Das Atelier von Hut Konrad ist eine Kreativzentrale für Menschen, die ein Faible für Mode und Design, Handwerk und Kunst haben. Auch Modistin Laura Marie Bette fühlt sich hier am richtigen Platz. Mit ihren drei Gesellenstücken legte sie den Grundstock für die Deutsche Meisterschaft. Der Start ins Handwerk begann eher zufällig.

Ein angenehmer Klingelton begleitet beim Eintreten in das stilvolle Geschäft, fußläufig zum Paradeplatz in Mannheim gelegen. Liebhaber einer gepflegten Kopfbedeckung finden hier alles, was das Herz begehrt: Hüte, Caps und Mützen, von lässig bis elegant, für Damen und für Herren, bunt gemischt für jeden Anlass und in sämtlichen Farben. Das Herz des kleinen Ladens schlägt aber über dem Verkaufsraum. Dort liegt das Atelier von Hut Konrad. Und dort ist Handwerkskunst zu Hause wie sie seit Jahr und Tag gepflegt wird. Drei Jahre hat Modistin Laura Marie Bette hier gelernt. Heute ist sie Gesellin. Und mehr noch: Sie ist Bundessiegerin der Deutschen Meisterschaft im Handwerk. Dass sie das einmal erreichen würde, hätte sie selbst "nie" gedacht.
Öffentlichkeitswirksame Auszeichnung
Erst im Dezember war sie in Berlin, um sich Pokal und Urkunde für ihre Leistung abzuholen. "Ein tolles Erlebnis", wie sie erzählt. "Preisträger aus so vielen verschiedenen Handwerksberufen kennenzulernen, sich auszutauschen, netten Menschen zu begegnen – das war einfach schön." All diese netten Menschen haben etwas gemeinsam: Sie lieben ihr Handwerk und hatten Spaß daran, sich im Wettkampf zu messen. Ganz nebenbei schufen sie damit auch ihren Berufen eine öffentlichkeitswirksame Bühne. Die "German Craft Skills", wie die internationale Namensergänzung zur Deutschen Meisterschaft im Handwerk offiziell lautet, hat nämlich das Zeug, Presseinteresse auf sich zu ziehen. Optimal also, um das Handwerk in seiner Vielfalt, Besonderheit und Leistungsstärke darzustellen. Überhaupt: Um Handwerk und seine Möglichkeiten zu zeigen.
Kreative Ader
Keine fünf Jahre ist es her, da war Laura Marie Bette selbst noch eine Suchende. "Ich wusste nach dem Abitur nicht, was ich werden wollte", sagt die 22-Jährige. Ein an den Abschluss beim Carl-Friedrich-Gauß-Gymnasium in Hockenheim angehängtes Freiwilliges Soziales Jahr brachte lediglich Klarheit darüber, was es auf keinen Fall sein sollte. Was blieb, war eine immer schon gelebte kreative Ader und das Interesse an handwerklicher Arbeit. "Eigentlich war es dann ein Zufall, dass es auf die Ausbildung zur Modistin hinauslief", lächelt sie. Ihre Mutter hatte die Anzeige entdeckt, dass Hut Konrad neue Auszubildende sucht. "Die Begeisterung kam beim Praktikum", so die junge Frau aus Ketsch. "In dieser einen Woche habe ich gemerkt, dass Hüte zu machen genau das ist, was ich will."
Kleines Nischen-Handwerk
Seitdem eröffnete das kleine Atelier oberhalb des Ladengeschäfts in C1, 8, eine faszinierende Welt der tausend Möglichkeiten. Eine Treppe führt direkt vom Geschäft aus dorthin. Es ist die Kreativzentrale für Menschen, die ein Faible für Mode und Design, Handwerk und Kunst haben. So wie Laura Marie Bette. Und wie ihre Chefin und Ausbilderin Isabel Jakel.

Vor elf Jahren hat sie die Nachfolge in dem Mannheimer Traditionsgeschäft übernommen. Ihre Leidenschaft für Kopfbedeckungen lebt auch sie seit ihrer Ausbildung, die der Schritt zur Meisterin im Jahr 2009 komplettierte. Dass ein Nischen-Handwerk wie das des Modisten Bestand und Zukunft hat, ist für Isabel Jakel gar keine Frage. Selbst, wenn auch sie die aktuellen Herausforderungen spürt, vor denen das Handwerk generell steht. Beispielsweise im Bereich der Nachwuchskräfte. "Es ist nicht leicht, Auszubildende zu finden", sagt sie. "Ich habe immer sehr wenige Bewerbungen und hoffe jedes Mal innigst, dass ich jemand Passendes finde." Diesmal hat es wieder geklappt. Nach Laura Marie Bette ist schon wieder eine neue Auszubildende angestellt. Ein bisschen komme es auch darauf an, "wie wir unser Handwerk vertreten und was wir in der Ausbildung bieten", sagt sie.
