Wer eine gute Freundin oder einen guten Freund am Arbeitsplatz hat, geht jeden Tag mit Freude zur Arbeit. Schwierig wird es bei Freundschaften über Hierarchien hinweg. Chefs aus dem Handwerk berichten, wie ihnen dieser Spagat gelingt.

Mit den Mitarbeitern nach Feierabend noch ein Bierchen trinken oder sich in der Freizeit verabreden – für viele Chefs im Handwerk ist das üblich. Ein freundschaftliches Verhältnis zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern kann das allgemeine Wohlbefinden und die Produktivität des Betriebs steigern. Doch der Spagat zwischen Freundschaft und der Machtposition auf der Arbeit gelingt nicht immer.
Experten wie der Psychotherapeut Wolfgang Krüger sagen sogar: "Freundschaft verträgt keine Machtposition." Vielmehr entstehen Konflikte, weil eine Führungskraft möglicherweise Entscheidungen treffen muss, die dem befreundeten Untergebenen nicht gefallen.
Wann Freundschaften zwischen Chef und Mitarbeiter trotzdem funktionieren können und wann nicht, darüber berichten im Folgenden einige Leser der Deutschen Handwerks Zeitung. Die Beispiele zeigen, worauf es ankommt:
1. Freundschaftliche Betriebskultur muss sich langsam entwickeln
Alexander Eder ist Chef eines SHK- und Metallbaubetriebs in Roding bei Regensburg. Er pflegt ein freundschaftliches Verhältnis zu seinen Mitarbeitern. Und auch untereinander verstehen sich die 30 Kollegen gut. "Es war aber ein hartes Brot, diese Kultur so zu entwickeln", sagt Eder. Es habe einige Jahre gedauert, bis er eine Truppe zusammenhatte, die so gut harmoniert. Neue Mitarbeiter werden mittlerweile aus den Freundeskreisen seiner Belegschaft gewonnen, was dem guten Betriebsklima zugutekomme.
"Ich bespreche alle Themen offen mit meinen Mitarbeitern. Zum Beispiel habe ich gefragt, ob wir eine Vier-Tage-Woche einführen sollen. Weil meine Mitarbeiter nein gesagt haben, sind wir bei einer Fünf-Tage-Woche geblieben. Ich habe das respektiert", sagt Eder.
Die Position des Chefs sei trotzdem wichtig. Man dürfe nicht unterschätzen, dass die Mitarbeiter eine Führungsperson brauchen. Trotz des freundschaftlichen Umgangs verlangen die Mitarbeiter nach einem Chef, der die Richtung vorgibt, sagt Eder.
2. Kritikfähigkeit bei Freunden besonders wichtig
Daniel Oeser hat insgesamt positive Erfahrungen mit der Freundschaft zu seinen Mitarbeitern gemacht. Er hatte viele Freunde und sogar seinen ehemaligen Ausbilder bei sich in der Backstube in der Nähe von Gera angestellt. Als ehemals selbstständiger Bäcker kennt er verschiedene Mitarbeitertypen und sagt: "Es kommt darauf an." Der Mitarbeiter muss trotz Freundschaft kritikfähig sein. "Als Chef muss ich Kritik anbringen dürfen und der Mitarbeiter muss es annehmen können." Man müsse sich vor der Einstellung überlegen, ob der Charakter des Mitarbeiters zum Betrieb passt. Wenn man sich vorher schon kennt, geht das umso besser.
3. Lockerer Führungsstil kann Freundschaften begünstigen
Ein Patentrezept, wie eine Freundschaft zwischen Chef und Mitarbeiter klappen kann, das hat auch Martin Vögel nicht. Aber für ihn ist ein offener Führungsstil ausschlaggebend. Der SHK-Handwerker leitet einen 30-Mann-Betriebe bei Immenstadt. 80 Prozent seiner Beschäftigten sind 31 Jahre oder jünger. Er hat viele ehemalige Azubis übernommen und in den vergangenen Jahren vor allem jüngere Mitarbeiter eingestellt.
Vögel vertraut seinen Mitarbeitern und lässt sie viele Schritte auf den Baustellen alleine regeln. Die Mitarbeiter organisieren sich selbst und lernen so, Verantwortung zu übernehmen. "Ich habe die Erfahrung gemacht, dass sich Mitarbeiter, mit denen ich gut befreundet bin, mehr für den Betrieb einsetzen. Die bringen eigene Ideen ein und das stärkt unseren Betrieb", sagt Vögel.
