Laura Lammel hat schon früh gelernt, sich als Frau in der männerdominierten Bauwirtschaft zu behaupten und schwere Zeiten zu durchstehen. Gleichermaßen traditionsbewusst und zukunftsgewandt will sie neue Generationen für das Handwerk begeistern.

Im Münchner Westen befindet sich der schlicht gehaltene Bürokomplex der Lammel Group. Einst lebte hier ein Urgroßvater von Geschäftsführerin Laura Lammel auf einem Bauernhof. Doch die damalige Idylle des Stadtviertels zerbrach im Zweiten Weltkrieg. Durch Luftangriffe wurden rund 21.000 Gebäude und knapp 72.000 Wohnungen in München zerstört. Das entsprach 45 Prozent der gesamten Bausubstanz im Stadtgebiet.
Heutiges Stadtbild von München mitgestaltet
Das Bild der Zerstörung währte jedoch nur kurz. Einen bedeutenden Anteil am Wiederaufbau leistete damals der Architekt und Diplom-Ingenieur Humbert Lammel. Der Großvater der Firmenchefin errichtete 1948 seinen ersten Lagerplatz am heutigen Standort und unterstützte insbesondere die Genossenschaften und ansässigen Brauereien beim Wiederaufbau.
Nach seinem frühen Tod übernahm Sohn und Bau-Ingenieur Jürgen Lammel 1976 mit nur 33 Jahren die Geschicke der Firma. Er gestaltete in den Folgejahren das neue Stadtbild in prägender Weise mit. "Die alte Allee, die Kolonien, ganz Pasing – wenn sie durch den Münchner Westen fahren, sehen sie an allen Ecken und Enden die Bauleistungen der Firma Lammel", sagt die Geschäftsführerin stolz.
Neue Perspektiven im Studium an der Stanford Universität
Schon mit 15 Jahren begleitete Laura Lammel ihren Vater regelmäßig mit auf die Baustelle und hegte nie einen Zweifel daran, dass sie die Familientradition später einmal fortsetzen würde. Wie schon ihr Vater und ihr Großvater studierte sie nach dem Abitur zunächst an der Technischen Universität in München. Doch Lammel, die sich selbst als extrem wissbegierig und ehrgeizig beschreibt, wollte mehr von der Welt sehen, bevor sie in die elterlichen Fußstapfen treten würde. "Mir war es ganz wichtig, über den Tellerrand zu blicken und neue Perspektiven für mein Leben zu bekommen", sagt Lammel.
Für ihre Diplomarbeit zur Bauingenieurin schrieb sie sich an der renommierten Stanford Universität in Kalifornien ein. Dort erlebte sie Mitte der 1990er-Jahre hautnah mit, wie durch die Vernetzung von Computern und der Verbreitung des Internets eine neue Blütezeit im unweit entfernten Silicon Valley entstand. "In meinen Vorlesungen wurde damals schon über die Chancen von 4D CAD-Technik in der Baubranche gesprochen. Das war bei uns daheim noch ganz weit weg. Ich bin dort in eine komplett neue Welt eingetaucht", blickt Lammel gerne auf diese Zeit zurück. An der Westküste fand sie nach dem Studium schnell eine Anstellung in einem Ingenieurbüro und wäre gerne noch etwas länger in den USA geblieben. Doch es kam anders.
Einstieg in die Geschäftsführung mit Anfang 20
Mitte der 1990er-Jahre entwickelte sich in Deutschland eine große Baukrise, die auch zu einem dramatischen Einbruch der Geschäfte beim Bauunternehmen Lammel führte. "Wir mussten unsere Belegschaft von knapp 150 Mitarbeitern in kurzer Zeit auf weniger als 30 abbauen, um zu überleben", erinnert sich Lammel. Nach ihrer Rückkehr nach Deutschland trat sie bald als zweite Geschäftsführerin in das Unternehmen ein. Gemeinsam mit ihrem Vater wollte sie den Niedergang des Lebenswerks der Familie abwenden.
Angst vor dieser großen Verantwortung habe sie nicht gehabt und habe auch zu keiner Zeit Druck von ihrer Familie verspürt, betont Lammel. "Den Druck habe ich mir vielmehr selbst gemacht, weil ich unbedingt verhindern wollte, dass unser über Jahrzehnte gewachsenes Familienunternehmen stirbt", betont sie. Erst zu diesem Zeitpunkt sei ihr bewusst geworden, wie prägend die Erfahrungen mit ihrem Vater auf der Baustelle in jungen Jahren gewesen seien. Durch ihre Familie habe sie die Bedeutung von Werten und Tradition vermittelt bekommen, die ihr heute so wichtig seien.
Mehr Frauen und junge Menschen ins Handwerk holen
Mit nur Anfang 20 musste die junge Geschäftsführerin schnell lernen, sich als junge Frau im männerdominierten Baugewerbe zu behaupten und von den oftmals deutlich älteren Kollegen, Partnern und Kunden ernst genommen zu werden. "Ich habe mir schon viele herablassende Sprüche anhören müssen, aber mich davon nie aus dem Konzept bringen lassen", sagt Lammel. Jegliche Zweifel an ihrer Person wischt sie bis heute durch ihr ausgeprägtes Fachwissen über Bautechnik beiseite und lässt sich nicht unterkriegen. Dabei hilft ihr eine große Portion Selbstvertrauen in die eigenen Fähigkeiten.
