Die Glockengießerei Rincker existiert seit 1590 und ist seither immer im Familienbesitz geblieben. Mittlerweile in 14. Generation werden noch immer klangvolle Glocken mit einem Verfahren wie vor 400 Jahren gegossen. Eine kleine Zeitreise ins traditionelle Handwerk.

Es ist ein verregneter Freitagvormittag im Dezember in Sinn, einer Gemeinde im hessischen Lahn-Dill-Kreis bei Gießen. Hier liegt die Glockengießerei Rincker, Europas älteste Glocken- und Kunstgießerei. Betritt man den Hof, wird man von einer grünlich angelaufenen Jesusfigur mit offener Geste begrüßt. Daneben hängt an einer Aufhängung aus altem Holz eine gleichfarbige Glocke. Dazwischen ist an der weißen Fassade der Schriftzug "Rincker – seit 1590" angebracht.
Davor steht der 64-jährige Hanns Martin Rincker, die 13. Generation des Familienbetriebs, und erzählt, wie das Handwerk früher ausgeübt wurde. Er leitet gemeinsam mit seinem Bruder die Gießerei, die seit der Gründung im Familienbesitz liegt. Während eine kalte Brise über den Hof weht, berichtet er, dass die Glocken früher vor Ort gegossen wurden und lange Reisen zum Handwerk dazu gehörten. "Sogar in Kirchen wurde gegossen, wenn die noch nicht geweiht waren", erzählt er und grüßt mit einer kurzen Handbewegung ein vorbeifahrendes Auto. Lauscht man den passionierten Erzählungen, wird schnell klar: Ihm liegt Glockengießen im Blut.
Betritt man das Gebäude, steht man in einem hölzernen Treppenhaus vor einem kleinen Empfang, rechts eine schwere Tür und daneben eine Treppe, die nach oben führt. Bei jedem Schritt knarrt der Boden, sonst herrscht Stille. Hinter der schweren Tür liegt ein Gang, an dessen Wände alte Zeitungsartikel und Flyer über die gefertigten Glocken und die Gießerei hängen. Ein tiefes Pfeifen und Röcheln dringt in den Gang, das mit jedem Schritt lauter wird. Beim Betreten der riesigen Gießereihalle offenbart sich der Ursprung des nun ohrenbetäubenden Lärms. Der Blick fällt direkt auf einen riesigen Schmelzofen im Zentrum der Halle. Aus Löchern oben am Kopf und an den Seiten lodern Flammen aus ihm heraus. Durch ein geöffnetes Tor strömt kalte Winterluft hinein, doch die Hitze, die vom Ofen ausgeht, ist stärker. Es riecht nach Holzkohle und erinnert an ein Lagerfeuer.
Nachhaltige Glocken für die Ewigkeit
Die Vorbereitung für den Guss zweier Glocken ist im vollen Gange. Hanns Martin Rincker erklärt, dass die eigentliche Arbeit für den Guss bereits vor 8 Wochen startete, mit der Erstellung der Gussform. Im hinteren Teil der Halle ist es zwar nicht ruhiger, doch über den Lärm des Ofens hinweg erklärt Rincker die Vorarbeit. Das Lehm-Schablonen-Verfahren, mit dem die Gussform einer Glocke erstellt wird, hat eine lange Tradition, die den Test der Zeit bestanden hat. "Unsere Glocken sind über viele Jahrhunderte haltbar", betont Rincker. Die verschiedenen Stadien beim Erstellen der Gussform veranschaulicht er an einem Modell, bestehend aus dem inneren Lehm-Kern, der mit einer Holzschablone aufgetragenen "Falschen Glocke" – das ist eine Modellglocke aus feinen Lehmschichten – und dem Mantel aus speziellem Formlehm. Auf der falschen Glocke werden aus Wachs gefertigte Verzierungen aufgebracht, die Abdrücke im Mantel hinterlassen und die anschließend einfach herausgeschmolzen werden.
"Neunzig Prozent des Glockengusses werden recycelt", ruft Rincker stolz über den Lärm und zeigt auf die Berge von alten Mänteln und Teilen von falschen Glocken. Falsche Glocken, die Mäntel und Kerne und sogar die Glockenbronze, die bei einem Guss übrigbleibt, und misslungene Glocken werden aufgehoben, eingeschmolzen und beim nächsten Guss wiederverwendet.
