Interview "Gemüse ist der bessere Kumpel"

Ärztin und Bestseller-Autorin Dr. Anne Fleck über die richtige Ernährung für Handwerkerinnen und Handwerker, die besonderen Leiden körperlich hart arbeitender Menschen und ungesunde Brotzeiten auf der Baustelle.

Dr. Anne Fleck, Ärztin, Bestseller-Autorin und RTL-Gesundheitsexpertin - © Asja Caspari

Wer sich richtig ernährt, der wird in der Regel seltener krank. Und wer krank ist, kann vielleicht bei einigen Krankheitsbildern durch richtige Ernährung wieder gesund werden. Ist das wirklich so?

Anne Fleck: Richtig, das ist wirklich so und das ist faszinierend. Ernährung, wenn sie individuell zum Menschen passt, ist ein scharfes Schwert. Das wird häufig unterschätzt. Es ist deswegen so etwas wie mein Lebenswerk und Auftrag, Menschen für das Thema Gesundheit und Ernährung zu begeistern, aber ohne Dogmatik und rigiden Zeigefinger. All diese Krankheiten wie Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Demenz und Krebs fallen nicht vom Himmel, sie kommen nicht plötzlich. Sie sind, das ist sogar wissenschaftlich belegt, auch bedingt durch unseren Lebensstil und durch kleine Entscheidungen, die wir Tag für Tag treffen. Natürlich gehören aber der Genuss und die Freude immer auch auf den Teller und ins Leben.

Also schweren Krankheiten kann man durch die richtige Ernährung entgegenwirken?

Absolut. Ich glaube, dass durch die individuell passende Ernährung unter Umständen Medikamente und Therapieansätze besser greifen. Sehr große Erfolge erzielt man natürlich gerade bei ernährungsbedingten Krankheiten wie Diabetes Typ-2 oder Übergewicht und auch bei Bluthochdruck und Entzündungskrankheiten. Aber es ist auch bekannt, dass die richtige Ernährung hilft, Krebs vorzubeugen.

"Ich bin ein Fan des Handwerks."

Dr. Anne Fleck

Kommen wir zum Handwerk. Handwerker müssen oft körperlich hart arbeiten. Was erleben Sie in Ihrer Praxis, was empfehlen Sie?

Ich bin ein Fan des Handwerks. Wir müssen den Wert dieser wunderbaren Berufe herausstellen. Eine Welt ohne Profis, ohne Handwerk ist ja gar nicht denkbar. Auch deshalb ist es so wichtig, dafür zu werben – und Menschen, die im Handwerk arbeiten, gesund zu erhalten. Für körperlich hart arbeitende Menschen gilt umso mehr: Es ist nicht nur wichtig, was ich esse. Auch der Zeitpunkt spielt eine große Rolle. Vor allem sollte man immer auf seine individuellen Verträglichkeiten und Vorlieben achten. Einen Tipp hätte ich: Wir essen sehr kohlenhydrat- und getreidelastig. Wer sich mehr bewegt, der kann davon auch deutlich mehr essen. Aber es ist zum Beispiel belegt, was geschieht, wenn wir zu viel Getreide essen. Getreide hat viel Omega-6, das ist eine Fettsäure, die Entzündungen fördert. Um diesem ganzen Potpourri der Entzündungskrankheiten vorzubeugen, die ich eben erwähnte - also Herzinfarkt, Schlaganfall, Diabetes, Demenz, Krebs - , ergibt es Sinn, antientzündlich und darmgesund zu essen.

Und was trägt dazu bei, sich anti-entzündlich zu ernähren? 

Ein hoher Anteil an Obst und Gemüse, viel Kräuter, viel Gewürze und Kohlenhydrate nach Ausmaß der Bewegung. Körperlich arbeitende Handwerker können davon wie gesagt mehr essen, aber zum Beispiel wäre mein Tipp, das Frühstück anders zusammenzustellen. Vielleicht eine Handvoll Nüsse, eine Handvoll Mandeln, eine Handvoll Kerne und ein Bio-Apfel dazu geben. Es muss nicht immer das Weißmehl-Brötchen mit Belag sein.

Das heißt konkret?

Ich würde Handwerkern empfehlen, sich zum Beispiel morgens im Supermarkt etwas länger bei der Obst- und Gemüse-Theke aufzuhalten. Ich esse zum Beispiel gerne Bananen. Eine normale, reife Banane ist zudem hygienisch verpackt. Die kann man also theoretisch auch mit verstaubten Fingern hygienisch gut essen. Oder eine Avocado: Wenn man ein schönes Taschenmesser dabeihat, kann man die auslöffeln. Auch hart gekochte Eier gibt es im Supermarkt, leider oft nicht in Bio-Qualität. Und bei Brot oder Getreide unbedingt darauf achten, dass es nicht nur weißes Getreide ist, sondern volle Körner. Denn nur bräunlich gefärbtes, fein gemahlenes Vollkorn-Getreide hat den gleichen Blutzucker-Reiz wie weißes Getreide. 

