Gebäudeenergiegesetz Neubaustandard: Energieberater für Aufklärung statt Verschärfung

Seit Jahresbeginn gelten die Primärenergieanforderungen des Effizienzhaus EH 55 als Neubaustandard. Eine weitere Verschärfung ist geplant – und immer stärker in der Kritik. Henning Marxen vom Bundesverband der Energieberater (GIH) erklärt im Interview, was EH 55 aktuell bedeutet und was man tun könnte, um den Bausektor wieder anzukurbeln.

Neubau, der gerade gedämmt wird
Der gesetzliche Neubaustandard sieht keine explizit neuen Vorgaben für die Gebäudehülle vor. Das sollte sich aus Sicht des Bundesverbands der Energieberater ändern. - © Gina Sanders - stock.adobe.com

Seit 1. Januar 2023 gelten Vorgaben des Effizienzhaus EH 55 nun als neuer Neubaustandard. Beziehen sich die Vorgaben tatsächlich nur auf die Gesamtenergiebilanz und kann damit die Gebäudehülle als solche unangetastet bleiben?

Henning Marxen: Ja, der Effizienzhausstandard ist nur in der Bundesförderung effiziente Gebäude (BEG) auch mit Anforderungen an die Gebäudehülle versehen, also wenn es um eine Förderung über die KfW geht. Dort muss auch der Transmissionswärmekoeeffizient von 0,7 des Referenzhauses erfüllt werden. Im GEG 2023 gibt es den Begriff nicht, dort wurde nur der Primärenergiebedarf von 0,55 des Referenzhauses angezogen, während die Gebäudehülle nur den Referenzhausstandard erfüllen muss.

"Wir dürfen nicht in Jahren, sondern müssen in Generationen denken"

Wie bewertet der GIH diese Festlegung?

Wir halten dies für eine einseitige Fokussierung auf die Transformation der Energieerzeugung hin zu Erneuerbaren. Sinnvoller wäre es, durch wirtschaftliche Sanierung der Gebäudehülle den Energiebedarf zu senken und dies durch unverzügliche zinsverbilligte Finanzierung und erhöhte Zuschüsse sowie CO2-Preissteuerung zu erreichen. Energie, die nicht erzeugt werden muss, spart langfristig viel Geld. Hier darf man nicht in 20 Jahreszeiträumen denken, sondern in Generationen und an unsere Kinder. Die großen Investitionen in die Hülle halten deutlich länger und steigern den Wert des Gebäudes erheblich.

Dass der Standard Effizienzhaus EH 40 ab 2025 gelten soll, steht im Koalitionsvertrag. Gesetzlich beschlossen ist das noch nicht? Sollte die Bundesregierung ihrer Meinung nach daran festhalten?

Henning Marxen
Henning Marxen ist politischer Referent des GIH-Bundesverbands. - © GIH

Wir denken, dass jetzt erst mal das Gebäudeenergiegesetz sowie die Förderung wie geplant beschlossen werden sollte, um Klarheit für die Bürger und Bauherren zu schaffen. Dann brauchen wir eine Phase der Ruhe, anstatt im Jahresrhythmus neue Gesetze und Förderprogramme aufzusetzen. Es sind viele falsche Schlussfolgerungen in der Öffentlichkeit, die den Bürgern erst mal in Ruhe erklärt werden müssen. Die Kosten für den Bürger sind bei weitem nicht so hoch wie in einigen Fällen dargestellt und es gibt für alle Gebäudetypen bezahlbare Zwischenlösungen, z.B. mit Hybrid- oder Biomasseheizungen.

Höherer Neubaustandard: Energieberater fordert höhere Förderungen

Wie sollte es Ihrer Meinung nach weitergehen?

In der nächsten Novelle sollten dann die Auswirkungen der neuen EU-Gebäuderichtlinie inklusive einer maßvollen Anpassung des Gebäudeneubaustandards eingearbeitet werden. Hier sollte dann eine Anhebung des gesetzlichen Neubaustandards tatsächlich auf EH 55 erfolgen, der die Vorgaben für die Gebäudehülle mit einbezieht. Dies wird bereits heute oft gebaut und führt ohne die Mehrkosten von EH 40 bereits zur Möglichkeit, die Gebäude klimaneutral und wirtschaftlich zu bauen. Für den langfristig sinnvollen EH 40 ohne Nachhaltigkeitsstandard (NH) schlagen wir eine sofortige Verdopplung der förderfähigen Kreditsumme vor und eine weitere Erhöhung zur Umsetzung des Nachhaltigkeitsstandards.

Was sagen Sie zu den Befürchtungen von Bundesbauministerin Geywitz, dass eine weitere Verschärfung des Effizienzstandards die Neubautätigkeiten noch weiter zurückgehen lassen?

Der Rückgang der Bautätigkeit liegt hauptsächlich an den hohen Zinsen und der hohen Inflation. Der Zusammenbruch der KFW-Effizienzhausförderung von 25 Milliarden im Jahr 2022 auf 5 Milliarden Euro im ersten Halbjahr 2023 hat dem Sektor ca. 45 Milliarden Euro Investitionskapital – inklusive der Privatinvestitionen – entzogen. Dies zeigt, dass die Effizienzhausprogramme an Attraktivität verloren haben und in der Sanierung dringend aufgestockt werden müssen, um neue Anreize zu setzen.  Weiter sollten wir darüber nachdenken, wie wir die Planungs- und Handwerkskapazitäten in die Sanierung des Bestandes umleiten können. Um Wohneinheiten zu schaffen, könnte man Anreize geben, großen Wohnraum in zwei Wohneinheiten zu teilen, Bestandsbauten aufzustocken und Leerstand wirksam verteuern. Ebenso wäre es sinnvoller die Fördergelder für Neubau in die Sanierung der energetisch schlechtesten Gebäude zu investieren. Der Neubau ist auch mit EH 55 bereits wirtschaftlich gut mit erneuerbaren Energien beheizbar.

Diese Vorschläge sollen die Neubautätigkeit ankurbeln

Was kann die Bautätigkeit nun stützen bzw. ankurbeln?

Der Staat könnte aber auch dazu übergehen und die Neubaukosten senken, indem der Boden per Erbbaurecht vergeben wird. Dadurch wären 20 Prozent Kostensenkung drin. Dann müsste man nicht beim Ziel der Wärmewende sparen. Zur Kompensation könnte die Zweitwohnungssteuer erhöht werden, die Leerstand unattraktiver machen würde.

Was bedeutet es für Energieberater, sich ständig auf neue Standards einzustellen bzw. dahingehend zu beraten?

Dies ist eine große Belastung und steigert sicher nicht die Effizienz der Förderung. Es wäre gut, nur eine Änderung pro Regierungsperiode zu haben. Alle Handelnden brauchen Beständigkeit und weniger häufige kleine Änderungen.

Wie bewerten Sie es grundsätzlich, dass es neue Standards gibt? Bringt ein Mehr an Dämmung in der Gebäudehülle denn noch so viel Fortschritt? Oder ist es nötig, dass man den Ansatz hierbei verändert?

Es gilt hier wie oben beschrieben das volkswirtschaftliche, bautechnische und klimaschutztechnische Optimum zu finden, denn der Zubau von regenerativen Energien zur Deckung des Strombedarfs ist auch nicht umsonst. Hier bedarf es noch Aufklärungsarbeit und Studien, die den die Kosten der Erzeugung und der Effizienz zusammen betrachten.