Spezialkomponenten für den guten Klang "Wir sind die verlängerte Werkbank der Orgelbauer"

In einem Drittel aller Orgeln weltweit ist mindestens ein Teil der Otto Heuss GmbH verbaut. Der Handwerksbetrieb ist Spezialist für Sonderkomponenten. In letzter Zeit kommen immer mehr Anfragen aus Asien.

Tristan Heuss in der Werkstatt.
Tristan Heuss mit dem Holzchassis einer Orgel aus dem mittelhessischen Elkerhausen. - © HWK Wiesbaden

Die Antwort auf die Frage, worauf die Otto Heuss GmbH in Lich spezialisiert ist, ist für Menschen, die den Beruf des Orgelbauers nicht erlernt haben, gar nicht so einfach nachzuvollziehen. Denn obwohl die Inhaber und Geschäftsführer Tristan und Julian Heuss in vierter Generation des Familienbetriebs Orgelbauer sind, werden in ihren Werkstatträumen keine Orgeln gebaut. "Man könnte die Otto Heuss GmbH vielmehr als verlängerte Werkbank der Orgelbauer bezeichnen", erklärt Tristan Heuss. Seit bereits 70 Jahren ist das Handwerksunternehmen auf die individuelle Anfertigung von Spezialkomponenten für Orgeln spezialisiert.

Holzmechanik oder elektronische Steuerung

Auftraggeber sind für die Otto Heuss GmbH beispielsweise keine Kirchengemeinden, die eine Reparatur ihrer Orgel benötigen, sondern die Orgelbauer, die von der Kirchengemeinde beauftragt werden und die wiederum bei der Otto Heuss GmbH die Produktion einzigartiger Ersatzteile veranlassen. Dabei spielt es auch keine Rolle, ob das bestehende Problem einer Orgel mechanischer, elektrischer, elektronischer oder pneumatischer Natur ist. Sprich: Von traditionellen Holzmechanikteilen über moderne elektronische Steuerungen bis hin zu großen und kleinen, exquisiten und einfachen Spieltischen ist alles dabei. "In einem Drittel aller Orgeln weltweit ist mindestens ein von uns angefertigtes Teil verbaut, wenn nicht sogar noch mehr", schätzt Tristan Heuss.

Fluch und Segen

Dies sei allerdings Fluch und Segen zugleich, denn so besonders es sei, Spezialkomponenten anfertigen zu können, umso horrender sei die Lagerhaltung. "Jede Orgel ist ein Unikat und damit gleicht auch keine herzustellende Komponente mit all ihren benötigten Einzelteilen einer anderen", beschreibt Tristan Heuss. Nicht wenige Orgeln seien heutzutage allerdings mit dem Internet verbunden und mit einer elektronischen Steuerung ausgestattet. "Zu Reparatur- und Wartungszwecken können wir mittels des Internets auf die Instrumente zugreifen und von unserem Büro aus daran arbeiten. Zumindest an allen Sachen, die nicht mechanisch sind", so Julian Heuss.

Aktiv in Asien

Im Sommer wurde die Otto Heuss GmbH mit dem Hessischen Exportpreis in der Kategorie Handwerk ausgezeichnet. Der Familienbetrieb aus dem mittelhessischen Landkreis Gießen ist in über 40 Ländern tätig. Besonders der asiatische Markt gewinnt immer mehr an Bedeutung. Grund dafür sei, dass sich dort neu errichtete Konzertsäle zunehmend am westlichen Standard orientierten und eine Orgel aus asiatischer Sicht "das Prestigeobjekt schlechthin" verkörpere, so Tristan Heuss.

Registerschalter einer Orgel
Warten bereits auf ihren Wiedereinbau: die Registerschalter einer norwegischen Orgel. - © HWK Wiesbaden

Betriebsübergabe an die vierte Generation

Für ihn ist eine Orgel allerdings weit mehr als das. Er schätzt die musikalische Vielfalt, die eine Orgel bieten kann, dass sie klingen kann wie ein gesamtes Orchester. Aber auch das Handwerk, das in einer Orgel steckt, fasziniert ihn. "Um die einzelnen Komponenten einer Orgel herzustellen, bedarf es eines breiten Spektrums an Fähigkeiten", erläutert er. Aufgrund dessen seien in seinem Betrieb unter den 43 Mitarbeitern nicht nur Orgelbauer beschäftigt, sondern auch Tischler, Zerspanungsmechaniker, Programmierer, Elektroniker, Elektromechaniker, Logistiker und Fachkräfte für Büromanagement.

Ende letzten Jahres hat Orgelbaumeister Stefan Heuss, Enkel des Firmengründers Otto Heuss, den Betrieb an seine beiden Söhne Tristan und Julian übergeben. Es erfülle ihn mit Stolz, dass sie die Tradition des Familienbetriebs fortführen. Sollte allerdings Not am Mann sein, stehe er selbstverständlich beratend zur Seite. Ähnlich wie an einem familiengeführten Handwerksbetrieb begeistert ihn bis heute an einer Orgel, dass diese Generationen überdauern kann: "Ein Auto ist nach 30 Jahren alt. Eine Orgel gilt mit 30 Jahren noch als neuwertig und kann problemlos 200 bis 300 Jahre alt werden.

Denkmalpflege im Blick

Also selbst wenn man sein ganzes Arbeitsleben dem Orgelbau gewidmet hat, so wirkt man doch nur an einem kleinen Abschnitt gesehen auf die Lebensdauer einer Orgel mit." Die Denkmalpflege spielt im Alltag eines Orgelbauers daher eine große Rolle. Arbeiten an historischen Orgeln fänden vorrangig unter dem Aspekt "Reparatur geht vor Austausch" statt, so Stefan Heuss. Und sollte doch mal eine Komponente nicht mehr zu reparieren sein, so werde diese ausschließlich aus Werkstoffen nachgebaut, die der Ursprungsepoche der Orgel zugehörig sind.