Also morgens eine Obstzeit statt eine Brotzeit machen?

(lacht) Ich würde tatsächlich nicht mehr von einer Brotzeit sprechen. Ich habe die morgendliche Rezeptur mal das Doc-Fleck-Frühstück genannt. Diese Rezeptur bedeutet eigentlich ganz viele Rezepturen, weil jeder für sich etwas entwickeln muss, das ihm Freude macht. Und dann klappt das auch! Die Doc-Fleck-Rezeptur geht auf die moderne Fettforschung zurück, auch auf die Forschung von Johanna Budwig. Das heißt, man kombiniert Eiweiß und Fett mit Ballaststoffen. Das hat eben auch eine stark anti-entzündliche Komponente und der Anteil an Eiweiß und Fett bedeutet, man ist auch sehr, sehr lange satt. Die Besonderheit des Doc-Fleck-Frühstücks geht auf eine spezielle Ölmischung zurück, diese beinhaltet Algenöle (also spezielle omega-safe patentiert gepresste Omega-3-Öle mit Zusatz von DHA und EPA, den langkettigen Fettsäuren, etwas Weizenkeimöl als Antioxidationsschutz und Zusatz von Vitamin D).

Wir beobachten, dass sich morgens bereits Handwerker-Kolonnen in Lebensmittelläden tummeln und sich mit Fertigprodukten eindecken. Da gibt es abgepackte Sandwiches, Gebäck, Eistee oder Cola und mittags geht es weiter mit einer Schnitzelsemmel oder einem Fleischkäse. Was bewirkt eine solche Ernährung?

Nicht der einzelne Snack ist das Problem. Was bedenklich ist, ist die Summierung von ungünstigen, ja entzündungsfördernden Prozessen im Körper. Was auch unterschätzt wird, das ist zum Beispiel, wenn andauernd ein Hustenbonbon gelutscht wird. Damit haben wir den Blutzucker-Reiz. Auch Milchkaffee setzt einen Blutzucker-Reiz. Und mit jedem Blutzucker-Reiz passiert folgendes: Das Insulin, also das Blutzucker senkende Hormon, wird ausgeschüttet. Nährstoffe werden in die Zelle gedrückt. Je höher der Blutzuckerreiz umso stärker ist die Insulinantwort. Umso stärker der potenzielle Heißhunger.

Und welchen Einfluss hat die Qualität der Speisen?

Viele Fertigprodukte sind der Gesundheit nicht zuträglich, Produkte mit vielleicht minderwertigen Fetten wie Transfette oder stark verarbeitete Speisen. Getränke gehören übrigens genauso unter die Lupe genommen.

"Getränke gehören genauso unter die Lupe genommen."

Dr. Anne Fleck

Zuckerarmes Obst ist zu bevorzugen. Können Sie eine Top-3 der Obstsorten nennen?

Also zum Beispiel Beeren jeder Art: Himbeeren, Heidelbeeren, Brombeeren, Johannisbeeren, Stachelbeeren, aber auch der Apfel, die Birne. Gemüse steht dem im Übrigen in nichts nach, also Rotkohl ist ein Vitamin-C-Tausendsassa, auch Brokkoli und Kohlgemüse haben sehr viel Vitamin C.

Welches Obst ist "ungesund"?

Also ich möchte niemandem Angst machen, Obst zu essen. Man muss nur wissen, Obst hat auch Fruchtzucker und zu viel Fruchtzucker ist der Gesundheit nicht ganz zuträglich. Es gibt keinen Nährstoff, den man nicht übers Gemüse abdecken könnte. Gemüse ist der bessere Kumpel für die Gesundheit, weil es keinen starken Zuckerreiz setzt.

Wie steht es mit Fruchtsäften?

Säfte sollte man wirklich sehr, sehr maßvoll genießen, denn Säfte haben einfach einen riesigen Blutzucker-Reiz. Wenn sie einen ehrlichen Apfel essen, dann haben sie durch das Ballaststoff-Phänomen im Apfel eine geringere starke Blutzucker-Reizung. Wenn man aber Apfelsaft oder Orangensaft trinkt, geht der Blutzucker unmittelbar sehr hoch, das wird unterschätzt. Umgekehrt, kann man den Apfel kombinieren mit einer Handvoll Nüsse, Mandeln oder Samen und hat den Blutzucker etwas stabiler gehalten. Und das ist wunderbar, weil man dann eben nicht gleich wieder Heißhunger hat. Oder greifen Sie zum hartgekochten Ei, am besten in Bio-Qualität. Dann haben sie auch eine sehr lange Sättigung. Auch eine abgepackte Forelle mit ein bisschen Zitronensaft hat eine schöne Sättigung.

