Interview "Die moderne Handwerksgeschichte weist Lücken auf"

Historiker Ulrich Soénius erklärt, warum Handwerksgeschichte besser erforscht werden muss, wie auch kleine Betriebe dabei helfen können und was das Handwerk von einer umfangreichen Geschichtsschreibung hat.

Der promovierte Historiker Ulrich Soénius ist Direktor der Stiftung Rheinisch-­Westfälisches Wirtschaftsarchiv zu Köln und Vorsitzender des Interdisziplinären Arbeits­kreises Handwerksgeschichte beim ZDH. - © Roland Keusch

Wie gut ist die Geschichte des Handwerks erforscht?

Die Situation ist sehr unterschiedlich. Die Geschichte des Handwerks im Mittelalter und in der frühen Neuzeit ist sehr gut erforscht, teilweise auch über die Stadtgeschichte. Das Handwerk nahm in diesen Zeiten eine zentrale Rolle in den städtischen Führungsschichten ein. Anders sieht es mit der Zeit seit der Französischen Revolution aus. Da sind noch viele Themen unerforscht beziehungsweise bedürfen weiterer Forschung, etwa die Rolle des Handwerks bei der Verbreitung der Industrialisierung oder bei der Entwicklung des demokratischen Staatswesens. Auch soziokulturelle Fragestellungen, wie die Rolle der Frauen oder der Wandergesellen sind wichtig, ebenso wie manche Biografien.

Ich habe den Eindruck, dass die Geschichte der Industrie, aber zum Beispiel auch der Landwirtschaft weitaus umfassender dargestellt ist als die des Handwerks. Täuscht dieser Eindruck?

Teils ist das richtig, aber es kommt immer auf die regionalen Forschungen und die Fragestellungen an, die zum Zeitpunkt der Forschungsaufnahme „modern“ sind. Daher ist es wichtig, eine kontinuierliche Forschung zur Handwerksgeschichte zu initiieren, damit es dauerhaft Themen gibt, in denen das Handwerk einen Niederschlag findet. Die Geschichte der Industrialisierung ist weitgehend erzählt – die der Entwicklung des Handwerks noch nicht ausreichend.

Handwerk wird oft gleichgesetzt mit mittelalterlichem Zunftwesen. In der Betrachtung der Neuzeit dagegen erlahmt das Interesse der Wirtschafts- und Sozialgeschichte am Handwerk. Gerade die Darstellung des Handwerks in der Nachkriegszeit der Bundesrepublik wirkt oft negativ behaftet, also als graue Absteigergeschichte. Wie sehen Sie das?

Den Eindruck teile ich nicht ganz – ich bin eher der Meinung, dass die moderne Handwerksgeschichte Lücken aufweist. Diese gilt es zu füllen, sei es in Hinblick auf die Entwicklung der Berufsbilder, des Einsatzes moderner Technologien oder in der Bedeutung für die Gesamtwirtschaftsentwicklung. Bei der Beschäftigung mit Diskontinuitäten und Kontinuitäten wird das „graue Bild“ schnell Farbe bekommen, da bin ich mir ziemlich sicher. Wobei auch Krisen nicht außer Acht gelassen werden dürfen ebenso wenig wie kritische Zeiten, so zum Beispiel die Rolle des Handwerks bei der Enteignung von jüdischen Handwerkern in der Zeit des Nationalsozialismus.
Konzerne haben oft ein Firmenarchiv, Mittelständler oder Kleinunternehmen nicht.

Liegt auch darin ein Problem, was die Erforschung des Mittelstands und speziell des Handwerks betrifft?

Ja – das ist eindeutig ein Problem, aber nicht alle großen Industrieunternehmen sind da Vorbild. Gerade der Mittelstand und die Kleinunternehmen können mit relativ wenig Aufwand wichtige Quellen verwahren und dann an ein Archiv abgeben, damit sie für die Forschung ausgewertet werden können. Das Handwerk war sich immer seiner Tradition bewusst, hat dies aber nie ausreichend mit der Sicherung von Quellen hinterlegt. Dies gilt auch für die Handwerksorganisation. Handwerkskammern, Kreishandwerkerschaften, Landesinnungsverbände und Innungen haben ebenfalls bedeutende Quellen, die gesichert werden müssen. Der ZDH geht da mit gutem Beispiel voran und archiviert bei uns im RWWA. Auch viele Handwerkskammern haben sich entschlossen, die Unterlagen in die regionalen Wirtschaftsarchive zu geben. So können die Wirtschaftsräume im Handwerk hervorragend dokumentiert werden, aber auch handwerkspolitische Entwicklungen.

