Gutes Beispiel Kfz-Meister Martin Tömel: "Inklusion klappt"

Seit vier Jahren gehört Kristin Neubert zum Team in Gustavs Autohof in Wittgensdorf. Die schwer hörgeschädigte Frau arbeitet im Sekretariat des Handwerksbetriebs. Falls es bei der Kommunikation mal hakt, helfen Papier und Stift.

Kristin Neubert und Martin Tömel im Büro
Seit vier Jahren arbeitet Kristin Neubert in Gustavs Autohof. Ihr Chef, Kfz-Meister Martin Tömel, lobt die schwer hörgeschädigte Frau. Wenn die Kommunikation einmal hakt, wird auf Zettel und Stift ausgewichen. - © Daniel Bagehorn

Für Außenstehende ist es nicht immer leicht zu verstehen, was Kristin Neubert sagt. Denn richtig sprechen kann die schwer hörgeschädigte Frau nicht. Aber die 38-Jährige, die die Lippen ihrer Mitmenschen abliest, kann sich verständlich machen.

Ihr Chef, Kfz-Meister Martin Tömel, versteht Kristin Neubert jedenfalls gut. Und wenn die Kommunikation zwischen beiden doch einmal etwas hakt, weichen sie auf Papier und Stift aus. Dann schreibt Martin Tömel seine Frage einfach auf und Kristin Neubert antwortet mündlich oder schriftlich. "Da sich auf der Arbeit manche Dinge auch immer mal wieder wiederholen, haben wir inzwischen schon ein paar Standard-Zettel in der Hinterhand", erläutert der 31-jährige Handwerksmeister, der in Wittgensdorf, einem Ortsteil von Kreischa, in zweiter Generation den Kfz-Betrieb Gustavs Autohof mit heute insgesamt 20 Mitarbeitern führt.

Alles außer Telefondienst

Seit vier Jahren gehört Kristin Neubert in Wittgensdorf zum Team. Die gelernte hauswirtschaftliche Helferin arbeitet in Teilzeit im Sekretariat. In der Rechnungs- und Auftragsvorbereitung ist sie ebenso im Einsatz wie bei der Ablage, der Retournierung von Produkten und ab und zu agiert sie sogar als Hol- und Bringe-Dienst für Kunden. "Sie macht fast alles – nur nicht den Telefondienst", sagt Martin Tömel anerkennend. "Und mir macht es Spaß", ergänzt die Mutter dreier Kinder.

Probearbeit als Chance

Dass es so gekommen ist, hat eine kleine Vorgeschichte, erzählt Martin Tömel: "Als wir im Unternehmen vor vier Jahren Verstärkung für das Sekretariat benötigten, hatte ich über meine Großmutter erfahren, dass Frau Neubert auf Jobsuche war." Und da sein Handwerksbetrieb auch früher schon unter der Regie seines Vaters, Bernhard Pochert, Menschen mit Behinderung oder Einschränkungen etwa durch Langzeitpraktika Chancen ermöglicht hatte, erhielt auch Kristin Neubert eine Einladung für eine Probearbeit. "Diese Probearbeit hat dann gut geklappt und wir haben mit Erfolg den Sprung ins kalte Wasser für eine Anstellung gewagt", sagt Martin Tömel rückblickend.

Lohnkostenzuschüsse und Gebärdensprachdolmetscher

Arbeitgeber können für die Anstellung von Menschen mit Behinderung Förderungen erhalten wie zum Beispiel Lohnkostenzuschüsse. Diese werden dann von der Arbeitsagentur bzw. dem Kommunalen Sozialverband Sachsen ausgezahlt – so soll die Inklusion gefördert werden. Auch im Falle von Kristin Neubert ist das so. Ihr Arbeitsplatz im Sekretariat hingegen hat keine besonderen Merkmale oder technischen Funktionen. "Wenn wir für einen größeren Dialog einmal besondere Hilfe brauchen, fragt Kristin Neubert beim Sozialverband einen Gebärdensprachdolmetscher an", berichtet Martin Tömel von einem weiteren Unterstützungsangebot.

KI als Hilfsmittel

Für sein außergewöhnliches Engagement in diesem Bereich ist der Handwerksbetrieb auch von der Bundesagentur für Arbeit ausgezeichnet worden. So erhielt Gustavs Autohof ein Inklusionszertifikat. "Wir möchten einfach Mut machen und zeigen, dass es mit der Inklusion klappen kann", sagt Martin Tömel angesprochen auf die Gründe für sein Engagement. Es seien schlicht sein Glaube und seine Erziehung, die ihn motivierten, Menschen mit Einschränkungen Chancen zu geben. Kristin Neubert zeigt, dass Inklusion gelingen kann. Jüngst war die 38-Jährige auf einem Seminar zum Einsatz von künstlicher Intelligenz. Sie glaubt, dass die KI ihr helfen kann, künftig schneller zu schreiben. Die Freitalerin hat also noch viel vor in ihrem Job.