "Klima-Planungswandel" geben, so der Professor.
Auf die Städte und Gemeinden komme bundesweit die "Herkulesaufgabe Klimasicherheit" zu. Bund und Länder müssten dazu klare Vorgaben machen und die Kommunen bei der Finanzierung erheblich unterstützen, fordert die Initiative "Verantwortung Wasser und Umwelt". Sie hat die Studie "Vom Starkregen-Management zur klimaresilienten Stadt" bei der RPTU Kaiserslautern in Auftrag gegeben. Die Initiative wird vom Bundesverband Deutscher Baustoff-Fachhandel (BDB) unterstützt.
An Klima-Anpassungskonzepten führt kein Weg vorbei. Wichtig dabei: der Kampf gegen Hochwasser in den Städten. Schmitt fordert, dass Städte zu einem Starkregen-Risikomanagement verpflichtet werden. Die Kommunen müssten künftig Gefahren- und Risikokarten erstellen. "Bei solchen Warnkarten ist die Topografie mit lokalen Grünflächen und dem Gefälle wichtig. Außerdem natürlich die Meteorologie", sagt Schmitt. Und es komme entscheidend auch auf die Kapazität von Kanalsystemen an. Nach Ansicht von Fachleuten ist eine systematische Analyse der örtlichen Gefahrenlage geboten – "eine ‚Übersetzung‘ von Regenmengen in die konkrete lokale Gefahr einer Überflutung", so die Experten.
Risikokarten entwerfen und Gebäudeschwachstellen identifizieren
Warnkarten sind laut Schmitt die Basis für ein effektives Starkregen-Wassermanagement. "Auf Risikokarten muss Straße für Straße – bis aufs einzelne Haus genau – die Überflutungsgefahr eingetragen werden. Es geht darum, mit der Starkregen-Risikokarte die Wirkung von Sturzfluten digital zu simulieren. So können Städte wassersensibel entwickelt werden", erläutert Schmitt. Vor allem auch Hausbesitzer würden von Starkregen-Risikokarten profitieren. Sie könnten damit individuell mehr Vorsorge und dadurch Gebäudeschutz betreiben – von der Dachbegrünung (zur Zurückhaltung und Verdunstung von Wasser) bis zum Bau von geschützten Kellereingängen, Lichtschächten und Tiefgarageneinfahrten. Es komme bei privaten und öffentlichen Gebäuden genauso wie bei Gewerbeimmobilien darauf an, gezielt Schwachstellen eines Hauses zu ermitteln. Sein Kollege Prof. Dr.-Ing. Norbert Gebbeken, Experte für Katastrophenschutz und baulichen Objektschutz und Präsident der Bayerischen Ingenieurekammer-Bau pflichtet bei: "Wir müssen der Realität ins Auge blicken." Komplette Siedlungen müssten baulich verändert werden. Das Schwammstadt-Prinzip sei dabei einer der wichtigsten Wege.
Flutmulden und Warnsysteme
Prof. Schmitt warnt dabei vor "punktuellen Sanierungen". Heftige Gewitter mit anschließenden Überflutungen würden immer mehr Kommunen treffen, ganze Quartiere müssten betrachtet werden. So gehören laut RPTU Kaiserslautern Regenbecken, oberirdische Sammelflächen, Flutmulden und Notwasserwege zum systematischen Hochwasserschutz. Darüber hinaus seien Warnsysteme bei Unterführungen ebenso erforderlich wie ein Überflutungsschutz von Straßentunneln und unterirdischen Gleisanlagen. str
Handlungsempfehlungen
Gegen Hochwasserereignisse gibt es keinen vollumfänglichen Schutz. Doch die negativen Folgen eines Hochwassers könnten begrenzt werden. Vor diesem Hintergrund bekräftigt die Bundesingenieurkammer ihre zentralen Handlungsempfehlungen:
- Hochwasserschutz gehört als Vorsorgemaßnahme in die Bauleitplanung. Einflüsse des Klimawandels müssen bei Ausweisung von Baugebieten berücksichtigt werden. Die Überprüfung bestehender Pläne sind erforderlich.
- Hochwasserschutz muss systematisch und interdisziplinär gedacht werden. Dafür braucht es Fachwissen aus vielen Bereichen.
- Das "AWA-Prinzip" – Ausweichen, Widerstehen, Anpassen – für mehr Hochwasserschutz von Gebäuden: Ausweichen, indem in wassersensiblen Gebieten gar nicht erst gebaut oder zumindest auf einen Keller verzichtet wird. Ist ein Ausweichen nicht möglich, kann man den Widerstand gegen Hochwasser erhöhen, wie zum Beispiel Keller und tieferliegende Hausöffnungen druckdicht verschließbar planen. Zudem besteht die Möglichkeit, Treppeneingänge höher zu legen. Die Strategie des Anpassens trägt zur Schadensminimierung bei.