Bleiben wir bei den Getränken, das ist ja gerade im Sommer ein wichtiges Thema. Also Wasser, Wasser, Wasser, Tee vermutlich oder und beim Kaffee nur ohne Milch…

Es gibt eine neue wissenschaftliche Arbeit, die ich sehr faszinierend fand. Das auch ein schwarzer Kaffee einen kleinen Blutzucker-Reiz hat. Besser ist also Kaffee ohne Milch oder ohne Milch-Ersatz. Und es gibt wirklich viele wunderbar schmeckende Tee-Sorten. Ich habe in der Praxis eine Riesen-Thermoskanne, die sieht aus wie für einen großen Camping-Ausflug gemacht. Darin befinden sich Gemische wie Löwenzahn, Brennnessel oder Kräutertee. Ich trinke gerne lauwarme Getränke, es ist ja sogar belegt, dass das eher förderlich ist. Brennnessel oder Löwenzahn zum Beispiel gibt es sogar auch als fertige Mischungen. Sie fördern die Entgiftung der Leber und der Niere und Entgiftung ist so wichtig. Wir sind ständig und überall Belastungen ausgesetzt, gerade auch wenn man im Handwerk arbeitet, vielleicht mit Lacken und Farben.

Wie viele Mahlzeiten pro Tag sind angemessen?

Also erstmal sollte man immer essen, wenn man Hunger hat – und damit meine ich ehrlichen Hunger. Also nicht essen aus Langeweile, Leere oder als Ritual, wenn man abends nach Hause kommt. Es gibt das Phänomen, dass Leute eigentlich den Tag über wenig gegessen haben, und abends bricht der Deich und dann werden auch viele sinnlose Sachen verspeist. Wenn es die Gesundheit zulässt, könnte man zum Beispiel überlegen, eine Nahrungspause machen zwischen Abendessen und Frühstück. 

"Also erstmal sollte man immer essen, wenn man Hunger hat – und damit meine ich ehrlichen Hunger."

Dr. Anne Fleck

Forscher haben herausgefunden, dass viele Menschen in Japan oder in Mittelmeerländern ein hohes Alter bei guter Gesundheit erreichen. Was halten Sie von der Mittelmeer-Diät?

Ein Kennzeichen der mediterranen Ernährung ist ganz klar ein großer Gemüse- und Kräuter-Anteil. Wir haben auch gutes Olivenöl der Qualität extra vergine, was ein tolles Universalöl ist für die Küche. Und man hält vor allen Dingen auch das gesunde Maß. Es gibt diesen Spruch der alten japanischen Großmütter: Ich esse, bis ich 80 Prozent satt bin. Also nicht, bis der Bauch einem weh tut, sondern bis man eigentlich noch ein bisschen essen könnte und legt dann die Gabel weg. Und wichtig ist auch die Gemeinschaft. Deswegen auch mein Appell: Suchen sie die Gemeinschaft mit Menschen auch beim Essen.

Ein wichtiges Thema bei Handwerkern ist, dass Muskeln und Skelett sehr beansprucht sind. Und daraus folgen einige Erkrankungen. Wie kann ein Handwerker von der Ernährung her entgegenwirken?

Wenn wir an die abnutzungsbedingte Arthrose denken, so ist die Prävention wichtig. Also man sollte schon junger Mensch generell die Frage stellen, auch im Sinne des guten Arbeitsschutzes: Wie bewege ich mich, wie trage ich Lasten – einfach um den körperlichen Verschleiß im Rahmen zu halten. Und dann empfehle ich generell eine gesündere Bewegung im Alltag, am besten in den Alltag einbauen. Das können zehn Kniebeugen auf dem Weg in die Küche sein oder ein regelmäßiges Dehnen der Nackenmuskulatur oder auch das Lockern des Kiefers. So summieren sich im Laufe eines Tages und im Laufe eines Lebens viele gesundheitsförderliche Prozesse,

Haben Sie noch einen Tipp, was Handwerker für ihren Bewegungsapparat tun können?

Die Gelenke lieben, wie fast alles im Körper, eine gute Vitamin-C-Versorgung. Man kann den Körper zum Beispiel auch wunderbar tiefenentsäuern: mit Basenbädern. Entsäuern, das wird leider in den klassischen Beratungen oft vergessen, halte ich für eine grundlegende Thematik. Wer eine Badewanne hat, kann ein Basen-Bad nehmen, gut ist auch ein Fußbad mit Basenpulver, das geht ganz schnell, ist nicht aufwändig und lässt sich sogar abends beim Fußballspiel vor dem Fernseher machen. Und natürliche Entsäuerung funktioniert über die Ernährung: viel basenüberschüssige Lebensmittel verzehren, hilft Arthrose zu lindern und vorzubeugen, also wiederum viel Gemüse.

>>> Hier können Sie den Podcast "Handwerk erleben – Der Talk im Handwerker Radio" mit Dr. Anne Fleck in voller Länge anhören: "Dr. Anne Fleck, welche Rolle spielt die Ernährung für die Gesundheit im Handwerk?"