Wichtig: die Unterstützung der Eltern
Bundessiegerin Laura Marie Bette hat jedenfalls keine Sorge, dass ihr Beruf eines Tages nicht mehr gebraucht werden könnte. "Die Sommer werden immer wärmer und im Winter ist es kalt – man braucht immer einen Sonnenschutz oder was Warmes über die Ohren", sagt sie, wobei der Hauptumsatz bei Hut Konrad mittlerweile im Sommer gemacht wird. Von anderen Azubis hat sie während ihrer Lehrzeit aber doch gehört, dass nicht alle Elternhäuser die handwerkliche Berufswahl ihrer Kinder mit Freude begleiten. "Bei manchen hieß es wohl ‚Um Himmels Willen!‘", erzählt sie. "Ich habe dieses Problem nie gehabt. Meine Eltern haben mich immer sehr in meinen Entscheidungen unterstützt – und meine Oma war sowieso hin und weg!" Daraus spricht der Stolz auf den Weg der Enkelin, aber vielleicht auch die Sichtweise einer anderen Generation. "Meine Oma hat immer Hut getragen", erinnert sich die junge Gesellin. Doch auch, wenn die Zeiten vielleicht passé sind, in denen kein Mensch ohne Kopfbedeckung das Haus verließ, weil es einfach zum guten Ton gehörte, so bleiben Anlässe zuhauf, in denen noch heute Hut, Mütze und Kopfschmuck unerlässlich sind. Wie sehr die Arbeit damit verändert, hat Laura Marie Bette im Laufe der Zeit selbst festgestellt. "Man probiert sich einfach aus und entwickelt seinen eigenen Stil", sagt sie. "Heute trage ich auch praktisch jeden Tag Hut."
Drei Gesellenstücke und das Fachgespräch überzeugten
Wie sollte es auch anders sein, wenn Handwerkskunst das Leben bestimmt. Oben, im Atelier, probiert sie ein Band für den Hut einer Kundin aus. Es ist dieser Mix aus Formen, Farben und Materialien, dieses Spiel mit Details und handwerklicher Präzision, die beeindruckt. Allein schon der Blick in die Werkstatt wirkt ansteckend. Eine ganze Wand entlang reiht sich Holzform an Holzform, Stoffe mit verschiedensten Strukturen und Haptiken liegen zur Verarbeitung bereit, Nähgarne in allen Farben warten auf den Einsatz. Auch für die Gesellenprüfung durfte die 22-Jährige hier aus dem Vollen schöpfen und so den Grundstein für ihren Sieg bei der Deutschen Meisterschaft im Handwerk legen. Denn die drei Gesellenstücke flossen nebst Fachgespräch in die Bewertung beim Wettbewerb ein. Alles war überzeugend. Der außergewöhnliche, seitlich eingeschnittene Strohhut in einem hübschen Fliederton mit dunklen Lilaakzenten ebenso wie die asymmetrische, mehrteilig gearbeitete Stoffkappe im Oversize-Look und der zur Nacharbeit vorgegebene Glockenhut aus Filz. "Mir war es wichtig, dass alle Stücke gut zusammenpassen", sagt die Deutsche Meisterin im Handwerk. Farben und ein den 20er-Jahren angelehnter Look wurden zum verbindenden Element, durch das dieser Anspruch gelang.
Auch im Handwerk wird hart trainiert
Eigentlich hätte auch Laura Marie Bette beim Wettbewerb gerne weitergemacht. Denn in einigen Gewerken geht es nach den "German Craft Skills" weiter mit den "EuroSkills" und "WorldSkills". Viele hätten nach der Preisverleihung in Berlin gleich mit dem "Training" begonnen. Hört sich komisch an, wenn das "Workout" nicht mit Sport verbunden ist. Meint aber das Gleiche: "Man will einfach seine Techniken perfektionieren, sich bewusst machen, worauf es ankommt. Dafür muss man üben, üben, üben", erklärt die Modistin. Für sie war nach dem Bundesentscheid in Sachen Wettbewerb dennoch Schluss. Ihr Beruf war auf internationalem Niveau nicht mehr vertreten.
Doch auch ohne Wettbewerb geht es für Laura Marie Bette weiter und weiter. Stehenbleiben und sich auf dem Abschluss als Gesellin auszuruhen, komme jedenfalls nicht in Frage. Vielleicht folgt die Weiterbildung zur Meisterin, vielleicht ein Studium in Modedesign und Textil, vielleicht ist auch die Arbeit am Theater eine Option. Die Vielfalt an Möglichkeiten im Handwerk öffnen viele Tore und Pforten. Eines steht für Laura Marie Bette jedenfalls fest: "Ich werde der Modisterei treu bleiben", sagt sie.