ZVEH-Hauptgeschäftsführer Alexander Neuhäuser bewertet die Entwicklung der digitalen Plattformen und erklärt, was die Elektrohandwerke ihnen entgegensetzen können. Außerdem kritisiert er die von Start-ups angestrebten Schnellqualifikationen zum Gelingen der Energiewende.

Herr Neuhäuser, derzeit ist zu beobachten, dass Plattformen mit viel Kapital Handwerkerleistungen zur Energiewende an sich binden wollen. Besorgt sie dieser Trend?
Alexander Neuhäuser: Die Aktivitäten sind marktgetrieben, nicht rechtswidrig, soweit insbesondere Handwerksrecht eingehalten wird, und somit zunächst einmal legitim. Sich zu großen Einheiten zusammenzuschließen, kann sinnvoll sein, um große und komplexe Projekte abzuwickeln. Plattformen können zwar neue Marktsegmente erobern, aber wir glauben, dass diese Entwicklungen an Grenzen stoßen werden, da nur modulartige, aber keine maßgeschneiderten, komplexeren Lösungen angeboten werden. Sie agieren oft nicht im Kundeninteresse und nicht unbedingt kostengünstig. Das Handwerk wird unserer Einschätzung nach seine Funktion als lokal ansprechbarer Partner für individuelle und optimale Lösungen zu einem guten Preis behalten.
Beunruhigt Sie es nicht, wenn bislang eigenständige Handwerksbetriebe einfach aufgekauft und in immer größer werdende Plattformen integriert werden?
Es ist eigentlich nichts Neues, dass große Handwerksunternehmen entstehen. Wir erleben jedoch zweifellos eine neue Dimension der Fremdfinanzierung, die dieses Handeln ermöglicht. Die Start-ups setzen nicht auf organisches Wachstum, sondern bauen in kurzer Zeit mit Risikokapitel und aggressivem Marketing ein stark sichtbares Unternehmen auf. Es wird dabei ein spekulativer Unternehmenswert geschaffen, den die Erlöse aber häufig gar nicht abbilden. Diese Entwicklungen sind nicht nur im Handwerk, sondern auch in anderen Branchen zu sehen.
Was hat das Handwerk den Plattformen entgegenzusetzen?
Es wird leider zu wenig wahrgenommen, dass auch die Handwerksbetriebe sehr agil sind und digitale Angebote nutzen, ja sogar selbst digitale Lösungen entwickeln. Wir im E-Handwerk unterstützen unsere Innungsbetriebe beispielsweise, indem wir ihnen eigene Plattformen zur Verfügung stellen. In gewisser Weise handeln wir also ähnlich wie die bekannten Start-ups. Wir als Verband haben aber keine monetären Interessen. Unser Ziel ist es nicht, die Betriebe von uns abhängig zu machen. Im Gegenteil: Wir möchten Betrieben Technologien bereitstellen und ihnen damit neue Freiheiten sowie neues Potential für ihr unternehmerisches Handeln eröffnen.
Würden Sie Betrieben davon abraten, sich den Plattformen der Start-ups anzuschließen?
Bevor ein Unternehmen diesen Schritt geht, sollte eine umfassende Chancen- und Risikobewertung stattfinden. Durch eine bedachte Beteiligung an Plattformen lassen sich Auslastungen verbessern und auch zusätzliches Know-how über digitale Geschäftsprozesse sammeln. Demgegenüber besteht jedoch die Gefahr, sich abhängig zu machen. Erstens, weil Kunden und Daten ausschließlich über diese Plattform vermittelt werden. Und zweitens, weil der Betrieb auf die technische Betriebsausstattung des Start-ups angewiesen ist.
Werden Handwerksbetriebe, die sich dem digitalen Trend verschließen, nicht früher oder später vom Markt abgehängt?
Wir beobachten, dass viele jüngere Kunden über das Internet den Kontakt zum Handwerker suchen und das Angebot über digitale Kanäle zunimmt. Allerdings gehen wir nicht davon aus, dass deshalb Betriebe mit einem klassischen Geschäftsmodell von heute auf morgen vom Markt verschwinden werden. Es entstehen vielmehr Wege nebeneinander zum Kunden. Viele Geschäftsbeziehungen zum Handwerk sind über Generationen gewachsen und der Faktor Mensch bleibt auch zukünftig wichtig bei der Auftragsakquise. Dennoch sollten sich Unternehmen mit digitalen Strategien auseinandersetzen und den Betrieb entsprechend für die Zukunft aufstellen.