Mit Helm und Visier, feuerfesten Handschuhen und einem langen Stab bewaffnet nähert sich einer der Mitarbeiter dem brodelnden Ofen. Vorsichtig stößt er Metallbarren in seinen hungrigen Schlund, aus dem noch immer Flammen in die Höhe züngeln. Die Glocken werden in einer reinen Kupfer-Zinn-Legierung, auch Glockenbronze genannt, hergestellt. Dabei wird erst Kupfer in einem langen Verfahren geschmolzen und ganz zum Schluss Zinn dazu gegeben. Das flüssige Metall wird später in die bereits im Boden vergrabene Gussform gegossen. Die Form ist deswegen vergraben, damit diese bei den enormen Temperaturen und dem hohen Druck standhält. Bis es so weit ist, wird es allerdings noch dauern.
In einem kleinen Raum hinter der Gießereihalle stapeln sich in hohen Regalen, die über die Hälfte der Wand gehen, Unmengen an Schablonen für die verschiedensten Schriftarten. Der Raum ist durch eine Fensterfront hell erleuchtet und in der trockenen Luft liegt der Geruch von altem Wachs. Hier werden Schriftzeichen und anderen Verzierungen in Wachs gefertigt, die nach dem Guss auf der Oberfläche der Glocke zu sehen sind. Schriften sind das Spezialgebiet von Hanns Martin Rincker. Schablonen für Sonderaufträge, wie handschriftliche Beschriftungen, erstellt er noch selbst. Ansonsten hat er sich weitestgehend zurückgezogen und verbringt viel Zeit in seinem Büro.
Das Handwerk wird zur Vorstellung

In der vorher menschenleeren Gießereihalle haben sich mittlerweile viele Menschen aus den Gemeinden der Nachbarstadt Dillenburg versammelt, für die an diesem Tag zwei Glocken gegossen werden. Zu dem Pfeifen und Röcheln des Ofens mischt sich ein Stimmengewirr der angereisten Zuschauer. Auch ein Pfarrer in religiösem Gewand ist unter ihnen. Gespanntes Warten auf den Beginn des Gusses, alle Augen sind auf den arbeitenden Ofen in der Mitte der Halle gerichtet.
Dann ist es so weit. Die Glockenbronze hat die Temperatur von 1150 Grad erreicht, der Ofen wird ausgeschaltet. Die plötzliche Ruhe hinterlässt ein Dröhnen in den Ohren. Schwarze Rußpartikel fliegen durch die Luft. Der Pfarrer durchbricht die Stille und beginnt die Segnung des Gusses. Nach einem Gebet gibt Fritz Georg Rincker, der Bruder von Hanns Martin, der die heutige Gussleitung übernimmt, diesen frei. Ein letztes Mal für das Jahr wird der Ofen nach vorne gekippt. Das heiße, leuchtend gelbe Metall, das flüssiger Lava ähnelt, fließt über eine Rinne in die in der Erde verborgenen Gussformen. Eine unbeschreibliche Hitze brennt auf der Haut und das plätschernde Geräusch des flüssigen Metalls erinnert an heißes Fett in einer Pfanne.
Nach nicht mal zehn Minuten läuft nur noch ein dünnes Rinnsal aus dem Ofen und die Hitze ebbt ab. Der Guss ist vorbei, die Vorstellung noch nicht. Fritz Georg Rincker richtet das Wort nach einem weiteren Gebet an die Zuschauenden: "Der Guss heute ist besonders, da wir Glocken für die Heimat gegossen haben."
Für die frisch gegossenen Glocken heißt es nun abkühlen. "Am Montag werden die Formen ausgegraben, damit die Hitze besser entweichen kann", erklärt Fritz Georg. Insgesamt dauert es mindestens zwei Wochen bis zur vollständigen Abkühlung und der Befreiung der Glocken aus dem Lehm. Erst dann wird sich mit dem ersten Glockenschlag herausstellen, ob sich die ganze Mühe gelohnt hat und der Ton der Glocken stimmt. Das Ohr eines passionierten Glockengießers, wie das von Hanns Martin Rincker, erkennt sofort die kleinsten Nuancen im Klang.
Dieser Beitrag ist im Rahmen eines Reportage-Projekts des Master-Studiengangs Fachjournalismus und Unternehmenskommunikation an der Technischen Hochschule Würzburg-Schweinfurt entstanden. Die Deutsche Handwerks Zeitung ist Kooperationspartner für dieses Seminar.