Auf TikTok ist die AfD bislang der Platzhirsch unter den Parteien. Doch kurz vor der Europawahl werden die Karten neu gemischt. Andere Parteien entdecken das Netzwerk für sich. Auch die Regierung ist seit kurzem mit Karl Lauterbach, Olaf Scholz und Robert Habeck vertreten. Das hat einen guten Grund.

In rund sechs Wochen findet die Europawahl statt und bietet ein Novum. Erstmals dürfen schon Bürger ab 16 Jahren an den Wahlen teilnehmen. Für die Parteien bedeutet das ein zusätzliches Potenzial von etwa 1,4 Millionen Wählern, die es für sich zu gewinnen gilt.
Vor diesem Hintergrund wundert es nicht, dass TikTok in den vergangenen Wochen viel Zulauf aus der Politik erhalten hat. Jüngster Neuzugang ist Wirtschaftsminister Robert Habeck. Das soziale Netzwerk ist der Ort, an dem sich die Jugend heute am liebsten aufhält. Rund 21 Millionen deutsche Nutzer sind laut eigenen Angaben auf TikTok angemeldet. Darunter viele der Erstwähler.
Berührungsängste abgelegt
Laut Politikberater Martin Fuchs versuchten die Parteien auf den letzten Metern vor der Wahl in dem durchaus umstrittenen Netzwerk noch Boden gutzumachen. "Seit circa sechs bis sieben Wochen hat eine Veränderung der Wahrnehmung von TikTok stattgefunden. Ich beobachte eine massive Zunahme von Accounts von CDU/CSU, SPD, Grünen, FDP und Linke."
Sowohl Regierungsvertreter, Abgeordnete, Fraktionen als auch Sympathisanten der Parteien versuchten sich in Stellung zu bringen und ihre politischen Botschaften abzusenden. Martin Fuchs begrüßt diese Entwicklung grundsätzlich, wenngleich sie ziemlich spät komme. "Viele demokratische Akteure haben sich jahrelang hinter dem Argument der Datenunsicherheit und der moralischen Frage, ob man auf einer chinesischen App agieren sollte, versteckt. Diese Berührungsängste scheinen von einem auf den anderen Tag abgelegt zu sein."
AfD erreicht mit jedem Video Hunderttausende Menschen
Bislang galt TikTok vor allem als politische Spielwiese der AfD. Während die etablierten Parteien nach der Einschätzung des Politikexperten den digitalen Raum jahrelang massiv unterschätzt haben, nutzten Populisten wie die AfD dieses Vakuum für sich und besetzten TikTok erfolgreich mit ihren Inhalten. Wie weit die Partei den anderen dort voraus ist, belegt eine Studie des Politikberaters Johannes Hilje (siehe rechts).
Demnach erreicht die AfD im Durchschnitt knapp 460.000 Aufrufe pro Video. Die anderen Parteien kommen lediglich auf einen Bruchteil dieser Zahlen. Ein AfD-Politiker, der in der Vergangenheit besonders erfolgreich auf TikTok agierte, ist Maximilian Krah. Er gilt als einer der radikalsten Vertreter seiner Partei und tritt als ihr Spitzenkandidat für die Europawahl an. Mit Aussagen wie "echte Männer sind rechts" geht er im sozialen Netzwerk auf Stimmenfang. Aktuell steht er wegen Spionagevorwürfen gegen einen seiner Mitarbeiter massiv in der Kritik.
Auf TikTok ging sein Konzept lange Zeit auf. Hunderttausende und manchmal sogar mehr als eine Million Nutzer schauten sich seine polarisierenden Videos an. Doch inzwischen lässt das Netzwerk, das Politiker in den USA verbieten wollen, ihn nicht mehr uneingeschränkt gewähren. TikTok wolle Desinformationen vor der Europawahl gezielt bekämpfen und für verlässliche Informationen sorgen, heißt es vom Unternehmen. In der Konsequenz sind die Aufrufe von Krahs Videos auf wenige tausend zurückgegangen.
Verschenktes Potenzial
Doch richtig davon profitieren können die anderen Parteien bislang noch nicht, analysiert Martin Fuchs. "Ich beobachte ein ziemlich aktionistisches und teilweise kopfloses Vorgehen vieler Akteure." In den ersten Videos der Neuankömmlinge auf TikTok sei wenig Strategie und Konzept zu erkennen. "Da wird leider sehr viel Potenzial verschenkt."
Zudem sei es nach Einschätzung des Politikberaters zu wenig, sich an der AfD abzuarbeiten, auch wenn dies kurzfristig Viralität und Aufmerksamkeit erzeuge. "Demokratische Parteien müssen jetzt eigene Themen setzen." Es gelte, ein positives inhaltliches Angebot zu vertreten, wie sie Deutschland aus der Krise holen und was man gegen die Ängste und den Unmut der Bevölkerung tue. "Also klare Lösungsvorschläge", betont Fuchs.