Manche Plattformen gehen dazu über, selbst Personal, etwa für die Installationen von Solaranlagen, zu schulen. Oftmals handelt es sich dabei um fachfremde Quereinsteiger. Sie argumentieren, dass die Energiewende anders nicht zu schaffen sei. Stimmen Sie dieser Einschätzung zu?
Das ist Augenwischerei. Wir sind der Überzeugung, dass die Energiewende nur zu schaffen ist, indem die notwendigen, zum Teil sehr komplexen, Tätigkeiten von Menschen mit hoher Qualifikation ausgeübt werden. Wir sind kein Land von Billigschraubern, sondern, ein Land von hoch Qualifizierten, die Qualitätsleistungen abliefern. Die Technik wird immer anspruchsvoller und komplexer. Wir müssen Anlagen miteinander vernetzen und sehr individuelle Kundenwünsche bedienen. Solche Aufgaben lassen sich nicht durch viele geringqualifizierte Arbeitskräfte bewältigen.
Braucht es aber nicht auch Helfer?
Wer genau hinschaut, wird feststellen, dass sich nur einzelne Arbeiten mit niedriger Qualifikation erledigen lassen. Wir sehen, dass Start-ups teilweise Aufträge ablehnen müssen, weil sie zu aufwendig sind und besonderen Know-hows bedürfen. Diese Aufträgen landen dann wieder bei den Handwerksbetrieben. Zudem teilen unsere Innungsbetriebe immer wieder mit, dass es Qualitätsprobleme bei Anlagen gibt, die von Start-ups installiert wurden. Es kommen Kunden auf Handwerksbetriebe zu und bitten diese Anlagen zu reparieren. bzw. fachkundig einzurichten.
Wird die Bedeutung der Plattformen für die Energiewende überschätzt?
Hierzulande wurden, als die Nachfrage nach Photovoltaik noch geringer war, zwei bis drei Gigawatt Photovoltaik im Jahr installiert. Im vergangenen Jahr waren es sieben Gigawatt und dieses Jahr kommen wir wahrscheinlich schon auf elf Gigawatt. Den kleinsten Teil davon installieren die Start-ups, sondern den Großteil die Betriebe des Elektrohandwerks. Nach unseren Schätzungen werden zwei Drittel der Photovoltaikanlagen vom E-Handwerk installiert. Es gibt hier also eine verzerrte Wahrnehmung. Wir sind überzeugt, dass das Wachstumspotenzial in den klassischen Strukturen viel größer ist als in den Startup-Strukturen. Wenn das Start-up um 100 Prozent wächst, ist das viel weniger, als wenn das Elektrohandwerk um 30 Prozent wächst.
Ein weiterer Trend ist, dass Energieversorger durch Zukäufe von Plattformen selbst Handwerksleistungen anbieten. Ist das eine Gefahr für das Handwerk?
In der Tat. Wenn ein Versorger eine Plattform aufkauft, bedeutet es, dass künftig alle Leistungen nur noch für diese eine Firma erbracht werden. Die Betriebe werden damit aus dem freien Markt genommen und geraten in eine starke Abhängigkeit. Schon bevor sich ein Betrieb für die Kooperation mit einer Plattform entscheidet, sollte er bedenken, dass seine Leistungen weiterverkauft oder ausgegliedert werden könnten. Deshalb empfehlen wir den Betrieben, ihr Geschäft zu diversifizieren und auf mehrere Standbeine zu stellen.
Können Sie als Verband noch etwas besser machen, um das Handwerk gegenüber den Plattformen zu stärken?
Wir dürfen definitiv mehr Werbung in eigener Sache machen. Hier waren wie in der Vergangenheit zu leise und müssen selbstkritisch sein. Es ist die Aufgabe, deutlicher herauszustellen, wie gut das Handwerk ist. Die Leistungen der Betriebe darf nicht kleingeredet werden. Das Handwerk bleibt auch in Zukunft eine sehr gute Alternative zu den Start-ups.