Lammel sieht sie sich auch in der Rolle einer Wegbereiterin. "Mein Ziel ist es, dass viel mehr Frauen und junge Menschen ins Handwerk kommen. Ich möchte den nachfolgenden Generationen aufzeigen, dass es immer die Möglichkeit gibt, etwas zu bewegen und sich mit seinen Ideen trotz Widerständen durchzusetzen."
Mit dem Platzen der Dotcom-Blase Anfang der 2000er-Jahre und der Finanzkrise ab 2007 musste die junge Unternehmerin in schneller Folge weitere einschneidende Krisen überstehen. Zusätzliche Entlassungen waren für Lammel Bau zu dieser Zeit unumgänglich, sodass die Belegschaft in den folgenden Jahren auf nur noch eine Handvoll Mitarbeiter schrumpfte.
Doch der Sparkurs allein reichte nicht aus, um die Baufirma wieder auf gesunde Füße zu stellen. Um zukunftsfähig zu bleiben, richtete Laura Lammel das Unternehmen komplett neu aus. Sie verabschiedete sich vom Wohnungsbau und spezialisierte sich auf gewerbliche Projekte in Stahlbetonbauweise. Dabei wurde ein besonderer Fokus auf den Bau und die Modernisierung von Tiefgaragen im Münchner Stadtgebiet gelegt. Zusätzliches Wissen eignete sie sich durch eine Weiterbildung zur Sachverständigen für Beton an.
Die neue Strategie zahlte sich schnell aus. Nicht nur konnte sich das Unternehmen von der Krise erholen, sondern sicherte sich in diesem Segment eine bis heute marktführende Position in der Landeshauptstadt. Dabei vertraut Lammel bei ihren Projekten auf ein enges Umfeld an langjährigen Partnern und pflegt einen regen und freundschaftlichen Austausch mit vielen Handwerksbetrieben in der Region.
Wie wichtig ihr die Belange des Handwerks sind, zeigt ihr ehrenamtliches Engagement. Als Obermeisterin der Bauinnung München-Ebersberg macht sich Lammel seit 2020 für den Berufsstand stark. Zudem ist die Unternehmerin seit 2017 Vizepräsidentin des Landesverbandes Bayerischer Bauinnungen, im Vorstand des Zentralverbandes Deutsches Baugewerbe sowie im Vorstand der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft. Nebenbei will sie in Vorlesungen an der Technischen Universität München junge Menschen für die Bauwirtschaft begeistern und sitzt dort im Hochschulrat.
Baukrise könnte zu großem Wissensverlust führen
Angesprochen auf die sich derzeit ausbreitende neue Krise am Bau, wirkt Lammel sehr nachdenklich und besorgt. "Wir erleben gerade eine dramatische Situation und ich gehe davon aus, dass wir den Höhepunkt erst im nächsten Frühjahr erleben werden." Es gebe zumindest im Raum München derzeit kaum noch Baugenehmigungen und neue Aufträge. Es herrsche mehr oder weniger Stillstand im Wohnungsbau.
Sie befürchtet, dass einige ihrer Kollegen diese Baukrise nicht überstehen werden und geht von einer beachtlichen Zahl an Betriebsschließungen aus. "Was ich dabei besonders bedauere ist, dass mit jeder Pleite so viel wichtiges Wissen für die Bauwirtschaft verloren geht. Das kann in Zukunft noch ein großes Problem werden, wenn wir nicht mehr über das Know-how verfügen, um wettbewerbsfähig zu sein." Insbesondere handwerkliche Fertigkeiten seien davon betroffen. "Irgendwann werden wir uns fragen, wie man einen Stein mörtelt, um eine Mauer hochzuziehen", formuliert sie bewusst überspitzt.
Falsche Strategie beim Wohnungsbau
Um die Krise abzufedern, sei es ganz entscheidend, dass die Politik jetzt die richtigen Weichen stelle. Dazu gehöre zum Beispiel eine verlässliche Förderkulisse, die Bauherren wieder dazu ermutige, in neue Projekte zu investieren und Aufträge an die Bauwirtschaft zu vergeben. Zudem stellt Lammel infrage, ob die Baupolitik die richtigen Akzente setzt. "Wir haben in Deutschland überzogene Standards für Gebäude und sollten uns ernsthaft überlegen, für wen wir eigentlich bauen wollen. Brauchen wir wirklich immer den Gebäudetyp Porsche? Und wieso übertreiben wir bei den energetischen Vorschriften, wie etwa bei der Wärmedämmung?".
Zudem verhindere die enorme Bürokratielast im Land, bei der Digitalisierung endlich Fahrt aufzunehmen. Tempo und Effizienz in der Bauwirtschaft würden durch Vorschriften ausgebremst. "So werden wir unsere Ziele im Wohnungsbau nicht erreichen", ist Lammel überzeugt. Dabei verweist sie auf die USA, die beim digitalen Bauen einen großen Schritt voraus seien.
Ihre eigene Firma sieht Laura Lammel indes gut gerüstet für die Baukrise. Schon 2018 habe sie begonnen, das Unternehmen auf diese Situation vorzubereiten, die nach ihrer Meinung absehbar war. "Wie man Krisen erfolgreich meistert, hat unsere Familie schon mehrfach bewiesen", sagt die Chefin stolz.