Handwerk im Kino "Sterne zum Dessert": Vom Tellerwäscher zum Star-Konditor

Nach einer wahren Geschichte: Der Film "Sterne zum Dessert" erzählt vom Aufstieg eines Einwandererkindes zum gefeierten Konditor-Weltmeister und startet am 28. Dezember im Kino. Warum der Film auch für Nicht-Konditoren sehenswert ist.

Yazid (Marwan Amesker) träumte schon als kleiner Junge von seiner eigenen Konditorei.
Yazid (Marwan Amesker) träumte schon als kleiner Junge von seiner eigenen Konditorei. - © Alessandro Clemenza

In nur wenigen handwerklichen Ausbildungsberufen ist die Vergütung so gering wie bei den Konditoren. Gut 600 Euro verdienen angehende Profis mit Schneebesen und Spritzbeutel im ersten Lehrjahr. In Zeiten hoher Inflationsraten und stark gestiegener Energiepreise kaum genug, um davon leben zu können. Dennoch ist der Nachwuchsmangel nicht so drastisch wie in anderen Gewerken – was wohl auch daran liegt, dass Jugendliche die leckeren Kreationen von (Hobby-)Konditoren täglich in sozialen Medien oder Food-Blogs bestaunen können und ihren Idolen beruflich nacheifern wollen.

Als der heutige Star-Konditor Yazid Ichemrahen 2006 seine Ausbildung in einem Pariser Sternerestaurant begann, steckten Online-Kanäle noch in den Kinderschuhen. Die Passion für sein Handwerk wurde ihm stattdessen in die Wiege gelegt. Nun findet seine mit vielen Hindernissen gespickte Erfolgsgeschichte den Weg auf die große Leinwand: Regisseur Sébastien Tulard und Drehbuchautor Cédric Ido haben Ichemrahens Autobiografie unter dem Titel "Sterne zum Dessert" verfilmt. Am 28. Dezember 2023 kommt das Konditoren-Drama in die Kinos.

Darum geht es in "Sterne zum Dessert"

Der kleine Yazid (Marwan Amesker, als Teenager: Riadh Belaïche) erblickt Anfang der 90er Jahre in der Kleinstadt Épernay das Licht der Welt. Die Kindheit des Jungen, dessen Großvater selbst erfolgreicher Handwerker war, gestaltet sich nicht leicht. Seine arbeitslose Mutter Samia (Loubna Abidar) findet nie Zeit für ihn. Er landet schnell in der Adoptivfamilie von Simone (Christine Citti) und Pascal (Patrick d'Assumçao). Als Teenager kommt er in ein Pflegeheim, in dem er kaum auf sein späteres Berufsleben vorbereitet wird.

Doch der ehrgeizige Yazid hat einen Traum: Er will der beste Konditor der Welt werden. Und er setzt alles daran, diesen Traum zu verwirklichen. Mit einem Trick erhält er in der Pariser Sterneküche von Star-Patissier Luka Massena (Jean-Yves Berteloot) eine Bewährungschance. Und nutzt sie! Bis zur Teilnahme an der Konditoren-WM ist der Weg allerdings weit. Yazid muss schnell feststellen, dass Talent allein nicht alles ist und ihm so mancher Konkurrent die Karriere neidet …

Ausnahmetalent in der Sterneküche: Konditor Yazid (Riadh Belaïche) bei der Arbeit in einem Pariser Nobelrestaurant. - © Alessandro Clemenza

Zutaten in Zeitlupe

Eine "Warnung" sei dem Herzstück dieser Kritik vorangestellt: "Sterne zum Dessert" ist einer dieser Filme, die man auf keinen Fall mit leerem Magen anschauen sollte. Schon bei Yazids erster Bewährungsprobe im Nobelrestaurant schwelgt die Kamera nämlich in ästhetischen, unheimlich appetitanregenden Bildern. Haselnüsse und Kunstkirschen purzeln in Zeitlupe durchs Bild, Schokolade trieft durch ein Abtropfgitter. Die Arbeitsfläche wird zur Showbühne. Yazid, der für den begehrten Job als Patissier täglich 180 Kilometer nach Paris pendelt, rückt ins Rampenlicht. Der Rest der Küche wird plötzlich dunkel.