Die freundschaftliche, lockere Unternehmenskultur reicht auch in den Feierabend hinein. Regelmäßig säßen Chef und Mitarbeiter noch im Brotzeitraum gemütlich beisammen. Außerdem sei es in der ländlichen Gegend ganz normal, dass man sich auch am Wochenende mal auf einem Dorffest begegne. "Ich will nicht, dass meine Mitarbeiter sagen 'Oh, da ist der Chef, der darf uns hier nicht sehen'".
Grenzen sieht Vögel dann, wenn Mitarbeiter den lockeren Führungsstil ausnutzen. Das sei bei ihm zum Glück noch nicht passiert. Um möglichen Konflikten vorzubeugen, achtet er schon bei der Einstellung neuer Mitarbeiter auf den Charakter. "Das Betriebsklima ist uns sehr wichtig und wenn wir die Wahl haben, dann ist der Charakter auch ausschlaggebend beim Bewerbungsgespräch."
4. Trotz Freundschaft muss klar sein, wer Chef ist
Heike Wölfl hat in Zwickau eine zehn Jahre jüngere Kollegin ausgebildet – daraus ist eine enge Freundschaft entstanden. "Unsere Interessen waren dieselben und wir haben viel gemeinsam unternommen."
Die Friseurin hat ihre Kollegin und Freundin dabei unterstützt, genau denselben Weg zu gehen, wie sie selbst. Sie hat sie vom Gesellenbrief zum Meisterbrief hin zur Selbstständigkeit begleitet. Irgendwann wurden die beiden von Kunden und Kollegen als Einheit gesehen – so sehr, dass von Heike und Sophies Friseurladen gesprochen wurde (der Salon heißt eigentlich Haarschwung).
Trotz der Freundschaft hat sie der Mitarbeiterin aber immer kommuniziert: Sie ist die Chefin und hat das Sagen. Bei privaten Treffen gab es diese Unterscheidung allerdings nicht – hier waren beide auf gleicher Ebene.
Wölfl glaubt, dass es stark personenabhängig ist, ob eine Freundschaft mit dem Mitarbeiter klappt. "Ich habe meiner Freundin aber auch gesagt: 'Wenn ich Dir blind vertrauen kann, werde ich Dich immer pushen.'" Geholfen habe, dass die Mitarbeiterin ehrlich kommuniziert hat, wenn sie etwas nicht wollte.
Wölfl rät bei Freundschaften im Team aber trotzdem: "Man darf nicht den Überblick über sein eigenes Geschäft verlieren." Gerade bei größeren Teams könnten Freundschaften zu Schwierigkeiten führen, weil zu viele Personen involviert sind.
5. Respekt gegenüber dem Chef darf nicht verloren gehen
Dass eine Freundschaft auf der Arbeit nicht immer funktioniert, diese Erfahrung hat Sabine Eichner gemacht. Die Inhaberin eines Friseursalons in Bayreuth hatte eine Freundin eingestellt. Sie hatte klar kommuniziert: "Privat und geschäftlich wird bei mir getrennt. Sobald Du den Laden betrittst, bin ich Deine Vorgesetzte." Leider hat das nicht gut geklappt.
Laut Eichner habe die ehemalige Freundin immer wieder Anweisungen ignoriert und es gab auch mal patzige Antworten – und das sogar vor den Kundinnen und Kunden. Gab es zum Beispiel eine Reklamation und Eichner hat dies angesprochen, habe sich die Mitarbeiterin angegriffen gefühlt. Das Ganze sei schließlich vor dem Arbeitsgericht geendet.
"Ich bin letztlich noch einmal mit einem blauen Auge davongekommen. Ich rate aber trotzdem: Lasst Eure Freundschaften sein und holt Euch keine Bekannten ins Boot. Sobald sich die Routine einschleicht, werden sich Freiheiten genommen und alles wird locker gesehen", sagt Eichner. Und am Ende ist nicht nur das Arbeitsverhältnis, sondern auch die Freundschaft kaputtgegangen.
Das habe die Friseurin zusätzlich emotional stark mitgenommen. "Ich habe in dieser Zeit fünf Kilo abgenommen", erzählt Eichner. Ihr Tipp an andere Handwerkschefs: "Gerade im Handwerk herrscht eine große Freiheit, viele reden sich mit dem Vornamen an. Ich rate aber trotzdem dazu, sich zu siezen. Das schafft noch einmal eine gewisse Distanz bzw. Respekt gegenüber dem Vorgesetzten."
Mit Inhalten der dpa