Die neuesten Zahlen einer Untersuchung der KKH Kaufmännischen Krankenkasse sind alarmierend: Immer mehr berufstätige Menschen leiden unter psychischen Belastungen. Grund dafür ist auch der hohe Stresslevel im Job.

Die psychischen Belastungen berufstätiger Menschen in Deutschland sind nach einer Untersuchung der KKH Kaufmännische Krankenkasse im ersten Halbjahr 2023 massiv gestiegen. Die Fehlzeiten wegen seelischer Leiden seien auf 303 Ausfalltage je 100 eigene Versicherte gestiegen – ein Plus von 85 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum, teilte die Krankenkasse am 9. August mit. Im ersten Halbjahr 2022 waren es 164 Ausfalltage, in den ersten sechs Monaten 2021 noch 137. "Diese Entwicklung ist alarmierend, denn wir haben schon jetzt fast das Niveau des gesamten Jahres 2022 erreicht", sagte die KKH-Arbeitspsychologin Antje Judick.
Im gesamten Jahr 2022 registrierte die Kasse 339 Fehltage pro 100 Versicherten wegen Depressionen, Anpassungs- oder Angststörungen. Diese Erkrankungen machen mit momentan 41 Prozent nicht nur die Mehrheit aller psychisch bedingten Krankschreibungen aus. Auch die Arbeitsunfähigkeitsquote stieg am stärksten an (plus 42 Prozent). "Dies zeigt wiederum, dass immer mehr Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer unter ungewöhnlichem Druck, großen Belastungen und Dauerstress stehen", erläutert Judick. Besonders betroffen seien Beschäftigte in sozialen Berufen sowie im Verkauf.
Viele Beschäftigte leiden unter Jobstress
Eine forsa-Umfrage im Auftrag der KKH bestätigt den hohen Stresslevel bei Erwerbstätigen: So fühlen sich 90 Prozent von ihnen zumindest gelegentlich gestresst, rund die Hälfte davon sogar häufig oder sehr häufig. Knapp 60 Prozent der Berufstätigen sagen zudem, der Stress habe in den vergangenen ein bis zwei Jahren zugenommen. Neben der Ausbildung beziehungsweise dem Beruf sowie aktuellen politischen und gesellschaftlichen Themen wie Klimawandel und Inflation (je 47 Prozent) sind es vor allem die hohen Ansprüche an sich selbst, die Arbeitnehmerinnen als besonders stressig empfinden. Dies geben 51 Prozent der befragten Erwerbstätigen an. Weitere Stressfaktoren sind etwa die ständige Erreichbarkeit über Smartphone und soziale Netzwerke (37 Prozent) sowie finanzielle Sorgen (24 Prozent).
Krankschreibung über den Hausarzt
Leidet die Psyche so sehr, dass Arbeiten nicht möglich ist, kann ein Hausarzt krankschreiben, genauso wie eine Psychiaterin und andere Fachärzte und -ärztinnen."Eine Arbeitsunfähigkeit kann ein approbierter Mediziner feststellen, wobei die Entscheidung unter medizinischen Gesichtspunkten getroffen wird", erklärt Roland Stahl von der Kassenärztlichen Bundesvereinigung.
Gerade bei psychischen Leiden steht oft nicht mit dem ersten Besuch in der Arztpraxis fest, welche Erkrankung sich hinter den Beschwerden verbirgt. Einer Krankschreibung steht das nicht im Wege. "Wenn noch keine gesicherte Diagnose vorliegt, wird häufig erstmal wegen eines Erschöpfungssyndroms oder Ähnlichem krankgeschrieben", so Nathalie Oberthür, Fachanwältin für Arbeitsrecht aus Köln.
Übrigens: Dass man als Arbeitgeber über die AU-Bescheinigung von den psychischen Problemen erfährt, ist laut Nathalie Oberthür ausgeschlossen. "Die AU-Bescheinigung wird mittlerweile elektronisch abgerufen, da sieht man keine Diagnose und – anders als früher – auch nicht mehr den ausstellenden Arzt."
Psychischen Erkrankungen bei Mitarbeitern können Arbeitgeber zwar nicht immer vorbeugen. Zumindest aber können sie dafür sorgen, dass ihre Beschäftigten bei der Arbeit nicht überfordert werden. Tipps für Chefs sind in diesem Artikel zusammengefasst:
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dpa/gsa