Interview Klimawandel: "Die Arbeitswelt ist nicht vorbereitet"

Die Professorin Katharina Larisch ist Fachärztin für Arbeitsmedizin. Zudem hat sie eine Professur für Physician Assistance an der Europäischen Fachhochschule Rhein/Erft. Im Interview erzählt sie, wie der Klimawandel den menschlichen Körper und die Arbeitswelt im Handwerk beeinflusst.

Katharina Larisch ist Fachärztin für Arbeitsmedizin und hat eine Professur für Physician Assistance an der Europäische Fachhochschule Rhein/Erft inne. - © Europäische Fachhochschule Rhein/Erft/ Katharina Larisch

Neben ihrer Tätigkeit als Professorin arbeitet Katharina Larisch als Betriebsärztin bei der BAD GmbH, einem überregionalen betriebsärztlichen Dienst. Dort betreut sie unter anderem Handwerksbetriebe. Zudem ist sie Mitglied bei KLUG, der Deutschen Allianz Klimawandel und Gesundheit e.V., einem Netzwerk aus Gesundheitsberufen, die sich mit den Folgen der globalen Erwärmung für die Gesundheit beschäftigen. Der Klimawandel und damit einhergehende Wetterphänomene wie vermehrte Hitzetage belasten Arbeitnehmer in ihrem Arbeitsalltag. Auch wenn es keinen gesetzlichen Anspruch auf "Hitzefrei" gibt, müssen Arbeitgeber und Arbeitnehmer einige Vorschriften beachten. Insbesondere Arbeiter, die im Freien arbeiten und Personen, die zu den Risikogruppen gehören, sind gesundheitlich gefährdet. Was es zu beachten gilt, erzählt Katharina Larisch im Interview.

Interview: "Die Lebensweise der Menschen in südlichen Ländern ist angepasst"

Ist die Arbeitswelt gewappnet für die Auswirkungen des Klimawandels?

Katharina Larisch: Weder die Arbeitswelt noch Deutschland sind darauf vorbereitet, was zu tun ist, wenn größere Hitzewellen kommen. Und das sage nicht ich, sondern der Lancet Countdown Report, der die gesundheitlichen Folgen des Klimawandels analysiert und den Konsens führender Forscher von 43 akademischen Einrichtungen und UN-Agenturen abbildet.

Wo bestehen die Probleme?

In Deutschland wird das Gegenteil gemacht von dem, was sinnvoll wäre. Das fängt bei der Bauweise von Häusern an. Bodentiefe, riesengroße Glasfenster sieht man zum Beispiel nicht in Ländern, in denen es sowieso schon sehr heiß ist. Aber auch die Lebensweise der Menschen in südlichen Ländern ist angepasst an die Temperaturen. Dort sieht man selten Menschen mit kurzen Kleidungsstücken, da sie um die Gefahr von Hautkrebs wissen. Wobei sich allgemein der menschliche Körper nur bedingt an heiße Temperaturen anpassen kann. Schließlich bestehen wir zu einem Teil aus Proteinen, also Eiweißen. Und jeder weiß, was passiert, wenn man ein Ei erhitzt – man kann das Eiweiß nicht mehr verflüssigen, wenn es einmal gestockt ist.

IKK-Studie zu den Auswirkungen des Klimawandels auf das Handwerk

Laut der aktuellen Studie “So gesund ist das Handwerk (2022)”, der IKK classic in Zusammenarbeit mit der Deutschen Sporthochschule Köln und dem Meinungsforschungsinstitut GfK SE, gaben mehr als jeder Vierte der befragten Handwerker an einen starken oder sehr starken Einfluss des Klimawandels bei ihrer täglichen Arbeit zu spüren.

Welche dauerhaften gesundheitlichen Folgen erwarten Sie?

Der weiße Hautkrebs wird weiter zunehmen, schon heute ist es eine anerkannte Berufskrankheit. Hitze ist für alle Menschen schlecht. Insbesondere sind aber Risikogruppen gefährdet. In einigen heißen Ländern wie Katar oder Nicaragua konnte man zum Beispiel beobachten, dass junge gesunde Männer, die körperlich hart arbeiten müssen, ein Nierenversagen entwickelt haben. Sie waren folglich auf eine Dialyse angewiesen. Zuvor hatten sie einige Jahre auf Baustellen oder Feldern gearbeitet und waren starker Hitze ausgesetzt. Man kann sagen, dass schwere Nierenerkrankungen die erste klimawandelbedingte Berufskrankheit werden können.

Sie sprachen von Risikogruppen. Welche sind das?

Die Risikogruppen sind vergleichbar mit den Corona-Risikogruppen. Menschen, die älter als 65 Jahre sind oder Personen mit chronischen Erkrankungen wie Diabetes oder Übergewicht. Bei Menschen mit chronischen Erkrankungen kann es zu einer Verschlimmerung der Krankheiten kommen, da viele gängige Medikamente Einfluss auf die Temperaturregulation haben. Auch bei Kleinkindern sollte man Acht geben, da sie weniger schwitzen und so Wärme schlechter abgeben können.

Nehmen wir als Beispiel Bauarbeiter. Wie sieht das bei ihnen aus?

Wir sollten nicht immer nur auf die Hitze blicken, sondern auch auf die Luftfeuchtigkeit. Hitze gepaart mit einer hohen Luftfeuchtigkeit führt dazu, dass der Körper die Wärme noch schlechter regulieren kann. Der Körper versucht sich über das Schwitzen zu kühlen. Wenn es draußen feucht ist, dann funktioniert das viel schlechter. Generell sollten hart arbeitende Personen wie Bauarbeiter vier bis fünf Liter trinken. Allerdings sollten sie darauf achten, keine zuckerhaltigen Getränke – oder noch schlimmer Energiedrinks – zu verzehren. Man weiß aus der Forschung, dass man durch das Trinken von größeren Mengen Energiedrinks bei Hitze die Nieren schädigen kann. Zucker entzieht dem Körper Wasser. Dadurch kann es dann zu den eben erwähnten Nierenschädigungen kommen. Besser ist reines Wasser oder Saftschorle.

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Berufsgruppen, die im Freien arbeiten, sollten kühlende und lange Kleidung tragen. Die Haut sollte möglichst vor der Sonne geschützt werden. Regelmäßiges Auftragen von Sonnencreme ist unerlässlich, weil es keine gesunde Bräune gibt. Zudem sollten Pausen nach Möglichkeit in kühleren Räumen verbracht werden.

Handreichungen für die Arbeit bei extremer Hitze

Auf den Seiten der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung und der Berufsgenossenschaft Holz und Metall finden Interessierte verschiedene Publikationen zum Thema Hitzearbeit. Weitere Informationen gibt es zudem auf der Seite des Heat-Shield Research Project.