Um im Hinblick auf die Europawahl in dem sozialen Netzwerk Wähler zu gewinnen, müssten die Themen zudem maximal emotional aufbereitet werden und den Logiken der TikTok-Dynamik und des Algorithmus genügen. Dabei sollten die Parteien jedoch darauf achten, sachlich zu bleiben und nicht ins Populistische abzugleiten. Martin Fuchs bewertet für die DHZ, wie sich Spitzenkandidaten der Europawahl auf TikTok präsentieren:
TikTok-Präsenz der Spitzenkandidaten zur Europawahl im Check
Katarina Barley, SPD
"Von allen Spitzenkandidaten am längsten auf TikTok dabei. Viele Videos, viel starke Inhalte, aber wenig Impact. Mittlerweile sind Videos besser auf Kultur von TikTok abgestimmt und ziehen Nutzer besser in die Inhalte, aber vieles wirkt noch etwas gewollt und wenig authentisch. Gegebenenfalls müsste Barley anders auf dem Account inszeniert werden."
Marie-Agnes Strack-Zimmermann, FDP
"Ist innerhalb weniger Tage zu einer sehr erfolgreichen Kultmarke auf TikTok avanciert. Sehr gut gemachte Videos, sehr dialogorientiert, selbstironisch, frech, aber fair in der Kritik. Und Inhalte kommen nicht zu kurz. Extrem gut produziert von Leuten für Verständnis für die TikTok-Kultur. Viele Aufrufe, ein Gewinn für die politische und demokratische Seite von TikTok."
Ursula von der Leyen, CDU
Die Präsidentin der EU-Kommission und Spitzenkandidatin der CDU will erneut für den höchsten Posten der EU kandidieren. Sie selbst ist bislang nicht auf TikTok präsent. Inhalte können über den neuen Kanal der Union ausgespielt werden, der seit Dezember 2023 aktiv ist. Das gilt auch für CSU-Spitzenkandidat Manfred Weber.
Terry Reintke, Die Grünen
"Seit Ende 2022 nicht mehr auf TikTok aktiv, davor durchaus erfolgreich. Sehr informationsstark, europäisch ausgerichtet, nicht unbedingt nur deutsche Zielgruppe." Kurz vor der Europawahl wollen die Grünen mit einem neuen Kanal wieder auf TikTok präsent sein, wie die Partei kürzlich bekannt gab.
Carola Rackete, Die Linke
"Erst mit wenigen TikToks seit Januar vertreten. Bisher nicht wirklich tik-tokige Inhalte, schlecht produziert, wenig Mehrwert, aber durchaus authentisch. Aktuell aber noch mit wenig Resonanz. Keine große Kontinuität und eigene Formate erkennbar."
Maximilian Krah, AfD
"Polarisierend, zugespitzt und polemische populistische Inhalte, die dazu geführt haben, dass TikTok den Account für 90 Tage shadowbanned hat. Aber auch extrem anschlussfähig in rechter Blase. Unter anderem auch, weil er im Stile von Influencern agiert und Nutzer direkt anspricht, auf Augenhöhe."
Fabio de Masi, Bündnis Sahra Wagenknecht
Das Bündnis Sahra Wagenknecht tritt erstmals bei der Europawahl an. Die Spitzenkandidaten Fabio de Masi (Foto) und Thomas Geisel sind nicht mit eigenen Konten bei TikTok aktiv. Präsent ist jedoch Parteivorsitzende Sahra Wagenknecht, die mehr als 315.000 Follower zählt.
Martin Schirdewan, Die Linke
"Sehr konventionelle Videos, die eher auf andere Plattformen passen würden, wenig tiktok-like Inhalte, wenig Dynamik, wenig Emotionen, wenig Dramaturgie für die Inhalte. Damit auch bisher wenig Sichtbarkeit und Viralität. Account sendet unter dem Aufmerksamkeitslevel der Nutzer."
Christine Singer, Freie Wähler
Die Freien Wähler schicken Christine Singer als Spitzenkandidatin für die Europawahl ins Rennen. Die Bäuerin, die sich auch in der Landfrauengruppe des Bayerischen Bauerverbandes engagiert, ist nicht auf TikTok zu finden. Insgesamt ist die Partei wenig präsent im Netzwerk.
Das Stimmrecht ist ein hohes Gut
Erstmals dürfen 16-Jährige bei der Europawahl ihre Stimme abgeben. Befürworter begründen, dass sich durch den demografischen Wandel das Stimmengewicht zulasten der Jüngeren verschoben habe. Zudem tue es der Demokratie gut, wenn junge Menschen frühzeitig in politische Entscheidungen einbezogen würden. Diese Argumente wirken durchaus schlüssig.
Doch es gibt auch gute Gründe, die dagegen sprechen. Ein Minderjähriger gilt vor dem Gesetz als nicht voll geschäftsfähig. Es steht ihm deshalb nicht zu, selbstständig ein Konto bei der Bank zu eröffnen, einen Handyvertrag abzuschließen oder Zigaretten zu kaufen. Zu Recht kann und darf von einem 16-Jährigen nicht die menschliche Reife erwartet werden, solch verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.
Genauso verantwortungsvoll sollte auch mit dem Stimmrecht umgegangen werden. Schließlich geht es um nicht weniger als die Zukunft Europas.