"Gerade der Mittelstand und die Kleinunternehmen können mit relativ wenig Aufwand wichtige Quellen verwahren."

Historiker Ulrich Soénius

Wie gut ist die Quellenlage, um das Handwerk zu erforschen?

Die regionalen Wirtschaftsarchive, die leider nicht flächendeckend in Deutschland vorhanden sind, sichern auch die Quellen des Handwerks. Darüber hinaus sind in einigen Kommunalarchiven Bestände zum und über das Handwerk vorhanden. Vor einigen Jahren wollten wir eine Plattform einrichten, die bundesweit die Quellenbestände erfasst und der Forschung anbietet. Dies ist leider an der Finanzierung gescheitert, könnte aber einen Anreiz bieten, sich mit Themen der Handwerksgeschichte zu beschäftigen. Es gibt zwar viele Lücken, aber andererseits auch viele Quellen, die noch ausgewertet werden können.

Was sind überhaupt wertvolle Quellen, die einzelne Betriebe beisteuern könnten? Sind hiermit zum Beispiel Fotoalben, alte Kassenbücher oder auch Rechnungen gemeint?

Das können wichtige Quellen sein, aber auch Auftragsunterlagen, Korrespondenz, Unterlagen über Mitgliedschaften in Kammern, Innungen und Verbänden, sowie über Grundstücke und Gebäude, über berufliche Entwicklungen, zum Personal- und Sozialwesen, wie etwa Lohnbücher, dazu auch Werbe- und Marketingunterlagen. Wir haben von einem Schreinermeister seine Kalender, die er Jahrzehnte geführt hat, übernommen und können so genau nachverfolgen, wie sich die Geschäftstätigkeit entwickelt hat. Wichtig ist, dass Handwerksquellen überhaupt in die Archive kommen – nur so kann das Handwerk auch eine Rolle in der Geschichtsschreibung erhalten.

Wo bestehen die größten Lücken in der Forschung?

Die größten Lücken bestehen meines Erachtens in der Untersuchung über die Rolle der Handwerksbranchen an der wirtschaftlichen Entwicklung, über die Bedeutung beim kulturellen Wandel und über die politische Repräsentation. Aber auch einzelne Zeitabschnitte, wie die beiden Weltkriege, die Rolle des Handwerks im Nationalsozialismus, bei der Entnazifizierung und beim Wiederaufbau, in der DDR-Zeit und bei der Einführung moderner Technologien, müssten noch näher untersucht werden. Spannend sind auch Fragen zur Rolle des Handwerks im ökologischen Wandel und bei der Bewusstseinsbildung über den Umgang mit Roh- und Hilfsstoffen.

"Spannend sind auch Fragen zur Rolle des Handwerks im ökologischen Wandel"

Historiker Ulrich Soénius

Warum ist es wichtig, die Geschichte des Handwerks besser zu erforschen? Wie kann das Handwerk davon profitieren?

Das Handwerk insgesamt kann sehr viel von der Geschichte profitieren, weil die Rolle in der Vergangenheit sehr viele Bezüge zur Gegenwart aufweist und die Richtung in die Zukunft mit gestaltet. Ohne Vergangenheit keine Zukunft – dafür muss aber die Vergangenheit offen und ehrlich erforscht werden. Viele Mosaiksteinchen fügen sich zu einem Bild – daher ist die Geschichte einzelner Handwerksunternehmen von immenser Bedeutung. So können die wirtschaftliche Situation oder die Veränderung im Beruf dokumentiert werden. Die Unternehmensgeschichten werden dann wieder Quellen für größere Fragestellungen.

Wie gefällt Ihnen die Initiative des ZDH, einen Preis für Handwerksgeschichte auszuloben? Was erhoffen Sie sich davon?

Der Interdisziplinäre Arbeitskreis Handwerksgeschichte im ZDH, den wir nach einer ersten Tagung 2013 im Haus des Handwerks gegründet haben, hat diesen Preis wesentlich befördert und freut sich sehr über die Initiative des ZDH zur Umsetzung. Wir glauben, dass der Preis deutlich machen kann, dass Handwerksgeschichte ein Imagegewinn für Branchen und Unternehmen bringt. Zudem ist er Ansporn zur weiteren Beschäftigung mit der Geschichte, die ja bekanntlich immer weiter geht. Wir wollen mit dem Preis viele Unternehmen animieren, Quellen aufzubewahren und diese für die Forschung zur Verfügung zu stellen. Die Ergebnisse werden für Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft gewinnbringend sein, davon bin ich überzeugt.