Stilistisch wird in solchen Momenten dick aufgetragen. Doch die hohe Wertschätzung der Filmemacher für das Konditorenhandwerk ist greifbar. Wenngleich der strenge Küchenchef Massena das anders formuliert: "Ihr seid keine Patissiers, ihr seid Künstler", motiviert er seine Mannschaft. Sie muss schließlich die verwöhntesten Gaumen der Stadt befriedigen. Leider ist nicht nur Massena ein Klischee auf zwei Beinen: Der herrische Chef, der früher selbst ein Star war. Der beste Kumpel, der weniger Talent, aber viel Humor besitzt. Und ein durchtriebener Rivale, der Yazid beim Kampf um den Platz im WM-Team Knüppel zwischen die Beine wirft. Alles schon zu oft dagewesen, als dass es noch originell wäre.

Zwischen "Rocky" und "Ratatouille"

Spannend ist "Sterne zum Dessert" trotzdem, und das liegt vor allem an seiner Sportfilm-Dramaturgie. Yazid ist ein Fighter, der sich nie entmutigen lässt. Zwar sind Konditoren keine Leistungssportler im eigentlichen Sinne. Doch das Geschehen steuert wie bei "Rocky", "Cool Runnings" & Co. konsequent auf das große Finale zu. Das wird hier nicht im Ring oder im Eiskanal, sondern vor begeistertem Publikum auf einer Showbühne ausgetragen. Wäre es je so weit gekommen, hätte Yazids Erzieher Samy (Saïd Benchnafa) nicht im Kinderheim den aus Pixars "Ratatouille" bekannten Moment gehabt? Das Werk eines Konditors kann uns blitzartig in unsere Kindheit zurückbefördern, wenn das Aroma stimmt.

Konditor Yazid (Riadh Belaïche) und sein Kumpel Manu (Dycosh) bei der Arbeit.
Ziemlich beste Freunde: Konditor Yazid (Riadh Belaïche) und sein Kumpel Manu (Dycosh) bei der Arbeit. - © Alessandro Clemenza

Gleichzeitig ist Sébastien Tulards Debütfilm, der im August als französischer Gastbeitrag beim Festival des deutschen Films in Ludwigshafen lief, auch ein bedrückendes Sozialdrama. In Rückblicken erfahren wir, wie Yazid zu Yazid wurde, und dass ihm in seiner zerrütteten Kindheit wenig geschenkt wurde. Der Figur gibt das Tiefe, doch Ecken und Kanten hat sie nur wenige. In seinen warmherzigsten Momenten ist das Biopic ein Mutmacher, im Leben die Chancen zu ergreifen, die sich bieten. Egal, wie viele Rückschläge wir wegstecken müssen. In seinen kitschigsten Momenten ist "Sterne zum Dessert" harmlose Wohlfühlunterhaltung vom Reißbrett, die dennoch ihr Publikum finden wird.

Aus Sicht des Handwerks sind zwei weitere Aspekte spannend: Yazids sympathischer Pflegevater ist gelernter SHK-Anlagenmechaniker und darf für einige Lacher sorgen ("Du hast auch keinen Kuchen mit Rohrzange bekommen!"). Und beim Finale auf der Showbühne sind bei den Arbeiten zum Motto "Leonardo da Vinci" sogar Fähigkeiten als Bildhauer geplant – doch nicht etwa am Stein, sondern beim Erstellen einer Eisskulptur. Für Nicht-Konditoren gibt es zudem viel zu lernen: Etwa die Grundregeln, dass man nie mehr als drei Aromen kombinieren und runde Desserts immer auf runden Tellern anrichten sollte …

>>> Weitere Informationen zum Film gibt es hier.

"Sterne zum Dessert": Hier den Trailer anschauen