Tischlergeselle Emil Friedländer sammelt in einer Möbelwerkstatt in Oslo Auslandserfahrung. Er lernt zwar fleißig Norwegisch – aber auch ohne Sprache versteht er sich mit seinen Kollegen im hohen Norden. Und die haben eine hohe Meinung vom deutschen Handwerk.

"Tischlern verbindet – auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprechen. Wir verstehen uns über das Handwerk", sagt Emil Friedländer. Seit knapp drei Monaten arbeitet der 24-Jährige in einer Möbelwerkstatt im Zentrum von Oslo. Schon jetzt ist sich der Dresdner Tischlergeselle sicher, dass er seinen von Erasmus Plus geförderten Auslandsaufenthalt auf ein ganzes Jahr verlängern möchte. Ursprünglich wäre der Tischler im Dezember nach Dresden zurückgekehrt – von seiner neuen Wahlheimat hat er aber noch nicht genug.
Individueller Möbelbau
Sein Arbeitgeber in der norwegischen Hauptstadt ist auf den Bau von individuellen Möbeln und personalisierten Innenausbaukonzepten spezialisiert. Aber auch eine Restaurierungswerkstatt gehört zu dem Handwerksbetrieb, der von zwei Brüdern geführt wird. "Bei unseren Aufträgen handelt es sich um Maßanfertigungen aus Plattenwerkstoffen oder Massivholz", berichtet Emil Friedländer. Seit seiner Ankunft im August konnte er bereits eigene Projekte umsetzen und z. B. einen Tisch aufarbeiten oder einen Wandschrank fertigen. Auch auf Montage war er bereits für den Betrieb tätig. Gespannt ist der Dresdner auf ein neues Projekt in Oslo: "Wir arbeiten aktuell am Ausstellungsausbau für ein historisches Museum, das ist für mich das erste Mal."
Viele deutsche Maschinen
In Norwegen fällt dem 24-Jährigen auf, dass Tischler aus Deutschland unter den Handwerkern aus Norwegen einen guten Ruf haben: "Von meinen Kollegen werde ich oft gefragt, wie wir das in Deutschland machen würden, und hier gibt es auch viele deutsche Maschinen, die sehr geschätzt werden", erzählt er. Überrascht war er, dass in der Tischlerei viele norwegische Begriffe den deutschen ähneln.
Kürzere Arbeitswoche
Im Unterschied zu Deutschland ist seine Arbeitswoche in Oslo etwas kürzer: In Norwegen ist die 37,5-Stunden-Woche üblich. "Da bleibt etwas mehr Zeit, um die skandinavische Natur zu genießen. Der Wald geht direkt hinter dem Haus los", sagt Emil Friedländer. Mit seinen Kollegen hat er sich z. B. auch angeschaut, wie in einem Freilichtmuseum einzelne Häuser entstehen.
Hobelbank im Kinderzimmer
Sein Interesse am Tischler-Handwerk wurde schon in seiner Kindheit geweckt: "Mein Patenonkel war Tischler und in meinem Kinderzimmer hatte ich sogar eine Hobelbank stehen", erzählt der Dresdner. Nach einem Betriebspraktikum in den Deutschen Werkstätten Hellerau in der 9. Klasse stand sein Ausbildungswunsch dann fest. Nach dem Abitur erlernte Emil Friedländer sein Handwerk in der Restaurierungswerkstatt historischer Möbel und Holzobjekte Olaf Ehrhardt in Dresden.
Blick über den Tellerrand
Nachdem er im Sommer seine Ausbildung erfolgreich abgeschlossen hatte, stand für ihn fest, dass er ins Ausland reisen möchte. Auf Norwegen fiel die Wahl, da das Land schon einmal sein Urlaubsziel gewesen ist und es noch viel zu entdecken gab. Anderen Handwerkerinnen und Handwerkern empfiehlt er den Blick über den Tellerrand: "Die Erfahrung, die man im Ausland sammelt, kann einem keiner nehmen. Ich kann es jedem empfehlen!", so der Tischler.